Der Arzt hat zu tun
Von Thomas Salter
Ich musste bei der Lektüre von Thomas Pikettys neuestem Buch an einen alten Arztwitz denken, in dem ein Patient dem Herrn Doktor seine zahlreichen Leiden klagt: »Wenn ich hier drücke, tut’s weh. Und wenn ich hier drücke. Und hier.« Der Arzt darauf: »Naja, Ihr Finger ist gebrochen.« Willkommen also in der Sprechstunde von Dr. Piketty, der sich in »Für einen ökologischen Sozialismus« auf rund 200 Seiten seinem leidenden Patienten Menschheit annimmt – leider ohne die scharfsinnige Diagnose »Fingerfraktur«, sprich: Kapitalismus.
Dabei ist der französische Wirtschaftswissenschaftler Piketty eigentlich ein für seine Zunft ungewöhnlich gründlicher Diagnostiker, wie er in seinem Bestseller »Das Kapital im 21. Jahrhundert« (2014) bereits unter Beweis gestellt hat. Dort formulierte er unter Auswertung sehr großer wirtschaftlicher Datensätze die für Marxisten zugegeben wenig überraschende These, dass wachsende Ungleichheit dem Kapitalismus inhärent sei, zusammengefasst in der Formel r > g, also: Einkommen aus Kapital wächst stärker als die Gesamtwirtschaft.
Auch im neuen Buch liest Piketty aus der verfügbaren ökonomischen Krankenakte westlicher Gesellschaften mit beeindruckender Präzision Metastasen und Brüche heraus: In den hier zusammengestellten 40 übersetzten Kolumnen, die er zwischen September 2020 und April 2025 für die französische Tageszeitung Le Monde geschrieben hat, unternimmt er laut Untertitel »Interventionen« in den politischen Alltagsdiskurs. Diese volkswirtschaftlichen Gesundheitstipps leitet er ein mit dem 50seitigen Essay »Für einen ökologischen Sozialismus«.
In den versammelten Texten thematisiert Piketty etwa die steigende Vermögensungleichheit in westlichen Gesellschaften seit 1980, die parallel dazu sinkende progressive Besteuerung von höheren Einkommen oder die immer noch sichtbaren Frakturen der französischen Kolonialgeschichte.
Für akute Beschwerden liefert Piketty so wertvollen Kontext: Während sich aktuell in bürgerlichen Medien sämtliche Kommentatoren einig zu sein scheinen, dass Frankreich über seine Verhältnisse lebt und Kürzungen im Sozialstaat unvermeidbar sind, könnte den selbsterklärten Sozialdemokraten unter ihnen ein Blick auf Pikettys Analyse helfen. Demnach sind in Frankreich die 500 größten Vermögen seit 2010 von 200 auf 1.200 Milliarden Euro gewachsen. Sogar eine moderate Sondersteuer von zehn Prozent auf diese 1.000 Milliarden Bereicherung würde laut Piketty so viel einbringen wie sämtliche von der Regierung für die kommenden drei Jahre geplanten Haushaltskürzungen.
Nicht nur hier hat Piketty ein Mittelchen parat, um politische Entzündungen zu lindern. Neben der genannten Sondersteuer für französische Milliardäre verschreibt er an anderer Stelle eine globale Steuer auf Vermögen über zehn Millionen Euro, deren Einnahmen dann nach Bevölkerungszahl auf alle Länder verteilt werden sollen. Dazu empfiehlt er noch die Gründung einer Parlamentarischen Europäischen Union als Gegenstück zur EU. Und eine Erbschaft für alle.
Pflaster, Aspirin, ein paar Tage krankschreiben. Aber für eine tiefere Untersuchung der Ursachen der kumulierten Wehwehchen und Maladitäten fehlt dem vielbeschäftigten öffentlichen Intellektuellen Piketty die Zeit. Nicht die beste Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung.
Hier wiederholt sich freilich das Drama der kapitalistischen Schulmedizin: Der Staat versucht mittels der über Preismechanismen gelenkten Krankenkassen und medizinischen Privatunternehmer, vulgo Ärzte, die Arbeitsfähigkeit seiner Bevölkerung aufrechtzuerhalten, während diese jedoch weiter dem körperlichen und psychischen Druck ständiger Ausbeutung ausgesetzt ist und mit der Herausforderung kämpft, mit zu wenig Sport und einer billigen, ungesunden Ernährung ihre Arbeitskraft zu reproduzieren.
Pikettys aus der Not des Arbeitsalltags geborene Interventionen verklingen deshalb oft als hilflose Appelle an die Herrschenden und die, die es werden wollen.
Etwa die Forderung, Frankreich solle eine Globalsteuer einführen – weshalb der kapitalistische Klassenstaat zu so einer Maßnahme weder fähig noch willens ist, bleibt unausgesprochen. Oder der Appell an grüne Parteien, sie sollten ihre Regierungschancen durch linkere Positionen erhöhen: »Ökologische Politik ohne Berücksichtigung sozialer Klassen und ohne massive Umverteilung von Reichtum und Wirtschaftsmacht ist, allgemeiner gesprochen, ein fauler Trick auf Kosten der Unterschichten.« Grüne sollen also sozialer denken, niedrigere Schichten ansprechen. Auch hier ignoriert Piketty die Frage, ob grüne Parteien im kapitalistischen Parlamentarismus nicht vielleicht materielle Gründe haben, eben dies nicht zu tun.
Piketty plädiert immer wieder für eine Rückkehr zu den Errungenschaften der »sozialdemokratischen Revolution«, wie er die Entstehung des kapitalistischen Wohlfahrtsstaates nach 1945 nennt, und verbindet das mit der Forderung nach einer gerechteren Verteilung der kommenden Umweltkosten – stellt aber kaum den Zusammenhang von beidem her: dass der »sozialdemokratische« Wohlstandsgewinn nicht ohne die Ausbeutung ökologischer Ressourcen und günstiger Arbeitsbedingungen außerhalb der kapitalistischen Zentren zustande gekommen wäre. Und dass dieses Modell nicht mehr aufrechterhalten werden kann, wenn die Klimakatastrophe abgewendet werden soll.
Im Grunde ist der Titel des Buches eine doppelte Mogelpackung: Mit »Sozialismus« ist lediglich französische Sozialdemokratie gemeint, der Wirkstoff »ökologisch« ist allenfalls in homöopathischen Dosen vorhanden. Außer einem kurzen Hinweis auf die »extravistische« Natur des Kapitalismus bleibt die ökologische Perspektive bei Piketty eine reine Kostenfrage: Wie sollen wir die unvermeidlichen Kosten für die Klimakatastrophe verteilen, im Wissen, dass 15 Prozent der Weltbevölkerung (USA, Kanada, Russland und Japan) für fast 80 Prozent der kumulierten CO2-Emissionen seit dem Beginn des industriellen Zeitalters verantwortlich sind?
Wer im Wartezimmer des ewig kränkelnden Kapitalismus das Maximum dessen herausholen will, was die Krankenkasse zu bieten hat, für den ist Pikettys Ratgeber für eine »gesündere« sozialdemokratische Volkswirtschaft sicher kein schlechter Anfang, zumindest bei den kleinen Wehwehchen. Bis also die nächste große Krise kommt: der Nächste bitte!
Thomas Piketty: Für einen ökologischen Sozialismus. Interventionen. Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer. Verlag C. H. Beck, München 2025, 217 Seiten, 18 Euro
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