Das Ich muss draußen bleiben
Von Florian Neuner
Sechs Jahre nach ihrem Prosabuch »wie ein fliessen die stadt«, dessen Erscheinen ihren 80. Geburtstag markierte, und neun Jahre nach der Gedichtsammlung »langsame figuren« hat die österreichische Schriftstellerin Waltraud Seidlhofer sich mit einem neuen Gedichtband zurückgemeldet. Diese lyrische Summe der letzten Jahre zeigt eine Autorin, die es vermag, in oft nur wenigen Zeilen und mit sparsam eingesetzten Mitteln komplexe Bild- und Gedankenwelten entstehen zu lassen, eine Virtuosin der Reduktion.
Die in den »stillen flaneuren« versammelten Texte sind reich an Bildern, häufig Naturbildern. Seidlhofer wäre aber nicht die an der experimentellen Literatur geschulte Lyrikerin, wenn sie sich in diesen Bildern einrichten und sie metaphorisch ausstaffieren würde. Es gibt kein ungestörtes Gegenüber eines lyrischen Ich und einer wie auch immer gearteten Phänomenwelt in diesen Gedichten. Es gibt auch keine Inszenierungen ungefilterter Impressionen, keine ungebrochenen Bilder, die den Lesern nicht als medial vermittelt oder als Resultat von Erinnerungsprozessen präsentiert würden. Das Wort »ich« bleibt ausgespart, und Seidlhofer treibt ihre Beschreibungen immer behutsam bis an die Grenze der Abstraktion (»die grafik / des wassers«). Die zum größten Teil titellosen Texte sind oft so gebaut, dass ein Bild, eine Beobachtung Schritt für Schritt oder an einem Kippunkt in einen medialen oder poetologischen Rahmen gestellt wird. Etwa in einem Gedicht, das mit der Beschreibung »schatten von schmetterlingen / fuellen den raum / sprenkeln ihn« beginnt, dieses Bild wenige Zeilen lang ausmalt (»als waeren es blueten und tuerme«), um in der letzten Zeile mit »eine seite im buch« das kunstvoll gezeichnete Bild auf den Boden der Poetologie herunterzuholen – ist dem Gedicht in dem Band doch genau eine Seite vorbehalten. Oder ein in Klammern gesetztes »zitiert« am Schluss eines Gedichts, das sich zunächst liest wie eine Beschreibung (»holz / verwittert / in fasrige / spaene«), verschiebt die Perspektive plötzlich auf eine andere Ebene: »um kernstücke / und ihre bedeutung / sammeln sich / zufaellige teilchen / bruchstuecke / aus dem gedaechtnis / die dann / als wort oder satz / fuer kurze zeit / existieren / andocken / sich loesen« schreibt Waltraud Seidlhofer in einem der poetologisch zugespitztesten Texte, bringt das Bild von »filigranem gewebe«, das schlussendlich »nach art von / seifenblasen / zerfaellt«. Immer wieder ist von plötzlichem Verlöschen und Verschwinden die Rede. Wörter »aus fremden sprachen / alten begriffen« etwa bilden ein »spiel«, das freilich »rasch in spiralen verlischt«. Von Zerfall handelt auch ein Gedicht, das die Dekomposition in ein sprachliches Analogon übersetzt: »buchstaben / gleiten / aus zeilen // und vermischen sich / wie blaetter / im staub«. So weit, den Buchstabensalat auf den Buchseiten auch zu inszenieren, geht Seidlhofer allerdings nicht. Im Abschnitt »muster« sind kleine, manchmal nur zwei- oder einzeilige Abschnitte (»kaum / eine linie«, »in manchen gebieten«) aber in drei Spalten auf die Fläche der Seiten verteilt und brechen so die Linearität der Zeilenabfolge behutsam auf – ein Echo auf die visuelle Poesie. Seidlhofer hat, etwa in dem 1994 erschienenen Band »anstelle von briefen« auch sogenannte Textgrafiken publiziert. Andere Abschnitte sind »moments« (I–III), »/remebrance/«, »schreiben« und »analog zu bildern« überschrieben. Analog zu Morton Feldmans Klavierstück »For Bunita Marcus« ist ein Text in den »mustern« entstanden.
Die heute zurückgezogen im oberösterreichischen Thalheim bei Wels lebende Autorin wurde literarisch im Umfeld der Linzer Künstlervereinigung MAERZ und der ebendort von Heimrad Bäcker herausgegebenen Zeitschrift neue texte sozialisiert, wo Autoren aus dem Umfeld der konkreten Poesie und experimentellen Literatur wie Friedrich Achleitner, Heinz Gappmayr, Jochen Gerz, Friederike Mayröcker, Franz Mon, Reinhard Priessnitz und Gerhard Rühm vertreten waren. In der edition neue texte verlegte Bäcker Waltraud Seidlhofers Bücher »fassadentexte« (1976) und »Geometrie einer Landschaft« (1986), in Christian Steinbachers Linzer Kleinverlag Blattwerk erschien 1999 Seidlhofers Prosahauptwerk »text: ein erinnern«. Ihr Werk ist auf viele Kleinverlage verteilt, zu großen Teilen vergriffen; Neueditionen oder noch besser: eine Gesamtausgabe wären dringend zu wünschen. Dieses Lebenswerk, der lange Schreibweg der avantgardistischen Autorin Waltraud Seidlhofer steht im Hintergrund des neuen Bandes »stille flaneure«, der alle diese Erfahrungen und Erkenntnisse überraschend und mit wunderbarer Leichtigkeit aufbewahrt. Hinter ihre Ansprüche einer reflexiven Literatur auf der Höhe der Avantgarden des 20. Jahrhunderts geht sie nicht zurück und schafft es doch auf staunenswert elegante Weise, bestechend präzise Sprachkunstwerke zu schaffen: »notationen / von allen seiten / poetische schnitte / fixiert (…) aufzeichnungen / loeschen sich / waehrend des schreibens // scherenschnittschrift / liegt auf der hand«.
Waltraud Seidlhofer: stille flaneure. Gedichte. Klever-Verlag, Wien 2025, 100 Seiten, 20 Euro
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