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Aus: Kampf ums Wohnen, Beilage der jW vom 02.11.2022
Housing First

Keine Wohnung, keine Würde

Erst die Pandemie, jetzt die Preissteigerungen: Menschen ohne Obdach sind auf Unterstützung angewiesen. Manche helfen sich selbst, wie ein Fall aus Berlin zeigt
Von Sandra Schönlebe
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In Zeiten steigender Mieten, explodierender Energiepreise und einer andauernden Coronapandemie ist die Lage für Menschen ohne eigene Wohnung besonders dramatisch. Wie viele Menschen davon betroffen sind, ist nicht leicht zu sagen. Immerhin: In diesem Jahr ermittelte der Bund erstmals die Zahl der Wohnungslosen, und zwar für den Stichtag 31. Januar 2022. Demnach sind es 178.000 gewesen. Im Ergänzungsbericht von Ende September kamen noch 37.400 Obdachlose sowie 49.000 sogenannte verdeckt Wohnungslose hinzu. Mit Abzug der geschätzten Zahl von doppelt Gezählten geht man von rund 263.000 Betroffenen aus. Werena Rosenke, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e. V. (BAGW), zeigte sich gegenüber junge Welt überzeugt, dass das noch nicht alles ist: »Die Zahlen der Bundesregierung machen die Größe des Problems durchaus deutlich, auch wenn sicherlich einige Menschen unerfasst bleiben.« Im November 2021 schätzte ihre Organisation für 2020 die Jahresgesamtzahl von Menschen ohne eigene Wohnung inklusive wohnungsloser Geflüchteter auf 420.000.

Während der Pandemie haben sich Rosenke zufolge die Lebensbedingungen der Betroffenen verschlechtert: »Viele Hilfsangebote waren eingeschränkt, Ämter waren nicht mehr erreichbar, um Arbeitslosengeldanträge zu stellen, und Anbieter von Tagesaufenthalten mussten ihren Zugang regulieren.« Im ersten Coronawinter 2020/21 seien deutlich mehr Menschen auf der Straße erfroren als in den Wintern zuvor. Dies erkläre man sich damit, dass Not­aufenthalte aus Angst, sich zu infizieren, seltener aufgesucht wurden.

Auch die momentan steigenden Lebenshaltungskosten hinterlassen ihre Spuren. Das liege etwa daran, dass diejenigen, die früher ab und zu etwas gespendet haben, nun genauer aufs Geld achten müssten. Gegenüber jW verwies die BAGW-Geschäftsführerin darauf, dass hohe Stromnachzahlungen auch das Risiko bergen, Mietschulden zu erzeugen und damit Wohnungslosigkeit zu verstärken. Angesichts dieser Situation forderte sie, von der Vollstreckung sogenannter Räumungstitel abzusehen. Es sei »keineswegs zielführend, Leute jetzt auch noch wohnungslos werden zu lassen aufgrund von Umständen, die sie in keinster Weise zu verantworten haben«. Es brauche mehr Prävention. Als Beispiele für wirksame Maßnahmen nannte Rosenke die Mietschuldenübernahme durch Kommunen sowie die Schaffung von Strukturen, um bei bestehenden Mietschulden die Räumung frühzeitig zu verhindern. Zudem müsse dringend mehr bezahlbarer Wohnraum her: »Das ist die Grundvoraussetzung.«

Besonders dramatisch ist die Situation in Großstädten wie Berlin. Dort waren Aktivisten der Initiative »Leerstand hab ich saath« und ehemals Wohnungslose im vergangenen Winter erfolgreich: Sie besetzten nach langem Leerstand einen Gebäudezug in der Habersaathstraße. Durch den Bezirk Mitte kam es zu einer sogenannten Duldung und zur Übernahme der Nebenkosten. Eine Voraussetzung hierfür war die Hinzuziehung eines sozialen Trägers. Die Initiative entschied sich für die Neue Chance gGmbH. Valentina Hauser, Sprecherin von »Leerstand hab ich saath«, erklärte im Gespräch mit jW: »Es musste ein Träger sein, der das Konzept ›Housing First‹ umsetzt. Die Neue Chance ist so einer und hat auch direkt Bereitschaft sig­nalisiert.«

»Housing First« bedeutet, dass – im Gegensatz zum meist praktizierten System – Bedürftigen zuerst Wohnraum zur Verfügung gestellt wird. Ebenso wichtig: Das geschieht ohne Bedingungen wie die Aufnahme einer Suchttherapie oder die Mitwirkung bei sozialer Arbeit. Das Konzept stammt aus den USA, wird aber beispielsweise auch in Finnland erfolgreich umgesetzt. Anfang September wurde der Bundesverband Housing First e. V. gegründet, um den Ansatz hierzulande zu eta­blieren.

Die Neue Chance unterstützt, an dem Konzept orientiert, die Bewohner der Habersaathstraße beispielsweise bei Anträgen, Ämtergängen, Jobsuche und Suchtberatung. Vor kurzem folgte allerdings die Ernüchterung: Der Bezirk stimmte einem Antrag des Eigentümers zu, der die Gebäude abreißen lassen möchte, um dort Luxushäuser zu errichten. »Leerstand hab ich saath«-Sprecherin Hauser möchte das verhindern. Gegenüber jW forderte sie eine »Rekommunalisierung der Häuser«. Dies sei »die einzige Option, um den Abriss zu verhindern«. Und: »Wohnungslosigkeit wird nur dann enden, wenn die Spekulation mit dem Grundbedürfnis Wohnraum endet und er keine Ware mehr ist.«

Durch die Entscheidung des Bezirks sind die knapp 60 Bewohnerinnen und Bewohner nun erneut von Wohnungslosigkeit bedroht. Zwei von ihnen sind Thomas Hahn und seine Partnerin Evija Dauge. Die beiden bezogen kurz nach der Besetzung eine kleine Wohnung in dem Haus. Zuvor lebten sie in einer Art Zeltlager in Berlin-Pankow, welches sie mit Hilfe der dortigen Behörden vergleichsweise behaglich gestalteten. Sogar eine Solaranlage wurde eingebaut. Dort kamen sie mit Engagierten aus der Habersaathstraße in Kontakt, Anfang 2022 erhielten sie eine feste Bleibe.

»Wir vertragen uns alle sehr gut in diesem Haus, weil wir miteinander reden«, erklärte Hahn im Gespräch mit jW. Er selbst führte bis 2017 ein gutbürgerliches Leben, bis er seine Wohnung verlor. Dauge wiederum verließ vor etwa zehn Jahren ihr Heimatland und lebte seitdem ohne festen Wohnsitz. An das Leben auf der Straße erinnern sich die beiden mit gemischten Gefühlen. »Ich habe selten eine Stadt gesehen, die so sozial für Obdachlose ist wie Berlin«, so Hahn. Dennoch gebe es bei weitem nicht ausreichend Dauerunterkünfte. Viele seien auf Notunterkünfte angewiesen, die laut Dauge zu eng und zu voll seien: »Wenn einer Läuse hat, haben die dann alle.« Auch Infektionskrankheiten verbreiten sich so schneller, was ohne Krankenversicherung problematisch ist. Zudem sei Angst vor Diebstahl und Vergewaltigungen omnipräsent, berichtete Dauge dieser Zeitung. »Als Frau ist es viel gefährlicher auf der Straße«, bestätigte Hahn.

Mit dem Träger Neue Chance zeigten sich beide sehr zufrieden: »Egal, welches Problem, sie helfen bei allem, und das sehr gut!« Dank der Unterstützung wird Dauge bald nach langer Zeit wieder eine Krankenversicherung haben. Und der drohende Abriss der Häuser in der Habersaathstraße wird das Duo nicht persönlich treffen: Hahn bezieht dank eigener Anstrengungen und externer Hilfe demnächst eine eigene Trägerwohnung, die er zur Zeit schon mit viel handwerklichem Geschick einrichtet.

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