Tod und Teleshopping
Von Vincent Sauer
Moderne Menschen haben ihre Komplexe. Sie sind um Struktur bemüht, damit alles fristgerecht läuft, beruflich wie privat. Wer strukturiert ist, leistet verlässlich Folge, egal wie komplex die Lage ist. »Komplexe Strukturen« lautet der Titel des neuen Prosabands von Frank Witzel. Eine schwierige Begriffskombination. Das klingt vertraut, gleichzeitig ziemlich abstrakt. Witzels komplexe Strukturen sind Aberdutzende abgründige kleine Erzählungen. Mal nur eine halbe Seite lang, mal mehr als zwanzig. Weder die Philosophie als hehre Denkanstrengung noch die Literatur als lebenssatte Weisheit in gekonnter Form finden hier zur Ruhe.
Wie im Wiederholungszwang ist jeder Text mit »Die Komplexe Struktur« betitelt – hochtrabend »der Wandlung«, »der Leere«, »des Begehren«, oder trivial »der Schulpause«, »des Bastelbogen«, »des Fernsehkrimi«. In der ersten Geschichte denkt ein Student an seinen ehemaligen Professor, der im Gefängnis gelandet ist. Der Erzähler erinnert sich, wie er versuchte, das Bewusstsein als eine Keksdose zu begreifen, und endet mit einem Abschiedsbrief des Hochschullehrers als Häftling: In seinen »offiziell letzten Gedanken« geht es u. a. um Religionsstiftung und die Unschuld der Vorstellung, einen Gefängniswärter in einer Schleuse totzuschlagen. Den Wunsch hatten schließlich schon unzählige Männer vor einem, so dass er gar nicht von einem selber »stammen« kann. Wir erfahren nicht, welche Gewissensakrobatik ihn in den Knast verfrachtet hat.
Eine große soziale Neurose beherrscht die Welt der »komplexen Strukturen«. Verkopft sind ihre Insassen, verknöchert die Verhältnisse. Ein Mann fragt, ob es nicht klug sein könnte, mit der Partnerin in ein Haus zu ziehen, in dem sich bereits eine »Familientragödie« abgespielt hat. Es sei schließlich äußerst unwahrscheinlich, dass in einem Haus zweimal eine Sippe ihr Ende findet. Spoiler: Es gibt kein großes Happy-End, der Herr begnügt sich mit Glücksprojektionen vor Vorgärten. Eine weitere »komplexe Struktur« wirft die Frage auf, wer sich Fernsehfilme anschaut, in denen es um Krebserkrankungen geht, und was Teleshopping mit dem Tod zu tun hat. Schicksalsschlägen begegnet man in Witzels Welten mit emotionalem Missmanagement. Ein weiterer Mann ist einsam nach »der Trennung«, tritt in eine Kirchengemeinde ein, verliert das Interesse. Um wieder aussteigen zu können, sagt er einer verheirateten Frau aus der Gemeinde, er habe sich in sie verliebt. Das geht natürlich nicht. Ihre Wege trennen sich, aber sie ist dankbar für die, nun ja, emotionale Anerkennung, und der Mann wird süchtig nach Dankbarkeit – wofür er vielleicht doch ein Kind entführen und wieder zurückbringen könnte?
Witzel erzählt seine Geschichte mit Diskretion. Er führt (allermeistens) keine Trottel vor. Statt dessen zeigt er, wie in einer verwüsteten Welt, wo doch scheinbar alles läuft, alles laufen könnte, risse man sich am Riemen, täten alle ihre moralische Pflicht. Was die Entbehrungen bringen sollen? Keine Ahnung. Wir leben in einer Gesellschaft des uferlosen Mittelstands. Dunkle Ahnungen trüben die Tage, aber jede Form gemeinschaftlicher Veränderung des miesepetrig machenden Ganzen scheint völlig abwegig. Statt dessen pfuschen die Menschen an ihren Seelen herum, kommen aus dem Privaten nicht raus.
Aber Witzel begnügt sich nicht mit psychologischen Exerzitien und Szenen des Kummers. Er gibt auch kurzen, strengen philosophischen Diskussionen Raum. Die Psychoanalyse ist oft nicht weit. Dabei geht es nie um ein letztes Wort, das man sich in der Literatur im Gegensatz zur Fachphilosophie herausnehmen dürfte. Kulturhistorisches Material wird zitiert und montiert. Eine ominöse Wittgenstein-Gesellschaft taucht auf. Der Dialektik der Aufklärung wird eine Dialektik der Religion gegenübergestellt. Ein flammender Goethe-Verehrer schreibt Briefe an den Meister. Eine kleine Geschichte der Geisterhäuser ist voller Hinweise auf einen Ehrenkodex der Gauner. Krankheit, Tod, Faschismus, Liebe – sie begegnen uns in den »komplexen Strukturen« ebenso wie tätowierte Reitlehrerinnen. Wir haben es nicht mit dröger Gelehrsamkeit zu tun, der Autor zeigt, dass komplexe Themen der Geistesfächer zugleich ernste, aber klar formulierte Fragen der Existenz sein können. Man kann dem mit Ironie und Humor begegnen, wie hier.
Eine besonders geschickt gebaute komplexe Struktur handelt von Schwierigkeiten beim Schreiben einer Parabel. In einer besonders lustigen geht es um den einigermaßen lächerlichen Lebenslauf eines Dichters, inklusive lyrischem Elaborat. Wie absurd das mit dem Schreiben doch manchmal ist. Für den angehenden Lyriker, überfordert von den sprachphilosophischen Gedankengängen der Jugend, ist es erst mal »eine Notlösung«. Der Erzähler Witzel dagegen ist erfahren genug. Er versteht es, die schwierige Verwandtschaft von Philosophie und Literatur formal zu gestalten, die großen Fragen und kleinen Geschichten. So entwirren sich die »komplexen Strukturen« selbst, ohne mit billigen Antworten hausieren zu gehen – und nie ganz.
Frank Witzel: Komplexe Strukturen. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2025, 362 Seiten, 26 Euro
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