Ihr sollt schwitzen!
Von Felix Bartels
Manche Worte stinken, verdorben durch miesen Gebrauch. Wer sie in den Mund nimmt, wird sogleich einer bestimmten Denkart zugerechnet, was immer er sich dabei gedacht hat. »Polarisierung« ist so eins, Opfer histrionischer Angst vor der Spaltung einer Gesellschaft, die Spaltung unvermeidlich hervorbringt. Nicht diese Sorge treibt Nils Kumkar in seinem Buch um. Am Beginn seiner Überlegungen steht eine Beobachtung: Was man mit »Polarisierung« meint und was »Polarisierung« bedeutet, fällt auseinander.
Auf der einen Seite hat sich die Empfindung, unsere Gesellschaft sei im Prozess steter Polarisierung, im volkstümlichen Bewusstsein etabliert. Auf der anderen kann Wissenschaft nachweisen, dass diese Empfindung trügt. Sofern Polarisierung nämlich ein Divergieren politischer Positionen bezeichnet. Statistisch herrscht auch heute die Bemühung zum differenzierten Standpunkt vor, politische Programme gegensätzlicher Lager decken sich – abhängig vom jeweiligen Thema – partiell, die meisten Streitfragen sind nur scheinbar fundamental, eine Herausbildung separierter politischer Sphären lässt sich nicht beobachten. Demgemäß fasst der Autor zusammen, dass die Sorge über die Spaltung um vieles größer ist als die Spaltung selbst.
Genau in dem aber, was hier einen Anschein von Antwort weckt, liegt die Frage. Der Gegenstand des Buchs ist nicht die Polarisierung, sondern das Rätsel, warum es jenes Empfinden gibt, alles polarisiere sich mehr und mehr. Vielleicht reagiert der Common Sense intuitiv auf einen durchaus realen Prozess, den er selbst mangels treffender Worte nicht benennen kann und den die Wissenschaft mangels relevanter Fragen übersieht.
Kumkar stellt fest, dass sämtliche Belege, die für Polarisierung herangezogen werden, erstens dem Alltag entnommen sind und es sich zweitens um Vorfälle handelt, die es auch früher schon gab. Offenkundig bezieht die Empfindung sich nicht auf Differenzen in den Ansichten, sondern auf Art und Intensität der Kommunikation. Politische Ansichten liegen heute nicht weiter auseinander als vor 35 Jahren, die Bereitschaft aber, abweichende Meinungen zu ertragen, hat abgenommen. Dieser Prozess ist durchaus real und lässt sich, wie das Buch zeigt, empirisch fassen.
Während indessen alle einig sind, dass die Gesellschaft sich polarisiere, herrscht Uneinigkeit, woran man sie festmachen kann. Die Kohorte der Lehrer, Pastoren und vergleichbarer Berufsgruppen sieht politische Kommunikation als gescheitert an, wenn Teile der Gesellschaft ausgeschlossen werden oder der Vorgang eskaliert. Berufe dieser Kohorte arbeiten an der Vermittlung ideologischer Inhalte, Kommunikation ist für sie grundsätzlich erstrebenswert, folglich haben sie ein idealisiertes Bild von ihr. Die Kohorte der Ingenieure dagegen tendiert zu einem eher negativen Bild. Eine Gesellschaft funktioniert in ihren Augen, wenn vorhandene Probleme klar definiert sind und von zuständigen, kompetenten Personen angegangen werden. Beide Gruppen, in denen man den Weberschen Widerspruch von Wert- und Zweckrationalität wiedererkennen mag, machen Polarisierung an exakt gegensätzlichen Momenten der Kommunikation aus. Für die Wertrationalisten liegt sie im Scheitern der Verständigung aller mit allen, für Zweckrationalisten ist Polarisierung, wenn einem dauernd jemand dazwischenquatscht. Was den einen Zeichen funktionierender Gesellschaft ist, bezeigt für die anderen ein Scheitern. Vor diesem Hintergrund wird deutlicher, warum der Begriff der Polarisierung so beliebt ist. Er klingt irgendwie wissenschaftlich, und zugleich kann sich jeder darunter seine eigenen Vorstellungen machen.
Stark beeinflusst ist das Empfinden zugleich vom Erleben der Social-Media-Sphäre. Exemplarisch zeichnet Kumkar einen bilateralen Shitstorm nach, der im Oktober 2022 auf X anlässlich eines satirisch angelegten Accounts ausbrach. Ziel der Satire war der NATO-Propagandist Carlo Masala, als »Carlo Massaker« aufs Korn genommen. Im folgenden formierten die Teilnehmenden sich fast zwingend nach den ohnehin bestehenden Frontlinien: Fake News, Trollattacken, Fanatismus oder Verschwörungstheorien produzieren stets nur die anderen, eigene Einseitigkeit, selektive Quellenwahl und A-priori-Urteile werden als solche nicht wahrgenommen.
Solche Dynamik muss nicht erzeugt werden, sie entsteht als Abfallprodukt des Mediums. Wenn man, sagt Kumkar, viele Menschen, die sich nicht kennen, versteckt hinter Profilen, die sie selbst gebastelt haben und von denen keiner weiß, ob sie echt sind, über ein Thema sprechen lässt, auf das sie sich nicht geeinigt haben, sondern mit dem sie spontan konfrontiert werden, sind diejenigen Zugriffe strategisch im Vorteil, die mit möglichst einfachen Schablonen operieren. Das Muster allerdings scheint universell, Social Media macht es bloß überdeutlich. Alle größeren Debatten der jüngeren Vergangenheit – Ukraine-Krieg, Gaza, Gender, Migration –, die nicht allein durch objektive Dringlichkeit nach vorn drängen, sondern zugleich dadurch, dass sie affektiv besetzt sind, zeigen diese Dynamik, innerhalb der mit fortlaufender Zeit immer weniger möglich wird, eine individuelle, überlegt-differenzierte Position zu beziehen. Mit Beginn des Ukraine-Kriegs etwa setzte im linksliberalen Lager instantan ein kollektives Vergessen ein, die Untiefen des ukrainischen Staats betreffend wie auch die Aktivitäten der NATO. Auf der Gegenseite dauerte es wenige Wochen, bis das traditionslinke Lager seinen Schock überwunden hatte, der aus der jahrelangen Versicherung, Russland werde keinen Krieg beginnen, allzu verständlich war, und von der Kritik an NATO-Ostausdehnung und der Analyse des innerimperialistischen Konflikts zu offener Apologie Russlands überging. Zwischen den transatlantisch orientierten und den östlich orientierten Linken wurde die Luft bald dünner, ideologisch und argumentativ operieren beide Lager strukturell ähnlich. Polarisierung meint nicht das Gegeneinander fundamentaler Positionen, sie wird gerade durch das Abhandensein fundamentaler Gegensätze erzeugt, als Kompensation, indem man die gar nicht so tiefe Differenz im Weltbild desto emphatischer macht.
In Kumkars Verständnis von Polarisierung liegt denn auch ein Schlüssel, das Erstarken der Rechten in den letzten Jahrzehnten zu erklären, das ja ohnehin mit dem Prozess der Polarisierung identifiziert wird. Demoskopie kann solide belegen, dass die Wahlbeteiligung immer dann gestiegen ist, wenn die konkurrierenden Parteien als besonders gegensätzlich empfunden wurden. Diese Situation ist für die Bereitschaft zu wählen wichtiger als die Übereinstimmung des Wählers mit einer Partei. Kumkar deutet das als Effekt der »Publikumsdemokratie«, worunter er das repräsentative Verfahren versteht, in dem die politische Beteiligung der Bürger mehr oder weniger auf den Gang zur Urne beschränkt bleibt. Indem Politik Sache von Spezialisten ist, wächst in Teilen der Bevölkerung eine Kränkung, die aufgrund des Verfahrens allein durch Abwählen vorhandener Regierungen gestillt werden kann. Wechsel von Opposition und Regierung als Legitimation durch Verfahren. Es sei für den politischen Betrieb daher lebenswichtig, den Eindruck einer Polarisierung aufrechtzuerhalten. Wo es den etablierten Parteien nicht gelingt, diesen Eindruck tiefer Differenzen zu erzeugen, geht ein stabilisierendes Element verloren.
Die neue Rechte, die vermittels entpolitisierter Semantik über politische Probleme redet, profitiert von dieser Schwachstelle. Kumkar gräbt den neorechten Vordenker Murray Rothbard aus, der in der Spätphase des Vietnamkriegs das Programm der heutigen globalen Rechten vorweggenommen hat – potentiell linke Wähler auf die rechts-libertäre Seite zu ziehen durch zwei basale Zutaten: Erzeugen des größtmöglichen Spektakels durch die Erzählung »Ihr werdet zu Unrecht regiert« und »von denen da oben bevormundet«. Sowie die Formulierung von Forderungen, die einerseits konsensfähig sind (also jedem einleuchten), anderseits von »denen da oben« nie erfüllt werden können. Rothbard hatte seinerzeit Kriminalitätsbekämpfung durch härtere Maßnahmen und die Abschaffung der Einkommenssteuer im Auge, dieser Tage hat sich das Repertoire sichtbar erweitert.
Auch die Ersetzung des linken Klassenkampfschemas durch ein Schema, demnach der einfache Bürger von einer Staatsklasse, einem diffusen Geflecht politischer und akademischer Eliten, unterdrückt werde, ist bei Rothbard bereits angerissen. Die Leute sollen, bei nahezu vollständiger Liquidierung klassisch linker Polemik und Analyse, abgeholt werden in ihrer alltäglichen Demütigung unter den Bedingungen der Publikumsdemokratie: in der Schulbank zu sitzen und nicht vor der Tafel zu stehen, vor Gericht zu erscheinen und nicht auf der Richterbank zu urteilen, Zeitungen bloß lesen zu müssen statt sie selbst vollzuschreiben. Die Polarisierungspopulisten verschiedener Färbung haben auch ohne die Lektüre Rothbards die Signale gehört.
Realpolitik ersetzt durch Spektakel, Entertainment anstelle politischer Auseinandersetzung, das ist, was Polarisierung eigentlich bedeutet, wenn der Wunsch, dass die da oben schwitzen, zum letzten verbleibenden Antrieb wird.
Nils C. Kumkar: Polarisierung. Über die Ordnung der Politik. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2025, 290 Seiten, 18 Euro
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