Verbrecherin aus Leidenschaft
Von Frank Schäfer
Vor 13 Jahren schrieb Annie Ernaux »Die Besessenheit«, jetzt ist das Memoir erstmals ins Deutsche übersetzt. Protokoll einer Krankheit – und Heilung. Ihr deutlich jüngerer Liebhaber W. möchte nach sechs Jahren Beziehung mit ihr zusammenleben, doch sie genießt nach 18 Jahren Ehe neugewonnene Freiheiten, ist seiner schon ein wenig überdrüssig und nutzt den Dissens daher, um mit ihm Schluss zu machen. Die Getrennten treffen sich weiterhin, freundschaftlich, schließlich offenbart er ihr, mit einer neuen Partnerin zusammenziehen zu wollen. »Von diesem Moment an nahm die Frau mein Leben in Besitz. Ich dachte nur noch durch sie.«
Eine monströse Eifersucht kontaminiert ihren Alltag. In ihrem schmalen, sehr komprimierten Buch, das man sich stellenweise durchaus etwas narrativer, szenischer gewünscht hätte, schreibt sie skrupulös, detailversessen und scharfsinnig an einer Phänomenologie emotionaler Vergiftung.
Bemerkenswert ist der Umstand, dass Ernaux die Scham, die ihrem Eifersuchtsfuror beigemischt ist (weshalb sie ihn vor der Welt zu verbergen sucht und ganz mit sich selbst ausmachen muss), im Schreibprozess vollständig überwunden hat. Die objektivierende Funktion der Literatur, die das eigene Leben zu einem Gegenstand des Erzählens macht, zeitigt ihre Wirkung. »Wenn ich ehrlich bin, empfinde ich überhaupt nichts. Ich will nur die Phantasien und Verhaltensweisen der Eifersucht erforschen, die in mir am Werk war, will etwas Individuelles, Intimes zu einer greifbaren, verständlichen Substanz machen«, schreibt sie später. »Nicht mehr nur mein Verlangen, meine Eifersucht finden sich auf diesen Seiten, sondern ein Verlangen, eine Eifersucht, und ich bin bei der Arbeit unsichtbar.« Obwohl sie ja die ganze Zeit nur über sich spricht.
Das gehört offenbar zu den poetologischen Grundbedingungen des Memoirs. »Ich habe schon immer schreiben wollen, als wäre ich bei Erscheinen des Textes nicht mehr da. Schreiben, als würde ich bald sterben, und es gäbe dann niemanden mehr, der urteilt. Auch wenn der Glaube, die Wahrheit könne erst durch den Tod zum Vorschein kommen, eine Illusion sein mag.«
Die Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst, mit der Ernaux dieses verminte innere Gelände durchsucht und in einer betont unaufgeregten, unamplifizierten Sprache auch die vermeintlichen Peinlichkeiten zu Tage fördert, macht dieses Buch so wertvoll. »Nach dem Aufwachen griff ich meist als erstes nach seinem im Schlaf erigierten Penis und hielt ihn fest, als umklammerte ich einen Ast. Ich dachte, ›solange ich das hier in der Hand halte, bin ich nicht verloren in der Welt‹. Wenn ich heute über die Bedeutung dieses Satzes nachdenke, scheint mir, ich meinte damit, dass nichts zu wünschen übrigblieb, wenn meine Hand den Penis dieses Mannes umschloss. Jetzt liegt er im Bett einer anderen Frau. Vielleicht tut sie dasselbe, streckt die Hand aus und greift nach seinem Penis. Monatelang sah ich ihre Hand und hatte den Eindruck, es wäre meine.«
Man kann sich vorstellen, dass ihr feministisches Über-Ich an dieser Stelle mehrfach mit der Delete-Taste geliebäugelt hat. Diese Passage steht allerdings strategisch am Anfang, gleichsam als vertrauensbildende Maßnahme. Wer sich das durchgehen lässt, sollen wir denken, der wird auch in der Folge nichts Heikles seiner Dezenz opfern. Tatsächlich lässt sie kaum eine Irrung und Wirrung aus, sie sieht Gespenster, fühlt sich beobachtet, stellt sich die andere Frau, die sie vermutlich nie gesehen hat, in immer neuen Erscheinungsformen vor, beginnt sie als erotische Wonder Woman zu überhöhen – und sich vice versa selbst zu erniedrigen. Sie kartographiert den Schmerz, wenn Orte, Lieder, Filme sie an die gemeinsame Zeit mit ihm erinnern, oder eine absichtslos dahingeworfene Bemerkung ihr zeigt, dass sie als erste Vertraute ausgedient hat. Vor allem aber beschreibt Ernaux all ihre emotionalen Abgründe, den Hass, Neid, die Boshaftigkeit, das Verständnis, das sie auf einmal für »Verbrecher aus Leidenschaft« empfindet, denn sie kann plötzlich den Drang nachfühlen, »einen Menschen, der deinen Körper und deinen Geist in Besitz genommen hat, aus dem Weg zu räumen«.
In manischem Eifer versucht sie, die Identität der Nebenbuhlerin herauszufinden, gerade weil ihr Ex jegliche Aussage zur Person verweigert. Und so bringt ihre pathologisch heißlaufende kombinatorische Phantasie zufällig aufgeschnappte Fakten regelmäßig in einen Kausalzusammenhang. Weil W. ihr gemeinsames Treffen absagt und anschließend in den Nachrichten gemeldet wird, dass morgen »alle Dominiques Namenstag« feiern, muss sie Dominique heißen, denn er sagt sicher nur ab, um mit ihr diesen Anlass zu feiern. »Man kann diese Suche und dieses frenetische Zusammensetzen von Informationen als etwas Intelligenzwidriges verstehen. Ich sehe eher die poetische Funktion, dieselbe, die auch in der Literatur, der Religion und der Paranoia am Werk ist.« Tatsächlich gibt es stupende Strukturanalogien. Alle drei phantasieren sich ihre eigene Realität zusammen, nur die Literatur weiß um die Fiktionalität ihrer Wirklichkeit. Übrigens auch der des Memoirs.
Damit nichts wegkommt von ihrer Erinnerungsstreu, nichts ungesagt bleibt, was in einer stringenten Erzählung womöglich unter den Tisch fallen könnte, wählt Annie Ernaux die Form der Prosacollage. Das zeugt von ihrem ästhetischen Feingefühl. Denn noch in der unruhigen, unordentlichen, wilden Struktur dieses Buches spiegelt sich ihr damaliger Gemütszustand.
Annie Ernaux: Die Besessenheit. Aus dem Französischen von Sonja Finck. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2025, 66 Seiten, 20 Euro
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