Annalena atmet schwer
Von Ken Merten
Gut, dass unter den Oberflächen meist noch etwas steckt. Wer stolpert, prellt sich vielleicht blau, stürzt aber nicht gleich ins Leere. Der Weg vom Grind auf der Nase zur Heilung ist kürzer als aus dem Nichts zurück ins Sein.
Hinter tausend Stäben eine Welt, die keine ist: Pessimistinnen und Pessimisten wird man wohl auch noch im Paradies finden, das Gemüt kommt nicht selten vom Darm her. Näher liegt, die Welt als bloßes Purgatorio einzuschätzen, wenn sie sich als solches präsentiert.
Wer gar nicht mehr will, will manchmal doch noch etwas: bewundert werden dafür, etwas zu können. Wenn er kann, dann zaubert er und schreibt »Less than Zero« (1985) oder »American Psycho« (1991). Als die Erde aufhörte, sich zu drehen, und in Depression verfiel, kam Bret Easton Ellis und hatte keinerlei Interesse daran, etwas zu wecken, außer den Verdacht, dass besser wär, wenn nichts entstünde – und nebenher ließ sich bei der Lektüre noch der Würgreiz trainieren.
Keine Besserung in Sicht, kein Fortschritt vorgesehen. Nichts dahinter, außer der blanke Horror, mit Betonung auf dem Adjektiv: das Grauen so glatt und steril wie schmerzhaft und sinnlos. Trost offensichtlich nicht, aber Hohn, dass der perfekt rasierte, adrett gekleidete und popkulturell hochgebildete Patrick Bateman eine abschlachtet, ist es auch nicht; weder für seine Opfer noch für Bateman selbst. Statt dessen sieht nach jeder noch so brutalen Sezierferkelei alles aus wie gehabt: Über dem Sein liegt die Schutzfolie. Sooft man sie auch abschält, weil sie vor Blut und Schmodder strotzt, drunter ist noch eine.
Josefine Rieks packt noch ein paar Lagen Recyclingfolie auf die warenförmige Welt drauf. »Wenn euch das gefällt« heißt ihr jüngst erschienener dritter Roman. Ich-Erzählerin Mon darin ist – wie einst Jedermann Bateman Investmentbanker war –, was heute alle sind: influencendes Model in der Social-Media-Gesellschaft.
Selbstverständlich sind es ihre Freundinnen auch. Selbstverständlich hat jede ihre DNA analysieren lassen, um zu wissen, welche Ernährungsweise für sie die beste wäre: »Natürlich erzählt Violetta jetzt, dass ihre nutrigenomische DNA-Analyse ergeben hat, dass sie Trägerin einer sehr seltenen Genvariante ist, bei der laut My Body DNA eine zu geringe Aufnahme von Kohlenhydraten paradoxerweise zu einer Gewichtszunahme führen kann.« Selbstverständlich leben sie nach Möglichkeit vegan und beziehen ihre Tierwolle, wenn, dann von einem Gnadenhof für Alpakas nahe Cottbus: »Die Wolle wird nur verwendet, wenn die Tiere eines natürlichen Todes gestorben sind.« Selbstverständlich sind sie so schönheitswahnsinnig wie körperpositiv. Selbstverständlich konsumieren sie bewusst und mögen ihre Cocktails aufwendig und alkoholfrei. Selbstverständlich hallen binäre Heteronormativität und eurozentrischer Neokolonialismus bei ihnen nur noch nach: »Ich wende mich zu Angelita, öffne auch ihre Beine und betrachte ihren schönen Penis.«
Unter all dieser Einigkeit aber wüten wie eh und je Konkurrenz, Neid und die Verachtung der je anderen. Wer sich nicht noch bewusster und veganer ernährt als die andere, wer den anderen gegenüber nicht noch authentischer »flötet«, wie schön doch der gemeinsame Abend bei Sommerrollen und Weißwein (0,0 Prozent) sei, beweist die eigene Austauschbarkeit. So zeitgenössisch-stilbewusst und hyperspezifisch Rieks ihr Personal mit den neuesten Styles ausstaffiert, so verschwinden die Figuren als einzelne hinter Modetrends, Süßholzraspeln und repetitiver Faktendrescherei über Cremes und Ersatzprodukte. Würde Mon nicht erzählen, auch sie ginge in nachhaltigen Beautytips und emanzipierter Femininität unter und würde irgendwann ersetzt. Vielleicht von dieser Furcht getrieben, ist sie es, die in diesem sedierten Schreckensreich als Ungeheuer zutage tritt. Ein sich vor menschlicher Nähe scheuendes Monster, das zu Michel Houellebecq ins Gedächtnis rufenden Tierpornos masturbiert, Sexpartnerinnen verkloppt, Drinks mit Drogen versetzt und tatsächliche zwischenmenschliche Nähe meidet wie der Teufel das Weihwasser, weil sie nicht vom sogenannten Kuschelhormon Oxytocin abhängig sein will.
Doch – und das ist das Mehr an Furchtbarkeit im Vergleich zum metzelnden, zumindest im Moment des Splatterorgasmus befriedigten Bateman – misslingt der Harm: »Annalena atmet schwer, während ich die dritte Rose nehme und zu den anderen in ihren Anus schiebe. Als ich anfange, sie ein bisschen hinaus und hinein zu bewegen, scheinen die Dornen immer noch nicht zu stören, sie rutschen einfach mit, Annalenas Stöhnen steigert sich, wird zu einem Grunzen, ihr Unterleib hebt sich von der Sitzfläche des Stuhls, sie stöhnt auf und ihr Körper entspannt sich.«
Wo nur noch Masochismus waltet, findet Sadistin Mon keine Erleichterung: In »Wenn euch das gefällt« betteln ihre Opfer um mehr. Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er am Verdroschenwerden nicht Gefallen findet. Und wer zu lang in den Abgrund schaut, durchbohrt ihn irgendwann mit seinem Blick – und findet darin Josefine Rieks’ Roman.
Josefine Rieks: Wenn euch das gefällt. XS-Verlag, Berlin 2025, 320 Seiten, 26 Euro
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