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Aus: Literatur, Beilage der jW vom 15.10.2025
Sachbuch

Du musst nicht dran glauben

… du musst es nur tun. Der brasilianische Philosoph Vladimir Safatle untersucht den »Zynismus und das Scheitern der Kritik«
Von Gert Hecht
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Mit jeder »Zeitenwende« wird der innere und äußere Kriegszustand umfassender und vertrauter. Manchen kann es bei der geistigen und praktischen Mobilmachung gar nicht schnell genug gehen, andere zieren sich noch mit Bauchgrummeln. Restbestände von Vernunft schwinden wie Eisschollen im wärmer werdenden Ozean, wer nicht mittun will, ist auf sich selbst zurückgeworfen. Und auf die alte Grundfrage in der politischen Philosophie der Moderne, die der weitsichtige Brillenschleifer Spinoza stellte: »Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil?« Ja, warum eigentlich? Weil sie es nicht besser wissen? Weil sie es glauben? Oder weil sie an nichts glauben?

Die Frage stellt sich um so dringlicher, je weiter die völlige Implosion der fortschrittlichen Milieus der westlichen Welt fortschreitet. Wie überflüssiger Ballast wird sich nicht nur allerlei früherer Überzeugungen, sondern vor allem jener intellektueller Mittel entledigt, mit denen man einst der Gesellschaft ihre Irrationalität, Kaputtheit und Rückständigkeit vorgehalten hatte. Zur Strafe gibt’s Empörungsprofis wie Carolin Emcke und Jan Böhmermann. Selbst im Herzen der hyperpolitischen und ironischen Hipsterkultur, die alle gesellschaftlichen Zumutungen als Fiktionen und Konstruktionen enttarnte und sich selbst leidenschaftlich davon distanzierte, schien man wie auf den Befehl zum Strammstehen zu warten. Der »Ernstfall« pulverisierte plötzlich jegliche Kritik.

Die kritische Theorie in der Bundesrepublik hat sich in den vergangenen Jahren schwergetan, den neuen Konformismus zu fassen. Statt die Gesellschaft als solche in den Blick zu nehmen, schaute man sich vor allem die geistige Verfasstheit einzelner Kippmilieus an, wie die autoritär gewordenen Liberalen (Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger) oder die Normalitätssehnsüchtigen (Stephan Lessenich). Wer sich jedoch nicht nur für die Subjektivierungsmechanismen der »anderen«, sondern die gesellschaftlichen Bewegungsgesetze interessierte, landete fast zwangsläufig bei den Befunden von Andreas Reckwitz über die Klassenspaltung der »Gesellschaft der Singularitäten« oder von Steffen Mau über die Klassenspezifik der »Kulturkämpfe« mit ihren »Triggerpunkten«.

Nur scheint es bisher keine überzeugende Theorie zu geben, die das Problem schiefheilender Subjektivierung im Spätkapitalismus mit dessen Rationalisierungsformen zusammenbringt. Bisher. Denn der neugegründete Tentare-Verlag hat nun ein Buch aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzen lassen, das man eine der bedeutendsten gesellschaftstheoretischen Publikationen unserer Zeit nennen muss: »Zynismus und das Scheitern der Kritik« von Vladimir Safatle. Der 1973 geborene Safatle, der an der Universität von São ­Paulo sowohl Philosophie als auch Psychologie lehrt, ist einer der wichtigsten linken Intellektuellen Brasiliens. Er schreibt nicht nur Bücher über Psychoanalyse und Dialektik, sondern ergreift auch in Zeitungen und im Fernsehen das Wort. Auch ein Amtsenthebungsverfahren gegen den damaligen Präsidenten Jair Bolsonaro trieb Safatle voran.

Safatles Buch stammt strenggenommen noch aus der Vorzeit der »Zeitenwenden«, im Original ist es bereits 2008 erschienen. Den analytischen Gehalt schmälert das keineswegs. Auch in Brasilien wurde dieses Jahr eine Neuauflage veröffentlicht, das dazugehörige Vorwort ist zum Glück auch Teil der deutschen Ausgabe. Safatle fragt sich, wie man im Schoße der scheinbar postideologischen Gesellschaften so empfänglich dafür werden konnte, die Gesellschaft zu formieren und zu normieren. Die Erklärung, dass es sich um vom glorreichen Fortschritt unberührte archaische Überreste oder allein vom Hass verseuchte Sumpfgebiete des gesellschaftlichen Seins handelt, in denen die von Habermas gerühmte »kommunikative Vernunft« nie Wurzeln schlagen konnte, lässt Safatle nicht gelten. Er ist ein kritischer, ein dialektischer Denker, kein Apologet der linksliberalen »­Mitte«.

Was Safatle mit Zynismus beschreibt, ist mehr als die aus der Antike bekannte Geisteshaltung. Er beschreibt eine spätkapitalistische Lebensform, die die Ironisierung aller Verhaltensweisen zur Grundlage hat. Man könnte sagen, dass die unausweichliche Vorsilbe »post-« (postmodern, postkapitalistisch, postpolitisch etc. pp.) den Charakter dieser Ironisierung treffend beschreibt: Man glaubt nicht mehr dran, bleibt aber doch am Ungeglaubten kleben. Safatle beruft sich auf Hegel, der bereits die Substanzlosigkeit solcher Ironie kritisierte, damals bei den Romantikern. Die Negation der Ironie ist bloße Pose. Das ist nach ­Safatle heute die Geschäftsgrundlage des gesamten Kapitalismus geworden. Man muss nicht dran glauben, man muss es nur tun. Der ungeglaubte Glaube bindet die Subjekte sogar noch stärker an ihre Knechtschaft (siehe Spinoza), weil alles möglich ist, aber folgenlos bleiben muss – auch Kritik.

Safatles Überlegungen sind auch eine kritische Antwort auf Habermas’ »Legitima­tionsprobleme des Spätkapitalismus« (1973). Der Kapitalismus hat in breiten Gesellschaftsschichten an Glaubwürdigkeit verloren? Das Problem wurde nach Safatle so gelöst, dass kein neuer Geist des Kapitalismus Einzug gehalten hat, sondern seine Geistlosigkeit inzwischen eingestanden ist. Wissen und Handeln sind getrennt. In ihrer Kluft darf sich jede Differenz austoben, solange sie sich nur nicht zur handfesten Negation auswächst. Alle dürfen glauben, was sie wollen, solange sie sich so verhalten, als würden sie nicht daran glauben, sondern der »unsichtbaren Hand« des Marktes und dem »stummen Zwang der Verhältnisse« gehorchen. Wie man das alles aushält, darf man selbst wählen. Die ironische Identifikation und zynische Bindung verbinden Heilsversprechen mit Knechtschaft.

Für Safatle ist das kein geistiger Defekt, sondern Ausdruck einer die Gesellschaft beherrschenden zynischen Rationalität. »Für den Zyniker ist es nicht nur vernünftig, zynisch zu sein, rational sein kann man nur, indem man zynisch ist«, schreibt er. ­Safatle setzt damit das Programm der älteren Kritischen Theorie vor Habermas fort: die Kritik der sozialen Totalität. Auch wenn es keine ausgearbeitete Theorie des Zynismus in der Frankfurter Schule gab, so doch einige Hinweise auf eine solche. »Die Heuchelei ist zynisch geworden; sie erwartet nicht einmal mehr, geglaubt zu werden«, schreibt Max Horkheimer in »Zur Kritik der in­strumentellen Vernunft«. Und bei Adorno heißt es: »Keiner glaubt keinem, alle wissen Bescheid.« Der Zynismus (und die Bescheidwisserei als sein subjektiver Reflex) erscheint als die eine negative Aufhebung der klassischen Ideologie.

Die zynische Rationalität stellt, wie im Titel mit dem »Scheitern der Kritik« bereits angedeutet, auch die Ideologiekritik vor Probleme. Wo eingestandenermaßen nichts mehr geglaubt werden muss, läuft der Vorwurf, dass es sich beim Nichtgeglaubten um Mumpitz handelt, ins Leere. Nach Safatle muss man mit einer Kritik der libidinösen Ökonomie ansetzen, die diese Form der Identifikation und Bindung grundsätzlich erschüttert. Safatles Buch ist auch eine Warnung, die »Kulturkämpfe« der Gegenwart – statt als Schaugefechte konträrer zynischer Rationalisierung – als echte Glaubenskriege misszuverstehen. Dass die Positionen in ihrer Substanzlosigkeit austauschbar sind, hilft zuletzt auch zu erklären, warum mit jeder »Zeitenwende« (Corona, Ukraine, Migration, Sozialpolitik usf.) der in der Basis immer stärker zementierte Konformismus auch im Überbau durchbricht, ohne jedoch zu Bewusstsein zu kommen.

Vladimir Safatle: Zynismus und das Scheitern der Kritik. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Stephan Gregory. Tentare-Verlag, Freising 2025, 320 Seiten, 24 Euro

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