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Aus: Literatur, Beilage der jW vom 15.10.2025
Comic

Wir lieben Lügen

Die Wahrheit über Vorurteile: Joe Saccos Comic »Indien – Öl ins Feuer«
Von Marc Hieronimus
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Die Abbildungen dieser Beilage stammen aus Joe Saccos Graphic Novel »Indien – Öl ins Feuer« (Reprodukt-Verlag, Berlin 2025, 144 Seiten, 29 Euro). Sie erscheinen mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Lesen Sie auch eine Rezension des Bandes unter dem Titel »Wir lieben Lügen« auf Seite 16.

Als Indien 1947 nach fast zweihundertjähriger britischer Kolonialherrschaft unabhängig wurde, waren dem jungen Staat mit der uralten Kultur zwei gravierende Konflikte in die Wiege gelegt, nämlich der zwischen den ethnischen bzw. religiösen Gruppen und der damit verbundene um die Grenzziehungen. Das heutige Indien sollte nach den damaligen Überlegungen in etwa dem hinduistischen Teil des alten Indiens entsprechen. Das aktuelle Pakistan wäre demnach in etwa der muslimische Teil von damals, wenn sich der Osten nicht 1971 als Bangladesch abgespalten hätte und vor allem die überwiegend muslimische Kaschmir-Region anders auf- und zugeteilt worden wäre.

Um die Länder homogen zu gestalten, sah der Plan die Umsiedlung, Flucht und Vertreibung von mehr als zehn Millionen Menschen vor, an sich schon schrecklich genug. Aber »der auf beiden Seiten politisch geschürte Hass entlud sich im Zuge der Teilung entlang religiöser Trennlinien. In den ersten Monaten nach der Unabhängigkeit fielen der Gewalt mehr als eine Million Menschen zum Opfer«, schreibt der Berliner Südasienforscher Michael Mann im Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung über den »weltweit nie dagewesenen Bevölkerungsaustausch«, den Khushwant Singh in seinem Roman »Train to Pakistan« (1956) literarisch verarbeitet hat.

Wenn man sich die »außerordentlich reichhaltige Religionslandschaft« (Wikipedia) des heutigen Indiens anschaut, stellt man fest, dass Hindus in der Tat knapp vier Fünftel der Bevölkerung ausmachen, gefolgt von beachtlichen 14,2 Prozent Muslimen und sechs Prozent »Sonstigen«, darunter Christen (2,3 Prozent), Sikhs (1,7 Prozent), Buddhisten (0,7 Prozent), Jats, Parsen usw. Dass nur jeder Siebzehnte einer Minderheit angehört, mag überschaubar erscheinen, aber die 1,7 Prozent Sikhs etwa bedeuten bei fast 1,5 Milliarden Einwohnern 25 Millionen Menschen, und sie verteilen sich nicht über das ganze Land, sondern wohnen überwiegend im Nordwesten. Religions- ist auch nicht Volkszugehörigkeit, deren Komplexität sich an der Sprachenvielfalt erahnen lässt: In Indien werden mehr als einhundert Sprachen gesprochen, davon ist jede fünfte eine Amtssprache. Hinzu kommt das mit dem Religiösen verflochtene Kastensystem.

Seit der Staatengründung kommt es immer wieder zu Pogromen, Unruhen und offenen Kriegen zwischen den Minderheiten und Religionsgemeinschaften, besonders zwischen Hindus und Muslimen bzw. »ihren« Staaten, wie zuletzt im Mai 2025. Nun erscheint bei Reprodukt ein Comic über den Konflikt vom Spezialisten für Krisengebiete, Joe Sacco. Der Journalist ist schon viel herumgekommen. Sacco ist 1960 in Malta geboren, aber in Australien aufgewachsen. 1972 zog er mit seinen Eltern nach Los Angeles, studierte in Oregon Journalismus und ging nach seinem Bachelor zunächst zurück nach Malta, wo er mit dem Zeichnen das Hobby wieder aufgriff, für das er heute bekannt ist. Zurück in den USA war er Mitarbeiter des alternativen Comicverlags Fantagraphics Books und gründete das Magazin Centrifugal Bumble-Puppy.

Ende der 1980er begannen seine Reisen in Krisengebiete, deren Erlebnisse er in Comicform festhält. Israel und Bosnien bereiste er gleich mehrfach. Er hat ein Buch über Rockmusik gezeichnet (»I like it«) und mit »Bumf«, »Spotlight on the genius that is Joe Sacco« und vielen Illustrationen gezeigt, dass er auch anders kann, z. B. satirisch. Sein großes Anliegen aber ist, den Stimmen Randständiger Gehör zu verschaffen, etwa den Arbeitsmigranten in Malta oder dem einheimischen Volk der Dene im Norden Kanadas, wo nach den Umerziehungsmaßnahmen der Weißen nun der Abbau von Bodenschätzen der Rückkehr der Ureinwohner zu einer traditionelleren Lebensweise entgegensteht. Die größte Reichweite haben zweifellos seine Israel-Palästina-Comics. Gerade erst ist eine dreiseitige Zusammenarbeit mit seinem Vorbild Art Spiegelman (»Maus«) über den Gazastreifen mit dem Titel »Never again! … and again … and again …« im Guardian erschienen.

Wenn Sacco wie gewöhnlich alleine arbeitet, verzichtet er auf die Dimension Farbe. Grautöne und Schatten stellt er nicht einfach dar, indem er die betreffenden Flächen mit Pinsel und Tusche oder nachträglich am Computer mit Schraffur oder Punktraster füllt. Alle Schattierungen zwischen Schwarz und Weiß schafft er durch stecknadelfeine, von Hand gezogene Parallel- und Gitterlinien. Eine Heidenarbeit! Aber die große Kunst zahlt sich aus. Sacco war für den Eisner, Adamson, American Book, Oregon Book, Harvey, Eagle und weitere Awards nominiert und hat sie meistens auch gewonnen, die Los Angeles Times und das Time Magazin haben je eines seiner Bücher zum besten des Jahres erkoren, die Universität Malta hat ihm eine Ehrendoktorwürde verliehen, und längst werden seinem Werk auch Forschungsarbeiten gewidmet. Gewürdigt werden dabei sowohl sein feiner und arbeitsintensiver Zeichenstil als auch seine Recherche- und Erzählweise, denen er auch in »Indien – Öl ins Feuer« treugeblieben ist.

Hintergrund seines neuen Werks ist ein vergleichsweise kleiner Vorfall mit großen Auswirkungen. »Für einen ordentlichen Aufruhr braucht man einen gewaltsamen Anlass an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit, der die Dinge unumkehrbar ins Rollen bringt.« Im mehrheitlich muslimischen Kawal (Uttar Pradesh, Nordindien) erstechen im August 2013 zwei junge Hindus einen gleichaltrigen Muslim auf offener Straße. Die Täter werden daraufhin von einer aufgebrachten Menge ermordet. Nach Massenprotesten eskalieren die Ereignisse, und es kommt zu wiederholten Überfällen der Angehörigen beider Religionsgemeinschaften aufeinander, die mehrere Dutzend Tote fordern und die Flucht Zehntausender Muslime zur Folge haben.

Solche Eskalationen sind möglich, weil die Konflikte weiterschwelen und unter der hindunationalistischen Modi-Regierung eher befeuert als besänftigt werden. Wer jeweils begonnen oder welche Verbrechen begangen hat, ist meist schwer zu ermitteln. Sacco will vor Ort herausfinden, was sich zugetragen hat, indem er mit den Leuten spricht. Leider lügen die Befragten ganz offensichtlich und erzählen Mist (bullshit). Vor dem Bild von im Straßendreck wühlenden Frauen schreibt er in einer Reihe von Kommentarkästen: »Glaubt ihr, so etwas würde uns verunsichern? / Nein! / Wir lieben Lügen! / Wir weiden uns an Bullshit! / Er ist wie diese Kuhfladen, die Frauen und Kinder hier mit den Händen formen. / Bullshit ist ein Brennstoff, / der unsere journalistische Flamme nährt! / Er bringt uns voran, immer weiter …« Das Problem dabei: Wie findet man die Wahrheit heraus? »Um zu beweisen, dass es sich um echten Bullshit handelt und nicht etwa nur um ein Produkt unserer Einbildung, müssen wir ihn aber mit einem Anschein von Wirklichkeit abgleichen – und glaubt mir, mit der Wirklichkeit ist das so eine Sache.«

Einem geflügelten Wort der Geschichtswissenschaften zufolge ist der Augenzeuge der natürliche Feind des Historikers, weil er nicht die, sondern nur seine Wahrheit kennt, basierend auf voreingenommener Wahrnehmung und sich mit der Zeit ändernden Erinnerungen. Nur wenig verschlüsselt tritt in den Aussagen der Zeugen aber die Wahrheit über die heutigen Zustände zutage, über die Vorurteile, das Misstrauen, den Hass. »Indien – Öl ins Feuer« vermittelt einen Eindruck von der Komplexität und Vielschichtigkeit des Subkontinents und davon, wie es kommt, dass Nachbarn nach einem Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauernden friedlichen Zusammenleben einander plötzlich nach dem Leben trachten können.

Joe Sacco: Indien – Öl ins Feuer. Aus dem Englischen von Christoph Haas. Reprodukt-Verlag, Berlin 2025, 144 Seiten, 29 Euro

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