Alles, was nicht in den Kram passt
Von Stefan Gärtner
Man arbeitet ja nun mal, weil man nichts Anständiges gelernt hat, im sogenannten Meinungsjournalismus, und da begab es sich, dass der Meinungsjournalismus entdeckte, dass der singuläre, komische, kulturkritische Schriftsteller Max Goldt auch nichts anderes als ein Meinungsjournalist sei, schlimmer: ein Altherrenkolumnist, etwa in der Liga von Axel Hacke und Harald Martenstein, ja sogar Dieter Nuhr, auch wenn der seine Welterklärungen eher ausnahmsweise verschriftlicht.
Was war geschehen? Goldt hatte nach langen Jahren wieder einen Auswahlband veröffentlicht und bei der Auswahl einen, sagen wir: unkorrekten Zug sehr billigend in Kauf genommen. Mit einem gewissen Nachdruck geht es in »Aber?« um das, von dem Leute glauben, man dürfe es heute nicht mehr sagen, etwa dass Frauenfußball doof ist: »Im Privaten meint zwar beinahe jeder, dass er sich für das Herumgebolze von Frauen nicht im Traum interessiert, in der Fernsehtalkshow jedoch sagt das niemand. Diese Gegensätzlichkeit von privaten und öffentlichen Äußerungen erinnert mich abermals heftig an die DDR.« Dann geht es um die Sprengung einer Behörde, »in der sich Leute mit Migrationshintergrund beschweren können, denen jemand gesagt hat: Sie sprechen aber gut Deutsch« und um die Häme, die die Journalistin Juliane Liebert (die nicht namentlich genannt wird) erfuhr, als sie den Popmusiker Morrissey in allzu losem Englisch interviewte, eine Häme, die die Kollegin für »Sexismus« hielt. Goldt dokumentiert den Wortlaut, verweist auf das schlechte Englisch männlicher Politiker und wendet sich gegen »Hashtag-Feminismus« als »gesellschaftliche Strömung«, die »die Karrieren von extrovertierten und oft etwas ordinären, auf jeden Fall aber selbstgefälligen und stark zur wortreichen Aufgeregtheit neigenden jungen Frauen begünstigt, zumindest in den Medien. Aber wer weiß, vielleicht kommt bald ein ›fifth wave feminism‹, der wieder einen etwas interessanteren Frauentypus in den Mittelpunkt rückt.«
Nicht nur damit wurde Oliver Jungen auf Deutschlandfunk Kultur nicht froh: »Auch ein homosexueller Satiriker kann sich zum grantelnden Antifeministen entwickeln«, wie ja auch die »stammtischfeuchte Polemik gegen Frauenfußball« beweise und der Umstand, dass, wie es in Figurenrede heißt, Lesben gern wie Tierpflegerinnen im Zoo aussehen. Goldt setze, schließt die Besprechung, deren Tenor der allgemeine linksliberale war, »gegen eine (…) nicht mehr geheure Welt auf millionenfach Bewährtes, das tumbe Ressentiment«, und tatsächlich verdankten sich zustimmende Rezensionen zumal dem Umstand, dass Goldt nicht gendert.
Aber abgesehen davon, dass das Label »Satire« die Überspitzung doch einschließt: Ist es nicht so, dass, was sich aufmacht, das millionenfach tumb Bewährte in Frage zu stellen, seinerseits dazu neigt, zum millionenfach tumb Bewährten zu werden? Erweist sich der progressive Aktivismus nicht nur im Problemfeld Nahost als Ressentimentschleuder ersten Ranges? Dass man nichts mehr sagen dürfe, ist zwar der Stehsatzfavorit rechter Propaganda, und nicht nur in Trumps Amerika wird der Schutz der »Meinungsfreiheit« vor »Cancel Culture« und linker »Hassrede« zur faschistischen Waffe. Nachdem aber diese Erkenntnis durch ein Unendliches gegangen ist – so wie die verwandte, Kritik an DDR und Stasi sei im wesentlichen Affirmation des Bestehenden –, kann gern wieder zugegeben werden, dass es auch linkes Diskursmachtbewusstsein gibt und Bautzen scheiße war. Nicht sicher war sich der Unterzeichnete, ob er die Kollegin verstand, die Verwandtschaft in einem nachrichtennotorischen Land hat, aber nicht zu ihrem »Hintergrund« Auskunft geben wollte; und zweifellos ist dem Kapitalismus der Rassismus eingeschrieben, aber kann das heißen, die Enge und die Folgen des postkolonialen Weltbilds zu übersehen?
Leider, wenn auch vermutlich mit voller Absicht, verzichtet »Aber?« auf den Nachweis der jeweiligen Erstveröffentlichung, denn vor zehn Jahren hätte das, was Goldt über Frauenfußball schreibt, noch gestimmt, dass er nämlich die fadere Version des Herrensports sei, ohne dass sich das irgendwer öffentlich zu sagen getraut hätte; denn natürlich darf man alles (oder das meiste) sagen, aber dann kommt halt das Internet. Es geschieht auch nicht aus Häme, dass Goldt die Interviewstelle, die Liebert so viel Spott eintrug, im vollen Wortlaut und sogar zweimal zitiert; denn wenn wir den Sexismus abziehen, der bereits im männlichen Unwillen besteht, die weibliche Fehlleistung zu übersehen – und es gab auch 2017 Wichtigeres, als auf welcher Sprachhöhe man Popkünstler interviewt –, bleibt doch die »Unbedarftheit« als solche, so wie, wenn man den Rassismus nach den Kölner Silvesterübergriffen des Jahres 2015 verhandelt hat, das Faktum bleibt, dass es Geflüchtete waren, die gegrabscht hatten. Sicher lesen wir die Welt durch ständiges »Framing« hindurch, aber ein schlechter Satz ist ein schlechter Satz, und da will es eben etwas bedeuten, dass es bei Goldt keine schlechten Sätze gibt.
Sein »schön altmodischer Umstandsstil« (Jungen) ist ja nicht einfach nur Girlande. Beinahe seltsam, dass man darauf hinweisen muss, aber Goldt hat stets ästhetisch, nie politisch argumentiert, und dass das vielleicht aufs selbe hinausläuft, wäre die Pointe einer Ästhetik, deren Abscheu vorm Ordinären, Wortreichen, Selbstgefälligen – angesichts der Tik-Tok-Welt wird man sagen wollen: Zeitgenössischen – in der Natur ihrer Sache liegt. Ästhetizismus ist wesensmäßig eine konservative Angelegenheit, und das Ende der DDR hat Goldt nicht zuletzt darum überzeugt, weil die Leute aus den volkseigenen Klamotten rauskamen. Da passt es, dass auf dem Buchumschlag Daniel Kehlmann auf Goldts ideelle Verwandtschaft mit dem paradigmatischen Künstlerbürger Thomas Mann verweist: »Bei beiden nämlich entsteht der Witz aus selbstbewusstem Manierismus, aus einer ironischen Überinstrumentierung des sprachlichen Materials; aber bei Goldt wird dieses Material konfrontiert mit etwas ganz anderem: dem Sprachmüll der Medien, allen Registern von Umgangssprache und Slang«, mithin allem, was sich, mit jetzt wieder Goldt, der Weigerung verdankt, »über sinnführende Begriffe nachzudenken. Alles, was nicht in den Kram passt, lästig, ungewohnt oder auch nur ungebührlich phantasievoll scheint, wird absurd genannt. Es gibt jedoch in jedem Fall ein zutreffenderes Wort.« Das, um noch mal darauf zurückzukommen, Liebert nicht zur Verfügung stand, was vielleicht lässlich, aber doch auch nicht egal ist, wenn jemand einen Mann des Wortes (und rechten Ästhetizisten) wie Morrissey interviewt, der sich, schimpft Goldt, stumpfer Rede »ausgesetzt« sah. Und das war nun mal anzuzeigen, allerdings von einem, der Thomas Mann auf dem Vertiko hat und nicht Botho Strauß.
Es ist nicht ohne Ironie, dass die exemplarische Rezension, an der wir uns hier abarbeiten (»bleierner Altherrenhumor«), Goldts Sprachkritik zustimmend zitiert, geht es »Aber?«, das man so leicht als schlicht politisch missverstehen kann, doch um Sprache als die Suche nach dem sinnführenden Begriff, der sich vielleicht finden ließe, würde man etwa mit den Ismen haushalten, die ja immer auch eine Bequemlichkeit sind. Was ihr nicht in den Kram passt, nennt die Identitätslinke »rassistisch«, und der pauschale Vorwurf, das Lob migrantischer Deutschkenntnisse sei kolonial, darf ruhig Beweise dafür vorlegen, dass es nicht auch mal Anerkennung, ja sogar ein Willkommen meint. Mitunter ist die Welt nämlich doch bloß das, was der Fall ist, und dass die Grenzen der Sprache, bekanntlich die Grenzen der Welt, immer enger werden, ist noch dann einen Vorwurf wert, wenn er von den Falschen geteilt wird. Weshalb man »Aber?« gegen die Rüge in Schutz nehmen will, es sei von gestern, wenn es doch um die flotte Anmaßung der Heutigen geht, das Morgen zu vertreten; und wer kiebig wird, weil Lesben angeblich immer wie Tierpflegerinnen aussehen, soll sich vorsehen, dass er die Tierpflegerinnen nicht diskriminiert.
Max Goldt: Aber? DTV-Verlag, München 2025, 160 Seiten, 24 Euro
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