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Aus: Literatur - Frankfurter Buchmesse, Beilage der jW vom 20.10.2021
Literatur

Sie ging nach Norden

Antje Rávik Strubel erzählt in ihrem Roman »Blaue Frau« von einer Tschechin, die nach einer Vergewaltigung in Deutschland nach Finnland flieht
Von Kerstin Cornils
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Schon auf der ersten Seite ihres neuen Romans »Blaue Frau« öffnet Antje Rávik Strubel den Blick auf die Ostsee. Eine dreispurige Straße und triste Plattenbauten prägen die Landschaft, Sendemasten und Lagerhallen. Anders als in Rávik Strubels Roman »Kältere Schichten der Luft« (2007) ist die Ostsee hier kein abgeschiedenes Ferienparadies mit Trottellummen und Steilküsten, sondern grau und verbaut. Das Meer erreicht nur, wer durch eine Unterführung geht. Erst allmählich schält sich heraus, dass die minutiös beschriebene Wohnung in den Außenbezirken von Helsinki liegt. Kein Meerblick, nur eine unermüdlich tickende Uhr und eine junge Frau, die Vornamen wie fremde Kleider ausprobiert: »Nina. Sala. Adina.« Nichts scheint für sie zu passen. Etwas Trost verschafft eine Flasche Schnaps. Ein Verbrechen liegt in der Luft.

Dass die junge Frau Opfer einer sexuellen Gewalttat geworden ist – dies ist im Nebel der Gefühle mit Händen zu greifen. Beständig werden Fakten und Erinnerungen sortiert, doch die Bruchstücke sind noch zu roh und zerbrechlich, um viel Sinn zu ergeben. Klar ist, dass die Frau vor Gericht eine Aussage machen möchte. Ihr estnischer Geliebter Leonides scheint hierbei nicht helfen zu können. Er gehört dem Europäischen Parlament an und hat wie sie feine Antennen für die hierarchische Kluft zwischen Ost und West. Sie beide passen nach Finnland, in dieses Land der klaren Linien von Iittala und Marimekko, das weder ganz Westen noch Osten ist. Sala, wie sie von Leonides zärtlich genannt wird, liebt die Leidenschaft, mit der er für ein Europa streitet, das neben Auschwitz auch den Gulag als ureigenes Problem anerkennt. Doch der politische Aktivist scheint nicht zu spüren, welches Drama sich im Inneren seiner Freundin abspielt: »Sie muss sich herunterfahren wie ein Tier im Winterschlaf. Die Kälte muss sie bis auf die Knochen erfassen. Sie muss langsamer werden, bis alles vereist (…).«

Bruchstücke ihrer Geschichte treiben indessen wie Eisschollen durch das Erzählte. Adina, die erst in den Augen von Leonides zu Sala geworden ist, beschreibt sich als »Kind der Samtenen Revolution« von 1989. Mit ihrer alleinerziehenden Mutter ist sie »im Niemandsland des Systemwechsels« in einem tschechischen Städtchen namens Harrachov aufgewachsen. Als sie es satt hat, als letzter Teenager im Schatten des Teufelsbergs Glühwein an deutsche Touristen zu verkaufen, wandert sie nach Berlin aus, in die »Hauptstadt Europas«. In Berlin freundet sie sich mit Rickie aus Lichtenberg und deren feministischen Freundinnen an, die in Prenzlauer Berg eine Eismanufaktur betreiben. Hier lernt sie, dass man in Berlin über Gentrifizierung diskutiert und auf welche Weise man sich fotografieren lässt, damit im eigenen Porträt plötzlich nicht mehr das altbekannte Ich, sondern ein anderer sichtbar wird. Rickie ist es als erster gelungen, den »letzten Mohikaner« zu fixieren, der seit Adinas Jugend in ihrer Brust lebt. Doch dauerhaft ist dieser Wiedergänger aus James Fenimore Coopers Lederstrumpf-Reihe nicht festzuhalten. Als Adina in die Uckermark reist, um dort mit Kulturfunktionären an einem Europäischen Projekt zu arbeiten, wird ihr androgynes Alter ego, das geschickt mit Messern umgehen kann, unmittelbar nach einer Vergewaltigung von einer Wand verschluckt – wie ein Irrlicht aus einem Text von Ingeborg Bachmann.

Als sich nach und nach weitere Stimmen in das Erzählte mischen, öffnet sich Adinas traumatisch beschränkte Sicht für andere Perspektiven wie eine weite finnische Landschaft. Die blaue Frau, die dem Buch ihren Namen gibt, taucht wiederholt am Strand von Helsinki auf, wo sie in ein Zwiegespräch mit einer Autorin tritt, die der 1974 in Potsdam geborenen Rávik Strubel frappierend ähnelt. Am Ende ist es der finnischen Abgeordneten Kristiina vorbehalten, Licht in die sich wie Nebelschwaden überlagernden Diskurse zu bringen. Kristiina ist der Not anderer bedingungslos zugewandt; sie ist stets dort, »wo die Erde brennt«, und doch so bodenständig, dass man mit ihr nach Herzenslust Pilze sammeln kann. Auf der Suche nach dem verschwundenen Mohikaner steht sie Adina als kluge Ratgeberin zur Seite.

Rávik Strubels Roman, der auf der Shortlist des diesjährigen Deutschen Buchpreises steht, ist ein filigran komponiertes Gewebe, das auf ernste, ja fast feierliche Weise den Versuch unternimmt, Brüche in der weiblichen Identität im komplizierten Einigungsprozess der EU zu spiegeln. »Als Frau will ich kein Land haben. Als Frau ist mein Land die ganze Welt«, postuliert Virginia Woolf, eine von Kristiinas Lieblings­autorinnen. Adina versucht als Grenzgängerin zwischen Ost und West, Woolfs utopisches Land jenseits nationalistischer Markierungen für sich zu reklamieren. Sie sucht einen Schutzraum, um die Teile ihres zerbrochenen Ichs wieder miteinander versöhnen zu können. Das Scharnier zwischen ihren Erfahrungen in Tschechien und Deutschland findet Adina in Finnland – einem Land, das nach »Dunkelheit« riecht, »nach Regen und nach feuchtem Bast«.

Antje Rávik Strubel: Blaue Frau. Verlag S.  ­Fischer, Frankfurt am Main 2021, 428 Seiten, 24 Euro

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