Oben und unten
Von Stefan Ripplinger
Zugegeben, die Lage ist unübersichtlich: Einst harmlose Biobauern brüllen auf einmal »Waffen, Waffen, Waffen!«, geschworene Antifaschistinnen gehen für ein faschistisches Siedlerregime über Leichen, Nationalisten lesen Antonio Gramsci, Päpste verurteilen den Kapitalismus. Aus diesen überraschenden Kreuzungen und Wendungen schließen manche, die Unterscheidung zwischen links und rechts habe ausgedient. Doch die Behauptung ist alles andere als originell. Sie hatte ihre erste Konjunktur in Zeiten der Konjunktur, vor gut sechzig Jahren.
Der sozialdemokratische Soziologe Daniel Bell bemerkte 1960 in seinem vielbeachteten Buch »The End of Ideology«, die ältere Generation der Intellektuellen habe nach den Moskauer Prozessen und den Konzentrationslagern genug von linken oder rechten Ideologien. Über die allgemein anerkannte Notwendigkeit von Sozialstaat und Pluralismus seien auch die Jüngeren übereingekommen, kurz: »Die Probleme, mit denen wir uns auf nationaler und internationaler Ebene konfrontiert sehen, erweisen sich als unvereinbar mit den überkommenen Begriffen der ideologischen Debatte zwischen ›links‹ und ›rechts‹.«
Die Männer der Querfront von Hans Zehrer bis Alain de Benoist waren von jeher dieser Ansicht. Ab den Sechzigern schlossen sich ihr sowohl sozialdemokratische als auch gemäßigt rechte Theoretiker an: Ulrich Beck, Lord Ralf Dahrendorf, Anthony Giddens, Günter Rohrmoser, Robert Spaemann. Der unerbittliche Konflikt zwischen links und rechts sollte in ein großes Einvernehmen übergegangen sein. Es herrschte die Schönwetterideologie des technokratischen Zeitalters – jedenfalls solange das schöne Wetter anhielt. Denn die Unterscheidung zwischen links und rechts setzt den gesellschaftlichen Konflikt, um nicht zu sagen: den Klassenkampf, voraus. In Zeiten, in denen bei komfortabler Wirtschaftslage und staatlicher Versorgung die Konflikte verblassen, verblasst auch der Unterschied.
Erst in den Krisen kehren »rechts« und »links« zurück. Die weltweite Krise, in der wir uns derzeit befinden, hat binnen kurzem eine Renaissance sämtlicher rechter Werte mit sich gebracht. Längst Vergessene erstehen aus ihren Gräbern: der Feldwebel und der Patriarch, die Kolonialistin und die Antimodernistin. Der 7. August dieses Jahres wird als rechtes Fanal in die Geschichtsbücher eingehen: Nachdem die biedere Professorin Frauke Brosius-Gersdorf von Parteien und Medien als »ultralinks« gejagt worden war, musste sie ihre Bewerbung auf das Amt der Verfassungsrichterin zurückziehen. Doch, seltsam, anstatt sich ihres Kantersiegs zu erfreuen, will sich die Rechte noch immer als verfolgte Mehrheit gerieren. Das beweisen zwei Essays von Historikern.
Rechter Daumen
Peter Hoeres behauptet in »Rechts und links«, der Unterschied sei als »anthropologische Konstante« dem Menschengeschlecht eingeschrieben: »Rechts und oben ist Gott, das Gute, der König, links und unten das Gegenteil, der Teufel, das Böse, die Feinde des Königs.« Er begreift die alte Ordnung, nach der »rechts« gut ist, als überzeitlich, nämlich naturhaft: »Beim Zungenkuss neigen wir den Kopf nach rechts, damit es wirklich passt und die Nasen nicht im Weg sind. (…) Auch sexuelle Handlungen führen wir vorrangig mit der rechten Hand aus.« Auf Zungenkuss und vorrangig mit der rechten Hand ausgeführte sexuelle Handlung folgt die politische Willensbildung im Mutterleib: »Nach 15 Wochen lutscht die Mehrzahl der Föten am rechten Daumen.«
Als die »stabile vorpolitische Rechts-links-Ordnung« in der Französischen Revolution »radikal umgewertet« worden ist, habe sich der revoltierende dritte Stand »gleichsam ins Un-Recht«, in den »Gegensatz zur Ordnung und zum König« gesetzt. Zugleich symbolisch und praktisch vollzog sich diese Umwertung, als die Jakobiner die parlamentarische Sitzordnung einführten. Anders als noch heute im britischen Parlament gab es kein Ober- und Unterhaus mehr, alle befanden sich von da an auf derselben Ebene, die einen rechts, die andern links. Eine vertikale Struktur wich einer horizontalen, statt von »oben« und »unten« war nun von »rechts« und »links« die Rede.
Hoeres erkennt darin das Urverbrechen, das Vergehen an einer Ordnung, die er für natürlich hält. Kaum sei oben und unten politisch nicht mehr voneinander unterscheidbar gewesen, sei so mancher Pöbel an die Macht gelangt, unter anderem die Nationalsozialisten, mit Betonung auf »-sozialisten«. Da die Nazis seiner Ansicht nach »nicht in der Tradition der Verteidiger des Königs« gestanden haben (den Tag von Potsdam erwähnt er vorsichtshalber nicht), könnten sie links gewesen sein. Hoeres erwägt mit viel Sympathie entsprechende Thesen des Historikers Götz Aly. Unter Rechten ist das Argument ein alter Hut und lässt sich zurückführen auf den US-Präsidenten Harry S. Truman, der 1948 die inländische Opposition (darunter den eigenen früheren Vizepräsidenten Henry A. Wallace) mit »Hitlers und Mussolinis angeblich ›sozialistischen Staaten‹« verglich. Zuletzt trug die AfD-Vorsitzende Alice Weidel diese Geschichtsklitterung vor; wir erinnern uns an ihr Gespräch mit Elon Musk.
Rechts und links soll es laut Hoeres noch immer geben, auch wenn die Linke manchmal als Rechte gelte und die Vorfahrtsregel »rechts vor links« sträflich missachtet werde. Während Julia Klöckner, Boris Pistorius, Jens Spahn und Wolfram Weimer dem AfD-Staat den Boden bereiten, halluziniert er eine »Totalausgrenzung der rechten Seite«. Dabei wird sein Gejammer allein schon von seinem eigenen Buch widerlegt, denn es erscheint in einem ehedem auf Kritische Theorie spezialisierten Verlag. Vielleicht hat der Verlag erkannt, dass unkritische Theorie sich inzwischen besser verkauft.
In Hoeres’ Klagegesang stimmt sein Kollege Karlheinz Weißmann ein, der im Verlag der Jungen Freiheit veröffentlicht. Seine Behauptung, der Wokismus sei die »dominierende Weltanschauung«, bestätigt er wider Willen damit, dass er wie Hoeres die Rechte als diffamierte Mehrheit hinstellt. So sehr diese beiden Rechten Identitätspolitik verabscheuen – sie betreiben sie selbst. Während sich »MAGA« (»Make America Great Again«) in den USA triumphalistisch gebärdet, wirken in Europa Gesten der protzenden Stärke spätestens seit Benito Mussolini lächerlich. Das führt zu der Paradoxie, dass die hiesige Rechte, je mehr Schlachten sie gewinnt, um so lauter heult, sie werde misshandelt. Die Rechten sind die wahren Woken.
Dandyistischer Denkstil
Trotz seiner Vorliebe für falsche Komparative (»entscheidender«, »umfassenderer«) schreibt Weißmann, was kein Kunststück ist, besser als Hoeres. Davon abgesehen gibt es einige Übereinstimmungen. Auch er argumentiert mit der erdrückenden Mehrheit der Rechtshänder und suggeriert einen Zusammenhang zwischen der »grauen Substanz« des Hirns und der Tendenz zum Konservatismus. Wie Hoeres hält er die Nazis für halbe Kommunisten. Und wie Hoeres erblickt er in den Jakobinern, die die Linke hochleben ließen, Vergewaltiger der menschlichen Natur. Er verfolgt das unheilvolle Wirken der Jakobiner über die Russische Revolution bis zu dem Hippiephilosophen Herbert Marcuse und über ihn hinaus. Da Weißmann der Nachweis schwerfiele, der Marxismus übe noch eine große Wirkung aus, will er in der »French Theory« dessen Erbin sehen, ungeachtet der Tatsache, dass zumindest die westdeutsche Linke kaum je über einen konservativen Adornismus hinausgekommen ist und einen Widerwillen gegen alles Welsche gepflegt hat.
Für Weißmann aber ist das alles eine einzige Verschwörung. In seiner paranoiden Wahrnehmung hat die Linke von Jean-Jacques Rousseau über Karl Marx bis Jacques Derrida immer nur ein Ziel verfolgt: die »Individuen von allen naturhaften oder tradierten kulturellen Bindungen zu lösen«, die menschliche Natur zu verfälschen – mit dem Ziel, man staune, die »Auslöschung unserer Art« zu erreichen. Hoeres und Weißmann sind Historiker, die nichts lieber los wären als Geschichte. Geschichte erscheint ihnen als Fassade vor der ewigen Hackordnung.
Unnatürlich ist für Weißmann nicht nur (wie für Hoeres) die jakobinische Gleichordnung von »links« und »rechts«, sondern das linke Projekt ganz allgemein. Das rechte Gegenmodell, das er empfiehlt, fällt allerdings (vielleicht aus taktischen Gründen) moderat aus: Nicht Militär, straffe Führung, Todesstrafe für Hochverräter, Zwangsarbeit und »ethnische Säuberung« fordert er, sondern lediglich ein wenig »gesunden Menschenverstand«, einen Schuss Ordnungsliebe, eine »Sensibilität für die heiklen Seiten menschlicher Existenz«. Wie Hoeres den kernigen Slogan der Likud-Partei »Netanjahu. Rechts. Stark« für vorbildlich zu halten, fiele Weißmann nicht ein. Mehr noch, er kennt keine Weltanschauungen, nur noch »Denkstile«. Es gibt für ihn keine rechte Haltung mehr, nur noch einen rechten Look, der mit Ernst Jünger dandyistisch (»anarchisch«) gefärbt sein darf. Mit der Kulturalisierung des Widerspruchs ist Weißmann in der Postmoderne angekommen, die er – übrigens auch unter Berufung auf Guillaume Paoli – zu bekämpfen vorgibt.
Rechter Laizismus
Da nicht nur die Linksliberalen, sondern auch die Rechten zu Kulturalisten geworden sind, sehen sich alle, die zum politisch-gesellschaftlichen Gehalt von »links« und »rechts« vordringen wollen, auf ältere Literatur verwiesen. Leider ist zum Thema zwar viel, aber wenig Haltbares geschrieben worden. Beispielsweise kommt Jean Laponce in »Left and Right« (1981) wiederum mit der Rechtshändigkeit und allerlei kulturgeschichtlichen Funden an, um am Ende die steile These zu wagen, die politische Rechte stehe für das Sakrale, die Linke für das Säkulare. Das ist spätestens mit dem Aufkommen der Bewegung um den französischen Fernsehphilosophen und Demagogen Michel Onfray überholt, die mit der Forderung nach Laizismus (Trennung von Kirche und Staat) den Muslimen und der »Islamlinken« (eine Erfindung Onfrays) heimleuchten will.
Der Historiker Marcel Gauchet unterstützt nicht nur die rassistische Kampagne von Onfray, sondern auch die des Pétainisten Éric Zemmour, äußert sich aber in seinem Buch zum Thema (»La droite et la gauche«, 2021) erfreulich nüchtern. Kein Daumenlutscher, keine graue Substanz, keine plumpe Polemik – er fasst einfach die Geschichte des Komplexes von der Revolution bis zu dem angeblichen Zentristen Emmanuel Macron zusammen.
Wer nicht nur nach einer Beschreibung, sondern auch nach einer Analyse sucht, wird weiterhin zu dem Büchlein »Rechts und Links« des Philosophen Norberto Bobbio (1909–2004) greifen. Bobbio zeigt, dass die Rechts-links-Dyade auch dann fortbesteht, wenn sich Parteien der Mitte bilden. Diese Parteien sind entweder »eingeschlossene Dritte« (weder links noch rechts, wie vielleicht mal die Piratenpartei) oder »einschließende Dritte« (sowohl links als auch rechts). Die Grünen gehörten, bevor sie sich militarisierten, zur zweiten Kategorie, und das gilt auch für die Partei, die vorerst noch Bündnis Sahra Wagenknecht heißt. Dass solche Parteien linke und rechte Elemente und Aktionen miteinander verbinden, ändert nichts daran, dass diese Elemente und Aktionen noch immer als rechts oder links lesbar bleiben.
Für Bobbio sind »rechts« und »links« relative Begriffe, die antithetisch aufeinander bezogen sind. Eine Rechte gebe es nur, wenn es auch eine Linke gibt, und umgekehrt. Weil er die Wörter nicht jeder Eigenschaft berauben will, schreibt er der Linken eine egalitäre, also auf Gleichheit zielende, der Rechten eine antiegalitäre Tendenz zu. Da er im selben Atemzug hinzufügt, dass aus der Forderung nach Gleichheit fast notwendigerweise die nach einer Abschaffung des Privateigentums resultiert, ist seine These auch für Marxistinnen und Marxisten diskutabel. Ein besonders vielversprechender Erfolg auf dem Weg zu Gleichheit, schreibt Bobbio, sei dem Feminismus gelungen. Das Egalitäre und das Emanzipatorische klingen also zusammen.
Was bei Bobbio fehlt, ist die soziale Stellung, die den Worten ihren politischen Wert verleiht. Nehmen wir den Begriff »Natur«. Auf ihn beziehen sich sowohl Hoeres und Weißmann als auch Rousseau und Ernst Bloch. Aber während die einen Hierarchie, gar (so Hoeres) Monarchie natürlich finden, leiten die anderen (so Bloch) aus dem Naturrecht die »Etablierung des aufrechten Gangs« ab. Und während die einen aus der Natur eine die Zeiten überdauernde Gutsherrin machen wollen, sehen die anderen Natur lediglich als Ausgangspunkt für eine Bewegung hin zur Befreiung. Es sind dieselben Worte, doch werden sie je unterschiedlich gebraucht. Wer sie wie gebraucht, hängt davon ab, wo einer oder eine steht. Nebenbei zeigt sich, dass in jeder horizontalen Anordnung der politischen Positionen eine vertikale steckt. Das Oben und Unten wird selten namhaft gemacht, aber eine Regierung, die wie die derzeit in Deutschland herrschende zugunsten der Rüstungsindustrie Sozialpolitik beschneidet, ist gerade deshalb rechts, weil sie von unten nach oben umverteilt.
Bobbio meint, in einem totalitären System, das nur eine einzige politische Gesinnung gestattet, verlören »links« und »rechts« ihre Bedeutung. Doch ließe sich argumentieren, dass jedem rechten Akt idealerweise ein linker entgegengesetzt ist, so wie jeder Despotie wenigstens gedanklich eine utopische Gegenwelt entspricht. Damit ist allerdings die grundsätzliche Frage der gegenseitigen Abhängigkeit von Linken und Rechten berührt. Besteht die einzige Möglichkeit, heute links zu sein, darin, immer das exakte Gegenteil dessen zu denken und zu tun, was die herrschende Rechte denkt und tut? Sicher nicht. Es wird sich lohnen, wie Bobbio schreibt, »den Kopf über die alltäglichen Scharmützel zu erheben«. Wer es tut, wird erkennen, dass es lange bevor die CDU sich mit der AfD gegen Ausländer verbündete, ein bedeutender symbolischer Akt war, dass die Linkspartei darauf verzichtet hatte, noch als »sozialistisch« zu gelten. Seit diesem Tag blicken wir durch das »Overton-Fenster« der akzeptierten politischen Überzeugungen auf eine neue, düstere Landschaft.
Peter Hoeres: Rechts und links. Zur Karriere einer folgenreichen Unterscheidung in Geschichte und Gegenwart. Verlag Zu Klampen, Springe 2025, 212 Seiten, 24 Euro
Karlheinz Weißmann: Rechts oder links. Von der Notwendigkeit politischer Unterscheidung. JF Edition, Berlin 2025, 280 Seiten, 22 Euro
Norberto Bobbio: Rechts und Links. Gründe und Bedeutungen einer politischen Unterscheidung. Aus dem Italienischen von Moshe Kahn. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2021 (3. Auflage), 95 Seiten, 10 Euro
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