Imam im Glitzerkleid
Von Barbara Eder
Als Seyran Ateş 2017 die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin-Moabit eröffnete, war das kein stilles Gebet, sondern ein Tabubruch: ein liberales Gotteshaus, in dem Frauen predigen und kein Kopftuchzwang herrscht. Hier wird ein Islam erprobt, der queere und trans Personen nicht ausschließt. Doch nicht nur das: Moscheen waren stets mehr als Bethäuser, sie sind Orte der Vergemeinschaftung. Demnach gibt es in der Ottostraße 16 nicht nur Feste und Veranstaltungen, sondern auch die für queere Muslim:innen seelsorgerisch tätige Anlaufstelle für Islam & Diversity (AID).
Der Sammelband »Liebe ist halal«, von Carolin Leder und Tugay Saraç, für die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee herausgegeben, knüpft an 2021 gestartete Kampagne »Liebe ist halal« an und versammelt persönliche sowie theoretische Beiträge zum Thema Queerness und Islam. Im Vorwort erinnert Seyran Ateş an die Ambivalenz dieses Verhältnisses. Sie selbst – Berliner Rechtsanwältin, Feministin und liberal-muslimische Imamin mit Geburtsort Istanbul – konnte sich nie damit zufriedengeben, Religion pauschal als »Opium des Volkes« (Marx) abzutun. Gefühl und Verstand, so Ateş, drifteten in Glaubensfragen immer wieder auseinander – eine Erfahrung, die sie mit vielen Menschen aus muslimisch geprägten Herkunftsländern teilt.
Mehrere der im Buch vertretenen Autor:innen stehen in direktem Bezug zur Moschee, ob als Mitglieder, Unterstützer:innen oder Teilnehmende von Projekten und Workshops. Ihr Buch versammelt Essayistisches, Biographisches und Wissenschaftliches. Fast in jedem der erzählenden Beiträge werden Konflikte mit dem Herkunftsmilieu thematisiert, oft dominiert die Angst davor, infolge eines Coming-outs verstoßen zu werden. Dass dabei wenig glatt verläuft und es keine vorgefertigten Antworten gibt, hat auch ein produktives Moment: Es ist kein homogenes Bild, das hier von in Deutschland lebenden Muslim:innen entsteht.
Das Gros der Autor:innen-Positionen ließe sich mit dem Prinzip »Glaube an Gott und sei kein Arschloch« fassen – so der Titel des Interviews mit dem islamischen Theologen Ali Ghandour. Kein Arschloch zu sein, bedeutet oft den Bruch mit anderen: Berfin Çelebi, heute als trans Frau in Berlin lebend und als kurdische Drag-Queen on stage, erzählt von familiärer Kontrolle, Abwertung und Gewalt in einer deutschen Kleinstadt, ausgelöst durch entdeckte Instagram-Posts unter ihrem Performer:innen-Namen @ kurdischekween. Die deutsch-libanesische Autorin Johanna Haupt beschreibt in »Gedanken zu meiner Weiblichkeit« den Weg aus religiös aufgeladenem Körperhass zur Selbstbestimmung, samt des Versuchs, Religion und Transition nicht gegeneinander auszuspielen. Marwa Khabbaz, das lesbische Gesicht der »Liebe ist halal«-Kampagne, schildert in »Hidden Identity« die Jahre im Verborgenen und den Preis für ihr Coming-out: Kontaktabbrüche, Krisen und materielle Unsicherheit – für einen Alltag ohne doppelte Standards. Massud Reza analysiert in »Wie traditionelle Ehrvorstellungen in mir Selbsthass und Ablehnung erzeugten« die Mechanismen der Scham und fragt, wie ein progressiver Islam das innere Tribunal beenden könnte. Tugay Saraç legt in »Jung, salafistisch, schwul« offen, wie er im religiösen Umfeld mit der eigenen Homosexualität aneckte und erst der Bruch mit dem Islamismus Aufklärungsarbeit möglich machte. Auf den Praxisbericht des AID-Projektleiters folgen sexualpädagogische Ergänzungen von Carolin Leder: Aus intersektionaler Perspektive plädiert sie für eine queer-muslimische Bildung, die theologische Relektüre, pädagogische Praxis und Seelsorge verbindet – als Gegenentwurf zu moralischer Beschämung und schulischer Ignoranz.
Drei theoretisch fundierte Texte rahmen den Band: Arash Guitoo arbeitet in »Zwischen Verklärung und Realität« heraus, wie traditionelle Normen queere Lebensweisen deformieren. Er zeigt, wie sich Konformitätsdruck und Ehrvorstellungen in Selbsthass äußern und in überkompensatorischem religiösem Eifer enden können. Susanne Schröter belegt in »Islam, Devianz, Heteronormativität«, dass Geschlechtervielfalt in islamisch geprägten Gesellschaften zwar existiert, jedoch oft funktional für die heteronormative Ordnung ist: Kategorien wie die albanische »tobeljia« (geschworene Jungfrau) füllen demographische Vakanzen. Dabei handelt es sich um als weiblich gelesene Personen, die als Männer leben, um fehlende Familienoberhäupter auf Druck der Gemeinschaft zu ersetzen. Erzwungene Female to Male-Rollen, die mit Kinderlosigkeit und Keuschheitsgelübde einhergehen.
Mit dem Begriff der geschlechtlichen »Devianz« – dies klingt bereits im Titel an – ist infolgedessen auch nichts Subversives gemeint. Als Abweichung von der Norm bleiben deren Akteur:innen Stabilisator:innen des binären Geschlechtersystems. Diese Einsicht wird mit Donja Hodais Text »Trans im Iran« vertieft. Auf den ersten Blick erscheint die trans Politik in der islamischen Republik im internationalen Vergleich progressiv: Geschlechtsangleichende Operationen sind erlaubt, Transsein ist als medizinische Diagnose akzeptiert. Die staatliche Politik, so Hodai, verfolgt damit jedoch ein bestimmtes Ziel: die Eingliederung abweichender Geschlechter und Begehrensformen in das heteronormative Zwangssystem. Hinter der vermeintlichen Toleranz verbirgt sich rigider Zwang und autoritäre Biopolitik.
Besonders irritierend an Hodais Ausführungen: Von »Geschlechtsumwandlung« ist darin mehrfach die Rede – treffender wären »Transition«. Im Iran hält sich die Umwandlungssemantik allerdings, weil Recht und Medizin häufig von taghyir-e jinsiyat (wörtlich: »Geschlechtsänderung«) sprechen. Zwischen sozialer Transition, hormonellen sowie operativen Angleichungen und rechtlicher Personenstandsänderung wird nicht weiter unterschieden. Sama Maanis Text »Frauen im Iran« ist mehr als eine politische Intervention. Darin verweist der Autor auf die Proteste seit dem Tod der Aktivistin Jina Mahsa Amini und stellt die Parole »Jin, Jiyan, Azadî« (Frau, Leben, Freiheit) in den Mittelpunkt einer revolutionären Bewegung, die über die Gegenwart hinauswirkt. Für Maani ist dieser Slogan nicht bloß ein Schlachtruf für Frauenrechte und Demokratie, sondern ein historischer Korrekturversuch. Die sogenannte islamische Revolution von 1979 versprach Emanzipation und brachte autoritäre Geschlechterpolitik. Seit 2022, so Maani, artikuliert sich der unterdrückte Widerstand von Frauen erneut. Damals wie heute fordern sie die Zurückweisung patriarchaler Unterdrückung, wozu auch der Zwang zur Verhüllung zählt. Der Kampf gegen den Hidschāb wird zu mehr als einer Frage der Kleidung – Feministinnen bringen das emanzipatorische Moment, das dem islamischen Umsturz 1979 fehlte, dadurch nachträglich in die Geschichte ein.
Sama Maanis Beitrag sticht durch die Verbindung von Gegenwartsanalyse und Geschichtsbewusstsein heraus. Die im Vorwort angekündigte Vielfalt bleibt hingegen höchst selektiv. So fehlen etwa Perspektiven von queeren Muslim:innen aus dem säkularen Jugoslawien, Wege in Richtung Atheismus fanden kaum Eingang in das Buch. Auch über Rassifizierungen und Ausschlüsse durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft liest man darin nur wenig. Von der Konstruktionsleistung des »anderen« am »Eigenen« – und damit auch von »Homonationalismus«, der das gegenwärtige Migrationsregime durch Rückgriff auf islamophobe Stereotypen rechtfertigt – ist nicht die Rede. Und vielleicht auch von einer Queerness, die ohne den Begriff Identität auskommt. Der Band fokussiert hingegen auf individuelle Entwicklungen, wo kollektive Handlungspraxen auf den Plan hätten treten können – was wäre gewesen, wenn @kurdischekween von antirassistischen Queers unterstützt worden wäre? Und wie würde sie ihre Geschichte dann erzählen?
Carolin Leder/Tugay Saraç (Hg.): Liebe ist halal. Queer und muslimisch. Querverlag, Berlin 2025, 232 Seiten, 20 Euro
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