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Aus: Wein, Beilage der jW vom 19.06.2024
Mosel-Reportage

In Schleifen

Dem Saufbähnchen auf der Spur. Eine Weinreise entlang der Mosel
Von Ronald Weber

Das soll die älteste Stadt Deutschlands sein, einst keltische Siedlung, Residenz der römischen Kaiser und bedeutendes Kurfürstentum? Beim Verlassen des Bahnhofs präsentiert sich Trier eher piefig. Westdeutsche Provinz. Der erste Blick fällt auf ein hässliches, in die Jahre gekommenes Hochhaus. Die historischen Schätze, antike Baudenkmäler wie die Porta Nigra oder die Konstantinbasilika gibt Augusta Treverorum, so der römische Name Triers, erst frei, wenn man die die Altstadt umgebende Schnellstraße passiert hat. Dann sind die Eindrücke jedoch beeindruckend. Der Trierer Dom und die dazugehörigen Gebäude – ähnlich dem Vatikan eine Art Stadt in der Stadt – vermitteln deutlich, welche Macht Kurtrier und dessen Erzbischöfe einst hatten.

Damit war es freilich vorbei, als die Franzosen kamen. 1794 geriet Trier für 20 Jahre unter französische Herrschaft. Die Klöster wurden geschlossen oder umgewidmet. Auf dem Boden des Alten entstand Neues, ein Prozess, den die Stadt seit keltischer Zeit immer wieder erlebte. 1804 begründete Napoleon per Dekret die Vereinigten Hospitien. Im ehemaligen Katharinenkloster wurde ein Bürgerhospital eröffnet. Gemeinsam mit anderen Einrichtungen entstand eine Stiftung, die sich bis heute der Alten- und Jugendpflege widmet. Zu ihr gehört auch das gleichnamige Weingut, das zur Finanzierung der Anlagen dient.

Natürlich zählt der Riesling, der den Weinanbau zwischen Perl an der französischen Grenze und Koblenz entlang der Mosel und den Unterläufen von Saar und Ruwer dominiert, auch hier zu den bevorzugten Rebsorten. Betriebsleiter Joachim Arns präsentiert uns die trockenen Weißen. Etwa den 2023er Schloss Saarfels Riesling, ein für die Region charakteristischer Vertreter, der sich durch stramme Säure, feine Mineralik und moderaten Alkoholgehalt auszeichnet. Die Reben an der Mosel wachsen zumeist an den Uferhängen, manche steiler als eine Skisprungschanze, in blaugrauem Schiefer. Millionen und Abermillionen von Plättchen, die jeden Sonnenstrahl auffangen und für ein ganz besonderes Klima im Weinberg sorgen.

Von den Römern zu Marx

Die Geschichte der Vereinigten Hospitien reicht bis Napoleon zurück. Der Weinkeller aber, in den Joachim Arns uns führt, ist viel älter. Er stammt vermutlich aus dem Jahr 330 n. u. Z. und wurde ursprünglich als Getreidelager genutzt. Bis ungefähr in diese Zeit lässt sich auch der Weinbau an der Mosel zurückverfolgen. Zwar war schon den keltischen Siedlern der Rebensaft bekannt, Zeugnisse wie Kelteranlagen lassen sich aber erst für das dritte Jahrhundert nachweisen. Auf dem Betriebsgelände der Vereinigten Hospitien steht auch ein Nachbau des wohl berühmtesten archäologischen Fundes der Region: das Neumagener Weinschiff. Das Original, Bestandteil eines Grabmals eines römischen Weinhändlers aus der Zeit um 220 n. u. Z., befindet sich im Rheinischen Landesmuseum, das die antike Geschichte Triers ausbreitet.

Wir aber machen nicht hier halt, sondern besuchen Karl Marx. Seit 1968 existiert in dessen Geburtshaus ein Museum, das fest in der Hand der SPD ist, was man leicht der 2018, anlässlich des 200. Geburtstags des Philosophen und Revolutionärs neu konzipierten Dauerausstellung entnehmen kann. Nicht dass die nicht sehenswert wäre. Es ist nur eben die Friedrich-Ebert-Stiftung, die hier die Feder geführt hat. So heißt es etwa mit Blick auf die von der SPD-Führung um Ebert und Noske behinderte, abgebrochene, ja zerstörte Novemberrevolution, es sei der SPD gelungen, sich an deren Spitze zu setzen: »Zwar kommt es in den Revolutionswochen auch zu Gewalt, doch die sozialdemokratische Strategie ist 1918 eine andere: Das Erreichte soll durch Wahlen abgesichert werden.« Denkt man an das Wüten der von der SPD-Führung gedeckten Freikorps, ist das reichlich zynisch.

Natürlich fehlt es im Museumsshop nicht an dem gewöhnlichen Tinnef, den es in allen Museen dieser Welt zu kaufen gibt: Beutel mit Marx-Konterfei und Postkarten, Biographien (von antimarxistischen Historikern) und Alkoholisches: einen Trester »Proletariat«, einen Gin »Bourgeoisie«, einen Orangello »Opium des Volkes«. Bei dieser inhaltsleeren Vermarktung Marxscher Begriffe fallen uns gleich noch ein paar andere ein: ein Wodka »Expropriation« etwa oder ein Riesling »Ausbeutung«.

Nicht mitzureden in Sachen Marx hatte die SPD übrigens bei der Karl-Marx-Statue des Bildhauers Wu Weishan, die die Volksrepublik China 2018 der Stadt schenkte. Zwar gab es seinerzeit eine aufgeregte Debatte, letztlich aber nahm man die fünfeinhalb Meter große Bronze gern, stellt sie doch ein weiteres Highlight für die seit Jahren in die Stadt strömenden chinesischen Touristen dar, die auf ihrer Europatour den Geburtsort des Philosophen besuchen wollen, auf den sich die Kommunistische Partei Chinas formell noch immer bezieht.

Wie das zusammenpasst und wieviel Ausbeutung im Wein steckt, der ja ohne die billigen Arbeitskräfte aus Rumänien, die – der EU sei Dank – in allen deutschen Weinbaugebieten ackern, kaum zu den gewohnten Preisen in die Flaschen käme, diskutieren wir noch am nächsten Tag, als wir in Richtung Nordosten aufbrechen. Mit dem Rad, wie Zehntausende Touristen jedes Jahr, die die in Schleifen und Schlingen gen Koblenz fließende Mosel entlangfahren. Im Hochsommer ist hier gewiss die Hölle los. An diesem Morgen aber treffen wir nur wenige Radler, denn es regnet. Tief und beklemmend sitzen die Wolken über dem Tal.

Die Touristen kommen

Wenig einladend präsentieren sich daher auch die ersten Weindörfer: Mehring, Pöhlich, Schweich. Alles wirkt ein bisschen verwittert, abgetragen, keineswegs reich. Es scheint fast, als treffe noch immer zu, was Marx 1843 in der Neuen Rheinischen Zeitung über die Moselwinzer schrieb, nämlich dass »der Luxus schon zu einer Sage früherer Tage« geworden sei. Nach der Niederlage Napoleons und dem Wiener Kongress fielen die Mittel- und Untermosel an die Hohenzollern. Integriert in die von Kleve bis Saarbrücken reichende Rheinprovinz wurden die Moselaner »Musspreußen«. Befeuert durch die Romantik und die in ganz Europa, besonders aber in Großbritannien verbreiteten Rhein- und Moselbilder erlebte das Moseltal mit dem Beginn der Dampfschifffahrt einen ersten touristischen Aufschwung. Die Söhne des Adels und der Bourgeoisie wollten die vermeintlich ursprüngliche Landschaft mit ihren zahllosen Burgen sehen (von denen freilich Ludwig XIV., als er 1673 zeitweise seine Macht bis an den Rhein ausdehnte, Dutzende hatte sprengen lassen). Dann aber kam die Zollunion und mit ihr die günstigeren Weine aus der Pfalz und vom Rhein. In den Weindörfern breitete sich die Not aus.

Wir fahren entlang der 1962 stillgelegten Moselbahn, dem »Saufbähnchen«, das schon Kurt Tucholsky benutzte. Der Radweg verläuft auf dem ehemaligen Schienenbett. Tucholsky hatte 1930 geschrieben: »auf jeder dritten Station stiegen wir aus und sahen nach, wie es mit dem Weine wäre«. So ähnlich sah auch unser Plan aus. Nur dass wir eben Pech hatten, denn die meisten Winzer hatten ob des bevorstehenden Fronleichnamsfestes geschlossen.

Die meisten, aber nicht alle. Und so kehren wir in Leiwen beim Weingut Nik Weis ein. Weis, wie die Vereinigten Hospitien Mitglied im Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP), setzt seit langem auf den Ausbau trockener Rieslinge und zählt mit 64 Hektar sowohl an der Saar als auch an der Mosel zu den größeren Winzern der Region. Wir probieren einen 2022er Schiefer Riesling, einen Gutswein, der angenehm leicht daherkommt, etwas kräutrig und mit angenehmer Säure. Wie die meisten Spitzenwinzer lässt Weiss ausschließlich per Hand lesen, so dass nur vollreife Trauben geerntet werden. Das hat natürlich seinen Preis. Schon die Ortsweine, die laut der Klassifikation des VDP aus den besten Weinbergen eines Ortes stammen, kosten um die 20 Euro, die großen Gewächse, also die Weine aus den Spitzenlagen wie dem Piesporter Goldtröpfchen oder der Leiwener Laurentiuslay, locker das Doppelte. Winzer wie Nik Weis produzieren dementsprechend auch zu einem Gutteil für die gehobene Gastronomie und den Export nach China, Japan, Südkorea oder in die USA, zumal der Trend, deutsche Rieslinge als Prestigeobjekte und Wertanlagen zu erwerben noch immer anhält und manche Kunden selbst für frisch abgefüllte Lagenweine mehrere hundert, wenn nicht tausend Euro bezahlen. Gut in dieses Bild passt denn auch das kurz vor Bernkastel-Kues gelegene Dorf Lieser mit dem gleichnamigen Schloss. In dem Ende des 19. Jahrhunderts von einem Industriellen errichteten bombastischen Gebäude im Stil des Historismus residiert seit 2019 ein Luxushotel, das Standardzimmer ab 200 Euro pro Nacht.

Aber das ist nur die eine, sonst wenig sichtbare Seite der Mosel, an der traditionell noch immer der Massentourismus dominiert. Und das seit langem. Orte wie Bernkastel-Kues, Traben-Trarbach oder Cochem waren schon im späten 19. Jahrhundert Schwerpunkte des Fremdenverkehrs, der sich im Zuge der »Kraft durch Freude«-Reisen der Nazis an der gesamten Mittel- und Untermosel ausbreitete. In der alten Bundesrepublik war die Region der Inbegriff für Gruppenreisen mit den Sparern aus der Kneipe, dem Kegelklub oder dem Sportverein. Getrunken wurde und wird dabei neben Wein gern auch Bier. Die für die Massen nötige Infrastruktur gibt es heute noch, erweitert um eine unüberschaubare Anzahl von Weinautomaten und Campingplätzen. Wer hier aber nur Rentner mit überdimensionierten Wohnmobilen und E-Bikes erwartet, sollte einmal einen Blick in die Kommentarspalten einschlägiger Reisewebseiten werfen, wo von betrunkenen Jugendlichen und Ballermann-Atmosphäre die Rede ist. Rund zwei Millionen Besucher kamen im vergangenen Jahr an die Mosel, Tendenz steigend.

Das direkt hinter Lieser gelegene Bernkastel-Kues vermittelt einen kleinen Eindruck davon, wie es hier im Sommer zugehen muss. Am Fronleichnamstag schieben sich bereits morgens die Besucher durch die Gassen des Städtchens, unter ihnen auffällig viele US-Amerikaner. Kein Wunder, gilt doch der Ort, der mit dem Bernkasteler Doctor über einer der berühmtesten Weinlagen der Welt verfügt, als Inbegriff der Moselromantik, auch wenn die beiden riesigen, mehr als hundert Meter langen Kreuzfahrtschiffe, die hier haltgemacht haben, kaum zu diesem Bild passen. Wenn die Saison erst richtig losgeht, werden es wohl noch einige mehr sein.

Akten vernichten

Für die Winzer an der Mosel hat die Stadt eine besondere Bedeutung. Hier fand am 25. Februar 1926 der Sturm auf das lokale Finanzamt statt. Nach dem Ersten Weltkrieg war der Weinhandel mit dem Rest Deutschlands aufgrund der französischen Besatzung nahezu inexistent, die Weinbauern litten unter französischer und spanischer Konkurrenz. Als die Berliner Regierung eine neue Weinsteuer einführte, brach sich der Unmut Bahn. 2.000 von der Zentrumspartei mobilisierte Winzer verwüsteten das Finanz- und Zollamt der Stadt, warfen Akten auf die Straße und verbrannten sie. Einen Monat später ließ die Regierung die Weinsteuer fallen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Zwar wird innerhalb der EU auf Wein eine Verbrauchersteuer erhoben. Sie ist in Deutschland aber auf null gesetzt.

Wir verlassen Bernkastel-Kues, bevor die Fronleichnamsprozession den Marktplatz erreicht, kommen aber nicht weit, denn schon kurz nach dem Ortsausgang überrascht uns ein Platzregen. Zum Glück finden wir Unterschlupf in Graach beim Weingut Pohl-Botzet. Claudia Pohl bewirtschaftet hier 2,5 Hektar, was so ziemlich der durchschnittlichen Anbaufläche der Moselwinzer entspricht. Wenngleich sich natürlich auch hier der generelle Trend zur Konzentration bemerkbar macht und die Zahl der Betriebe immer kleiner, die Flächen immer größer werden. Winzer wie Markus Molitor verfügen mittlerweile über mehr als 130 Hektar. Während sich weitere durchnässte Radfahrer vor dem Regen unter die großen Sonnenschirme retten, probieren wir die Weine Claudia Pohls. Besonders mundet uns der 2022er Himmelreich Kabinett, ein feinherber Riesling, der nach Steinfrüchten schmeckt. Für Liebhaber trockener Weine ist die Süße gewöhnungsbedürftig. In Verbindung mit dem hohen Säuregehalt der Moselweine ergibt sich aber ein fast harmonisches Bild. Auch der frisch abgefüllte, trocken ausgebaute Himmelreich Kabinett kann sich sehen lassen. Mit Noten von Eisbonbon in der Nase kommt er sehr leicht und klar daher. Bei einem niedrigen Alkoholgehalt von gerade einmal 10,5 Prozent ist das ein perfekter Sommerwein, den man auch gut als Gespritzten trinken kann.

Während wir die in den Pfützen planschenden Nilgänse beobachten, die sich seit einigen Jahren an der Mosel stark ausbreiten, klagt uns Claudia Pohl ihr Leid. Es wird nämlich Zeit, dass sich der Sommer endlich mal sehen lässt, für die anstehende Rebenblüte braucht es jetzt viel Sonne. Gefühlt habe es an der Mosel seit dem Herbst durchgeregnet. Klimawandel bedeutet eben nicht nur mehr Hitze, sondern auch stabilere Wetterlagen. Kämpfen die Winzer in einem Jahr mit der Bewässerung, sind es im nächsten die Pilze, die sich bei zuviel Feuchtigkeit in den Weinbergen ausbreiten. So auch im vergangenen Jahr, dessen warmer September aber letztlich die Rettung brachte. Für 2024 sieht es aber jetzt schon schlecht aus. Zwei frostige Nächte Ende April haben viele der bereits ausgetriebenen Reben geschädigt. Besonders betroffen ist die obere Mosel, wo in den Seitentälern an Saar und Ruwer mehr als 90 Prozent der Reben erfroren sind. Aber auch bis hin zu den terrassierten Weinbergen an der Untermosel gab es Frost. Ob die Reben neu austreiben, wird sich zeigen.

Gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses, sind die riesigen Hallen von Peter Mertes, einer der weltweit größten Weinkellereien. 400 Menschen arbeiten hier. Täglich werden eine Million Liter Wein abgefüllt, aus Deutschland, aber auch aus Frankreich, Italien, Australien oder Südafrika. Kaum eine Flasche in deutschen Supermarktregalen, die nicht von Mertes stammt. Auch viele der kleinen Moselwinzer liefern ihre Weine hier ab, sofern sie nicht Mitglied der Moselland EG, der mit 1.750 Mitgliedern größten deutschen Winzergenossenschaft, sind.

Als der Regen nachlässt, fahren wir weiter, unter der 2019 fertiggestellten Hochmoselbrücke hindurch, die die Eifel mit dem Hunsrück verbindet. Auf mehr als 150 Metern Höhe zieht sich ein graues, aus der Ferne fast filigran wirkendes Betonband über den Fluss. Pläne für eine solche Querung gab es schon lange. Natürlich war der Bau umstritten, nicht nur, weil die Brücke das Landschaftsbild zerstört, sondern auch weil dafür Rebflächen aufgegeben werden mussten. Größen der Weinkritik wie Hugh Johnson und Jancis Robinson protestierten dagegen. Geholfen hat es nicht.

Kröver Nacktarsch

Kurz nach der Brücke kommt der Weinort Erden mit der berühmten Lage »Erdener Treppchen«. Vor einigen Jahren wurde hier eine antike römische Kelteranlage aus dem 2. Jahrhundert n. u. Z. entdeckt, die älteste bekannte römische Traubenpresse nördlich der Alpen. Spitzenweingüter wie Dr. Loosen und Reichsgraf von Kesselstadt verfügen hier über Rebbestände. Aber auch weniger bekannte Winzer wie das Weingut Schwaab und Sohn, deren frisch abgefüllter Literriesling ebenso zu empfehlen ist wie dessen 2022er Arduena – Erdener Treppchen Riesling Spätlese trocken, der mit Aromen von Pfirsich fein mineralisch und mit gut ausbalancierter Säure daherkommt.

Da jetzt die Zeit drängt, müssen wir ordentlich in die Pedale treten. Schließlich wollen wir in Bullay, von wo ab die Regionalbahn an der Mosel entlang nach Koblenz fährt, den Zug bekommen. Einen weiteren Stopp aber können wir uns nicht versagen. Im Weindorf Kröv wollen wir einen Wein probieren, der den Ruf der Moselweine über Jahre negativ geprägt hat. Der Kröver Nacktarsch, so der Name der örtlichen Großlage, war bis Ende des 20. Jahrhunderts der Inbegriff der süßen Plörre, ein lieblicher Wein, der mit Zuckerwasser versehen und zusätzlich noch mit geschwefeltem Most gesüßt wurde. In Kröv bemüht man sich längst um ein besseres Image des Nacktarschs. Das Etikett, das einen Jungen zeigt, dem der nackte Hintern versohlt wird, ist aber noch immer das gleiche, und auch der halbtrockene 2023er Hochgewächs-Riesling aus der nämlichen Lage weiß wenig zu überzeugen. Hier liegt die Süße völlig unverbunden über dem leicht säuerlichen Wein.

In Koblenz nutzen wir die Zeit, die uns bis zum Umstieg bleibt, und laufen zur Stelle, an der die Mosel in den Rhein mündet. Hier, am sogenannten Deutschen Eck, machte vor fast hundert Jahren auch Tucholsky am Ende seiner Moselreise halt und fragte sich angesichts des steinernen Kaiser Wilhelm-Denkmals: »Könnt ihr euch denken, dass sich jemals eine Regierung bereit fände, einen solchen gefrorenen Mist abzukarren?« Wir wissen die Antwort, und sie fällt noch schlimmer aus, als Tucholsky hätte ahnen können, passt aber wunderbar in unsere Zeiten. Denn sie haben das wuchtige Denkmal, nachdem es im Zweiten Weltkrieg zerstört worden war, 1993 einfach wieder aufgestellt.

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