»Solange No Future eine Zukunft hat«
Von Kai Pohl
Urs Böke, Stefan Heuer und Fabian Lenthe haben kürzlich ihren zweiten Gedicht-Trialog herausgebracht. Im Verlag Moloko Print erschien »Die Fische werden fressen«. Nach »Vielleicht ein paar Raben«, dem zwei Jahre alten Debüt der Dichtertriade, widerlegt auch dieses Buch die These, dass alle Kunstdinge bei der Realisierung sowohl der Abgeschiedenheit als auch des einsamen, vereinzelten Schaffens bedürfen. Ralf Friel, Verleger in dem Ort, dem das Pretziener Wehr seinen Namen verdankt, schafft sich mit derartigen kollaborativ entstandenen Publikationen seit einiger Zeit eine eigene kleine Traditionslinie. Neben zwei Gemeinschaftsproduktionen der Collagisten Boris Kerenski und Stefan Heuer sowie der ebenfalls collagierten Teamarbeit »Communanza« von Brandstifter und Jürgen Schneider sind bisher zwei Bände »sms free lyrik schach« der in Wien lebenden Beatpoeten (Eigenbezeichnung) Wolfgang Sysak und Gerhard Vladar erschienen.
»Die Fische werden fressen« zitiert ein Gedicht von Stefan Heuer (Jahrgang 1971), der auch das Auftaktpoem für diesen Trialog schrieb. Die Herstellung und Ausformung der 99 Texte läuft nach der immergleichen Abfolge Heuer–Lenthe–Böke, wobei jeweils die Schlusszeile des Vorläufer- die erste Zeile des Nachfolgergedichts bildet und somit eine Art schriftstellerischen Staffellauf darstellt. Im Verlauf des Buches greifen die Autoren auch auf Passagen aus weiteren Zeilen und früheren Texten des Bandes zurück, wodurch sich beim Lesen der Eindruck verdichtet, sich in einem Metatext zu bewegen, einem richtungslosen Gewebe aus Worten und Gleichnissen über Worte und Gleichnisse, die um andere Worte, Allegorien, Metaphern kreisen, sie umformen, weiterführen, verlassen oder wieder aufnehmen: »unsere spaziergänge führen mich in die irre, jeder deiner schritte eine performance zwischen raketen und sand« (Heuer), weshalb auf das Kennzeichnen, welches Zitat von welchem Autor stammt, in den folgenden Absätzen verzichtet werden soll.
Die Methode der Gedichtproduktion mittels Lyrikdialog wurde von Urs Böke (Jahrgang 1975) und Stefan Heuer bereits in zwei Publikationen von 2013 und 2018 angewendet, zu deren erster, »stirb nicht am speichel der nacht«, das Fanzine Rogue Nation schrieb, das Buch sei »ein kettenbriefartiges Literatur-Maschinengewehr«, was spontan an die Situation im Jahr 1968 erinnert, als Rolf Dieter Brinkmann dem Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki die Sache mit dem Buch und dem Über-den-Haufen-Schießen an den Kopf warf. Auf ähnliche Weise überlagern sich in dem neuen trialogischen Gemeinschaftswerk poetische und existenzielle Radikalität, bildliche und greifbare Dissonanzen: Der »Duft des Flieders« mischt sich mit dem »Geschmack des Blutes«, »ein Deo mit dem / Geruch von Demenz«, »(b)is der Himmel sich erbricht«; »das treibholz und das glück« trifft auf das »Summen in den Steinen«; »und tanz den mussolini« »mit nassen Füßen / auf dem elektrischen Stuhl«, »(s)olange No Future eine Zukunft hat«.
Noch 2009 antwortete Urs Böke in einem Interview im Ox-Fanzine auf die Frage, ob er zu anderen Autoren Kontakt habe: »Ja. Aber ich verrat nicht zu welchen … Das Problem im Underground ist, dass sich auch dort fast jeder selbst der nächste ist. Ist die gleiche Scheiße wie im Mainstream, nur dass es kaum jemand mitkriegt. Aber es gibt durchaus einige, zu denen man einen freundschaftlichen Kontakt pflegt und für die ich meine Hand ins Feuer legen würde.« Das Geheimnis wurde also spätestens 2013 (zumindest teilweise) gelüftet, und zehn Jahre später kam ganz offiziell der Jüngste im Bunde hinzu: Fabian Lenthe, Jahrgang 1985, der im vergangenen Jahr für seinen Gedichtband »Streichhölzer« den Bayerischen Kunstförderpreis in der Kategorie Literatur zugesprochen bekam. Nichtsdestotrotz zählt er zu jenen, für die Urs Böke, gelegentlicher Herausgeber der Underground-Fanzines Ratriot und Maulhure (Geständnis: »Keine Fördergelder seit 1995«) seine Hand ins Feuer legen würde. Böke hat auf seiner Website ratriot.de eigens eine Rubrik »Kollaboration am Start«, mit einer Fotografie, worauf eine am Infusionsständer hängende Flasche Kochsalzlösung mit der Bildunterschrift »Am Tropf der neidlosen Kollaboration« vermuten lässt, dass die Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten ihm keine Nebensache ist, weshalb er offenbar gern die (Selbst-)Einschätzung verbreitet, »Die Fische werden fressen« sei ein »Gedicht-Trialog, klar wie Laichwasser«.
»Vor uns die Kulissen von Tatendrang und Stein«: Böke, Heuer und Lenthe fördern – in Umkehrung der Sentenz des US-amerikanischen Philosophen und Dichters Ralph Waldo Emerson (1803–1882), »Sprache ist fossile Poesie« – mit poetisch sicherem Gespür das Gewebe einer fossilen Sprache zutage, die sich dem zeitgenössischen Imperativ widersetzt, »mit eines / fremden mannes arsch ist gut durchs feuer fahren«; sie verfallen in ihrem dreistimmigen Sound eher nicht dem tragischen Moment, »[w]enn die Nadel das Vinyl verfehlt / [u]nd ich vom Morgen singe / [b]is ich sterbe«. Diese Poesie der fressenden Fische, der geschärften Messer, der Faust, die auf den Tisch schlägt, der gefühlten Finsternis – »Siehst du da hinten die Flammen?« – lässt »sternenstaub über die pizza rieseln« und entzaubert die Propaganda der befremdlichen Geschichtsproduktion einer Herrschaft auf dem »Ausritt ohne Pferd«. »Diese Ausflüge aus dem Alltag / das Finden von Nischen / das Reiten auf Wellen / ohne dass die / Füße nass werden« bringt am Ende gewiss den einen Satz zum Leuchten: »Lass uns alles ändern / bis Heimat nicht mehr fremd macht«.
Urs Böke/Stefan Heuer/Fabian Lenthe: Die Fische werden fressen. Mit Collagen von Jürgen O. Olbrich, Stefan Heuer und Urs Böke. Moloko Print, Schönebeck (Elbe) 2025, 117 Seiten, 15 Euro
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