Wo ist die Action?
Von Jürgen Schneider
Jürgen Ploog starb im Sommer 2020. Im Frühjahr 2025 erschien in der Frankfurter Edition W der von seinem Sohn David und dem Frankfurter Antiquar Wolfgang Rüger herausgegebene Sammelband »Ploog Westend« mit Texten über und von ihm. Ende September fand in Frankfurt am Main die Tagung mit dem Titel »Der Raumagent in der Bewusstseinsschleife. Zur Poetik des Avantgardisten Jürgen Ploog« statt, die den eigentlichen Beginn einer fundierten inhaltlichen Auseinandersetzung mit seinem Werk markiert. Referiert wurde über Ploogs bislang unveröffentlichte Tagebücher, über seine philosophischen Einflüsse (vor allem französische), über sein Textuniversum und über die Genderfrage, über seine Zersetzung der Realität sowie über Ploog als »Raumagent des panoramatischen Blicks«. Die Vorträge werden demnächst veröffentlicht.
Schnelle Schnitte
Ploog war im Brotberuf 33 Jahre lang Langstreckenpilot. Die Flugkapitänsuniform mochte er nicht, erinnerte sie ihn doch an den Nazidrill während seiner Pilotenausbildung in Bremen. Davor hatte er sich vom »hässlichen Deutschen« abgewandt und war 17jährig ein Jahr in die US gegangen – eine Epiphanie. Als Pilot ging es ihm dann nicht nur darum, eine Maschine steuern zu können, sondern um den Zustand, in den er im Cockpit geriet. In »Der doppelte Horizont« (2018) heißt es: »Beim Fliegen darfst du dich nie den Instrumenten ausliefern, (…) die machen dein natürliches Empfinden kaputt.« Ein Chronist der Himmelsformationen wollte Ploog nicht sein, ihn beschäftigten die schnellen Schnitte beim Fliegen, die mit den Cuts korrespondieren, die er ab Ende der 60er Jahre für seine Cut-ups ausführte (s. »Cola-Hinterland«, 1969).
Der »Flugschreiber Ploog« (Johannes Ullmaier) wollte den »bornierten Eigentumsdeutschen« kein »borniertes Eigentumsdeutsch« andrehen, das dann von den Kritikern (»blasse verkrebste Onanierer«) kanonisiert wird. Maßkonfektionierte Konsensprosa war seine Sache ganz und gar nicht. Zu seiner Cut-Praxis notierte er 1971: »Ziel war & ist es, die suggestiv-assoziative Autorität des Wortes zu brechen – nicht nur das Wort auszulöschen, sondern auch das, was das Wort möglich macht – wirklich frei zu sein.« Schnitte, so Ploog, zeigten ihm plötzlich Wegweiser, die er sonst übersehen hätte. »Ein Schreiber (und übrigens auch ein Pilot) muss mehr mitbekommen als das übliche Gesichtsfeld hergibt.« Fliegen löst feste Bezugspunkte auf, Zeit scheint im Raum aufzugehen. Das qualitative Kriterium seiner Literatur, so Ploog, der Gentleman des westdeutschen Literaturundergrounds, bestand darin, inwieweit er es schaffte, Erfahrungsberichte darüber zu liefern, wie es im Raum hinter den Worten aussieht – also dort, wo es keine Freunde, bestenfalls Komplizen gibt. Auch Geschwindigkeit ist zentral: »Eine schnelle Betrachtungsweise wird die entscheidende sein. Wer langsam sieht, dessen Bild verwischt, ihm wird entgehen, was der Beschleunigung unterliegt.« Dazu, so Ploog, simuliert das Bewusstsein das Flugzeug, »das ist der Trip, mit dem der nächste Akt beginnt, um eine apokalyptische Realität zu durchschiffen.«
Gelegenheit zum Grübeln
Bei Moloko Print ist nun das 2018 verfasste Buch »Spätvorstellung. Der Archipel der ungeklärten Fälle« erschienen. Der Hauptprotagonist ist wie schon in Ploogs Episodenroman »Undercover« (2005) Agent. Der Agent kann bei ihm als Inbegriff für Freiheit wie als Chiffre gesehen werden. Es gibt gut eine Handvoll Figuren, die in ständig wechselnden Konstellationen interagieren und die Ebene der Echtzeit längst verlassen haben. Hauptprotagonist ist Max Lang, der einen nicht näher bestimmten Auftrag übernommen hat, für dessen Erledigung er unentwegt unterwegs ist. »Nutzlos zu fragen, woher er kam & wohin er wollte.« Zeit wird hier von Ploog wie in »Ferne Routen« (2016) verstanden als »Raum & Dimensionen, die dem Reisenden Gelegenheit zum Grübeln verschaffen.« Möglicherweise folgt Lang einem geographischen Code. Einem Ort namens Neuropolis kommt eine gewisse Bedeutung zu. Doch der Schauplatz wechselt ständig. Nicht näher bezeichnete Gegenden, Straßen des Schreckens, ein zerklüfteter Küstenstrich zwischen Wolken, Wasser und Nacht, ein Landstrich ohne Lebenszeichen. Eine weitgehend verfallene Filmstadt. »Paris, der Maghreb, Vietnam, Europa in verzerrten Ausschnitten. Ein Überall & Nirgends.« Europa kommt Max vor wie ein leeres Kino nach der letzten Vorstellung. »In den Städten Anzeichen von Narkolepsie, Ausdruck von Anpassung & Ausweglosigkeit.« Die Farben der Landschaft sind verwaschen, mal wie auf einem Polaroid, mal wie auf altem Papier. Irgendwo, so lesen wir, gab es ihn, »den Kontinent, wo (…) harter Rock den Rhythmus der Nächte bestimmte.« Von einem biologischen Ort ist ebenfalls die Rede, mit Geräuschen namenloser Krankheiten und von einem dissoziativen Zustand überlagerten Koordinationsstörungen. Max Lang macht allweltliche Nicht-Ort- bzw. Transit-Ort-Erfahrungen in Abfertigungshallen von Flughäfen, in Häfen, Hotelzimmern und -bars oder »muffigen« Kaschemmen.
Zurück in die Ursuppe
Der »Erotomane« (Ploog über Ploog), dessen Figuren ihm zufolge Impulse seiner Sehnsüchte und Ängste sind, die menschliche Gestalt angenommen haben, lässt seiner »Lust am Fabulieren über die Lust« (Sigrid Fahrer) freien Lauf. Doch werden die Necknamen einer Linda Vista genannt – »Linda Libido« und »Kiki Kitzler« – lässt sich mühelos ein Sexismusvorwurf erheben. Alle paar Seiten ereignen sich »spermatöses Gefurkel« und Blowjobs, wird unter den Rock oder in den Hosenschlitz gegriffen. Wohin Max auch schaut, ständig stößt er auf sexuelle Andeutungen. »Das Wahrnehmungsfeld war von lasziven Duftnoten durchsetzt.« Der sich ständiger Verfolgung ausgesetzt wähnende Max gerät in Neuropolis in das Revier der »Muskelnutten, die unter Brücken & an Straßenecken herumlungerten & einseitig auf ›Schwanz‹ programmierte Androiden waren.« Frauen, die wie Aliens im Protoplasma von Befreiung lebten, gibt es dort ebenfalls.
In einer Stadt, die Max an Neuropolis erinnerte, treiben sich mutierte Lebewesen der zweiten Generation im blauen Dämmerlicht herum, und unheilbare Wesen mit rudimentären Kiemen vegetieren in speziell für sie angelegten Biotanks in einer ökologisch korrekten Ursuppe. Ein wie ein Footballspieler ausstaffierter Berufsrevolutionär hält Max an und fragt, wo die Action sei. »Welche Action?« will Max wissen. »Die 1960er Jahre sind längst vorbei oder hast du sie verpasst?« Die Möglichkeiten, den Gesetzen seines Metiers zu entgehen, sind für Max verdammt begrenzt. Keine Sorge, nichts wird gut. »Mehr als eine Spätvorstellung mit bekannten Szenen wie der vor dem Biograph-Kino, wo Dillinger umgenietet wurde, hatte die Stadt nicht zu bieten.« Seinen Bericht hatte Agent Lang längst abgeliefert, die Sache war für ihn erledigt. Für die Leserschaft ist die »Spätvorstellung« nicht so schnell abgeschlossen.
Jürgen Ploog: Spätvorstellung. Der Archipel der ungeklärten Fälle. Moloko Print, Schönebeck (Elbe) 2025, 250 Seiten, 20 Euro
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