Gegründet 1947 Sa. / So., 29. / 30. November 2025, Nr. 278
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Literatur, Beilage der jW vom 15.10.2025
Sachbuch

Wo sind die Bruchstellen?

Stärken und Schwächen einer fundamentalen Kritik: Lukas Meisner über »Fluch(t)« im totalen Westen
Von Kai Köhler
23.jpg

Früher einmal bin ich an einem Buch von Lukas Meisner gescheitert. In »Medienkritik ist links« von 2023 zeigte er brillant auf, dass vielmehr als eine »Lügenpresse« blökende Rechte die Linken Grund haben, die kapitalistisch organisierten Medien zu entlarven. Verbunden war dies freilich mit dem so ambitionierten wie unzureichenden Versuch, das jeweils Brauchbare aus der alten klassenkämpferischen Linken und der antiautoritären Neuen Linken in einer »Neuesten Linken« zusammenzufassen. Wie bringt man das in einer Rezension zusammen? Da schrieb ich erst einmal einen einfacheren Artikel. Dann einen zweiten und noch ein paar davon. Und dann lag der Erscheinungstermin zu weit zurück.

Ich war also gewarnt. Und tatsächlich ist Meisners neues Buch »Fluch(t)« zugleich Familiengeschichte, soziographische Erzählung des eigenen Bildungswegs, Kritik disziplinarischer Einrichtungen wie der Schule und des Arbeitsamts, Analyse der Geschichte von Sowjetunion und DDR mitsamt der Gründe ihrer Niederlage, Entlarvung der danach triumphierenden marktfundamentalistischen Wertsetzungen und ihrer Verbindung zur gegenwärtigen Faschisierung, eine historische Archäologie Berlins und eine Neufassung des Begriffs des Sozialistischen Realismus. Die Aufzählung ist unvollständig.

Das Mit- und Ineinander ist gewollt. Meisner hält literarische Genres für »Scheuklappen« und in seiner Version des Sozialistischen Realismus verbinden sich Kunst, Theorie sowie eine von Christa Wolf übernommene »innere Authentizität« – was immer die mit Schreiben zu tun haben mag. Solcherlei »postbelletristische Prosa« müsste indessen neue Regeln ausbilden, um das individuell Besondere mit dem Allgemeinen zu verbinden. Das gelingt hier nicht.

Es ist zudem nicht schwierig, das Ärgerliche dieses Buchs zu benennen. Meisner geht es um einen »demokratischen Kommunismus« (in Abgrenzung zum Begriff eines »demokratischen Sozialismus«, den er mit guten Gründen durch eine systemkonforme sozial­demokratische Reformpolitik diskreditiert sieht). Aber er macht es potentiellen Beteiligten schwerer als notwendig, indem er enorme theoretische Apparate und Begrifflichkeiten auffährt, mit immerhin 885 Fußnoten. Was er zu sagen hat, ließe sich sehr viel einfacher vermitteln.

Und Meisner hat was zu sagen. Seine komprimierten, kritisch-solidarischen Darstellungen von Sowjetunion und DDR sind erkenntnisfördernd. Aus seiner Sicht war nicht der Sozialismus ein Fehler, sondern ein Zuwenig an Sozialismus. Von ähnlichen Kritiken unterscheidet sich die seine, indem er historische Problemlagen berücksichtigt: Ja, die Sowjetunion übernahm für ihre Industrialisierung Produktionsmethoden aus dem kapitalistischen Ausland; aber nein, ohne Übernahme und Industrialisierung kein Sieg über den Faschismus.

Doch war das Erreichte nicht genug. Ein Strang der Darstellung ist die Biographie seines Autors. 1989, kurz vor der Maueröffnung, setzten sich Meisners Eltern aus der DDR in die BRD ab. Dadurch, wie dort etwa Behörden mit ihnen umsprangen, lernten sie bald, was Ausbeutung wirklich heißt. Lukas, geboren 1993, galt auf dem baden-württembergischen Gymnasium, auf das es keine Migrantenkinder geschafft hatten, die man hätte hänseln können, als Ossi. Ferienaufenthalte bei Verwandten in den neuen Bundesländern boten Gelegenheit zur Ruhe.

Seit Didier Eribons »Rückkehr nach Reims« (2009) ist das Genre der gesellschaftsanalytischen Autobiographie gängig. Meisners Darstellung ist stimmig: Die familiäre und individuelle Ost- und Westerfahrung führt zu einem Dazwischen, diesen Standpunkt nimmt er auch mit seinem methodisch-politischen Herangehen ein. Die Beschreibung der Studienjahre, mitsamt des Karrierismus, Opportunismus und der grundsätzlichen Geistfremdheit der meisten Nachwuchsleute, die sich irgendwie im Betrieb der kaputtreformierten und ökonomisierten Universitäten einzunisten versuchen, überzeugt. Das gilt auch für seine Kritik an den scheinbar oppositionellen Strömungen, denen die arg geschrumpfte universitäre Westlinke zumeist anhängt und die Meisner bald als systemstabilisierend durchschaute: die Frankfurter Schule und einen Poststrukturalismus, von dem er einige kritische Elemente zu retten versucht. So unterscheidet sich sein methodisches Handwerkszeug deutlich von dem traditionssozialistischen. Doch folgt er nicht jener Mehrheit der Westlinken, die immer noch glaubt, mit der Geschichte der realsozialistischen Staaten nichts zu schaffen zu haben und folglich von deren Erfolgen und aus deren Scheitern auch nichts lernen kann.

Jede Autobiographie ist teleologisch. Das Leben hat ein Ziel, und der berühmte Musiker wird höchstens nebenbei erzählen, dass er als Elfjähriger auch ziemlich gut Tischtennis spielte. Meisners Darstellung ist davon in allzu großem Maß geprägt: Das vorab Gewusste Gesellschaftsanalytische droht das Auto­biographische zu erdrücken. Im Schulkapitel zum Beispiel wird einleitend die Schule als staatliche Disziplinarorganisation herausgestellt, deren einziger Zweck darin besteht, spontane Lernfreude zu zerstören und statt dessen zur Ausbeutung geeignete Subjekte mit autoritärem Charakter zu produzieren. Die tatsächlichen Erfahrungen entsprechen dem zum großen Teil, aber eben nicht komplett. Es gab die Lehrerin, die tatsächlich wertvolle Erkenntnisse vermittelte und Freiräume zum eigenbestimmten Lernen öffnete. Der junge Lukas fand in der Schule eine Freundin, mit der er sich austauschen konnte. Die Institution hat im Kapitalismus ihren Zweck. Aber indem sie ihren Zweck zu erfüllen sucht, schafft sie Möglichkeiten, über diesen Zweck hinauszugehen – allein schon, indem sie Menschen zusammenbringt und diese dazu zwingt, ein Mit- oder Gegeneinander zu lernen.

Der Einwand ist nicht nebensächlich. Im Buchtitel sind die Flucht und der Fluch vereint. Ein Teil des Fluchs ist, dass nach 1989/90 laut herrschender Ideologie die Flucht nicht mehr möglich ist. Der Kapitalismus hat kein Außen mehr, sondern herrscht überall. Damals wurde das Ende der Geschichte ausgerufen: In Zeit und Raum beanspruchte der Westen einen unendlichen Sieg. »Die Sintflut heißt Westen«, lautet zu Recht der Untertitel. Prägnant, anschaulich und argumentreich zeigt Meisner, wie der konkurrenzlose Kapitalismus in seiner neoliberalen Phase Globus und Individuen verheert.

Kritik am Neoliberalismus ist nicht ungewöhnlich, doch soll es sich angeblich um Auswüchse des bestehenden Systems handeln, nicht um dessen Konsequenz. Meisner wagt sich weit vor, indem er den »Westen« als Gegner markiert. Sind sich doch die als links geltenden Opportunisten der Grünen und auch eines großen Teils der Linkspartei einig, dass die Westbindung eine Erfolgsgeschichte sei, aber leider seit der Finanzkrise 2008 und mit dem Erfolg von »Rechtspopulisten« schwer erklärbare Ärgernisse auftauchen. Meisner dagegen weist nach, dass der Erfolg der Rechten nicht im Gegensatz zum vorangegangenen der Liberalen steht, sondern dessen Konsequenz ist – und dass entsprechend die vorgebliche »Mitte« mehr und mehr Positionen der Rechten übernimmt.

Nun steht der Rezensent hoffentlich außer Verdacht, für den Westen auch nur die versteckteste Sympathie zu hegen. Auch freut er sich über Meisners Inte­resse am »Süden« und »Osten« – all dies nicht als geographische, sondern politische Begriffe verstanden. Er teilt Meisners Vorliebe für Berlin als einer Stadt, die trotz aller Gentrifizierung immer noch von Geschichte geprägt ist und die – im Kontrast zu Bonn oder Frankfurt – noch Östliches hat. Der Einwand, um auf den zurückzukommen, ist nicht nebensächlich, weil man darüber streiten muss, wie man den westlichen Block aus Liberalen und Faschisten besiegen kann.

An diesem Punkt bleibt Meisner undeutlich. Mehrfach äußert er Sympathie für die DDR-Bürgerrechtsbewegung von 1989, die mehrheitlich keinen Anschluss an den Westen, sondern einen demokratischen Sozialismus gewollt habe. Dem mag ja so sein. Aber darüber zu jammern, dass die bösen Westler sofort in die DDR interveniert hätten, ist sinnlos. Der Gegner ist und bleibt der Gegner, entsprechend führt er gegnerische Handlungen aus. Wer das nicht einkalkuliert, verliert zu Recht.

Wenn die Sieger von 1989 ihrerseits zu besiegen sind, dann nur, weil ihr Sieg seinerseits zu Widersprüchen führt. Statt die Totalität der damals entstandenen Welt hervorzuheben, ginge es darum, ihre Bruchstellen zu finden und an diesen Punkten Auseinandersetzungen zuzuspitzen. Wie in den Kämpfen des 20. Jahrhunderts, die Meisner würdigt, werden die Beteiligten nicht einfach nette Menschen sein, sondern sie werden wiederum eine Härte und Disziplin ausbilden, von der er sich gern lösen würde. Wer sein Buch als kritische Kritik liest, findet viele brauchbare Gedanken. Wer die politischen Erfordernisse der Gegenwart sieht, bleibt skeptisch.

Lukas Meisner: Fluch(t). Die Sintflut heißt Westen. Mandelbaum-Verlag, Wien 2025, 335 Seiten, 26 Euro

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

  • Unermüdlich: Jürgen Kuczynski, geboren am 17. September 1904 in ...
    05.08.2022

    Ein Jahrhundertleben

    Vor 25 Jahren starb der marxistische Ökonom und Historiker Jürgen Kuczynski. Erneute Annäherungen
  • So fröhlich? Kann das sein? Den westdeutschen Historikern fällt ...
    09.11.2021

    Was bleibt?

    Die DDR in der deutschen Geschichte – Leerstellen, Irrwege, Anregungen

Mehr aus: Feuilleton