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Aus: Literatur - Frankfurter Buchmesse, Beilage der jW vom 20.10.2021
Lyrik

Den Mehrwert fährt ein Arschgesicht

In Lautschrift: Thomas Gsellas »Neue politische Gedichte«
Von Stefan Gärtner
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Der komische Dichter Thomas Gsella hat eine Überraschung erlebt. Zwar reimt er seit Jahrzehnten fleißig für Zeitungen, Magazine, den Funk; aber dass eins seiner Poeme wie die sprichwörtliche Bombe einschlägt, war neu. Das Gedicht, von dem der Autor im Nachwortinterview selbst sagt, es sei »zigtausendmal geteilt, kopiert, plakatiert, ins Englische und Niederländische übersetzt, von engagierten Gruppen verlesen« worden, heißt »Die Corona-Lehre« und geht so:

Quarantänehäuser sprießen,

Ärzte, Betten überall,

Forscher forschen, Gelder fließen –

Politik mit Überschall.

Also hat sie klargestellt:

Wenn sie will, dann kann die Welt.

*

Also will sie nicht beenden

Das Krepieren in den Kriegen,

Das Verrecken vor den Stränden

Und dass Kinder schreiend liegen

In den Zelten, zitternd, nass.

Also will sie. Alles das.

Dies vielleicht ein Spezifikum eines »politischen Gedichts«, dass von seiner Wirkung schwerer abzusehen ist, und es wird ein Grund für den schlechten Ruf der Untergattung sein, dass ihre Produkte als zweckgebunden verstanden werden: Sie sollen zigtausendmal geteilt, kopiert, plakatiert und von engagierten Gruppen verlesen werden können. Das wird Gedichten von Benn und Celan eher nicht passiert sein, aber denen von Fried und Martin Niemöller.

»Das politische Gedicht« heißt seit zwanzig Jahren eine Rubrik im Satiremagazin Titanic, dessen Chefredakteur Gsella mal war. Begründet hat sie Eckhard Henscheid, der darin zu Anfang die politlyrischen Stolpereien Karl Gerolds parodierte, vor Zeiten Chefredakteur der Frankfurter Rundschau. Kollegen folgten, zumal Gsella, und der Allotria war, unterm Schutz des parodistischen Auftrags, kein Ende:

Da gibt es das Kind, das

»Groß« macht.

Dann gibt es die USA, die

»Großmacht«.

Damit ist doch wohl

alles

gesagt über die

Vereinigten StAAten …

Doch weil die ironischen Pfade irgendwann ausgeschritten waren und es, vor allem, ja auch kaum mehr echte politische Gedichte gab, auf die sich Parodie hätte stützen können, stehen in der Rubrik heute mehr oder minder eigentliche Verse, die Politlyrik allenfalls durch Kunstfertigkeit ironisieren. So etwas wie »Aussage« ist nicht mehr pauschal verdächtig.

Anarchisch sind Thomas Gsellas »neue politische Gedichte« gleichfalls nicht mehr, und dass sie sämtlich ein leicht konsumables Vergnügen sind, setzt sie dem bekannten, von Walter Benjamin auf Erich Kästner gemünzten Vorwurf der linken Melancholie aus, die es sich in einer ungemütlichen Situation gemütlich eingerichtet habe: »Die Verwandlung des politischen Kampfes aus einem Zwang zur Entscheidung in einen Gegenstand des Vergnügens, aus einem Produktionsmittel in einen Konsumartikel – das ist der letzte Schlager dieser Literatur.« Sicher ist auch Gsellas Lyrik, gerade insoweit sie (s)ein Geschäft ist, Teil von Konformität, eine Wortmeldung, die als solche die Untat einschließt. Gsella weiß es:

Mittelmeer

Vor allem, dass man ein paar Euro spendet;

Daneben soll ein jeder, wie er kann.

Wann immer dort ein Menschenleben endet,

Geh’ ich auf meine Art dagegen an

Und schreibe laut: Das ist doch nicht zu fassen!

Und schreibe laut: Was dort geschieht, ist Mord!

Und schreibe laut: Ein Mord durch Sterbenlassen!

So lasse ich sie sterben, Wort für Wort.

Das sich aber salviert, indem es seinen Widerspruch zur Sprache bringt. Der ironische Witz des »Politischen Gedichts« lag ja nicht zuletzt in der Parodie von Immanenz, eines »Pro bono contra malum«, das, wie Benjamin schrieb, »der revolutionären Dialektik das klassenmäßig unbestimmte Gesicht des gesunden Menschenverstands« aufsetzte. Gsella nun ist Neue Frankfurter Schule, deren erstes Gesetz die Opposition gegen alle falsche Seriosität ist, und wo seine Lyrik eigentlich wird, handelt es sich um dialektisch weitergedrehte Uneigentlichkeit. Denn nicht nur bietet die formale Strenge ein trittfestes Gerüst für komische Effekte, sie ist auch das Reversbild jener Anarchie, durch die politische Lyrik überhaupt wieder denkbar ist. Da kann Gsellas Wahrheit ruhig ganz konkret werden, und klassenmäßig unbestimmt ist sie ja nun auch nicht:

Die U-Bahn

Im Morgengrauen ist sie voll

Von Müdigkeit und Alkohol.

Um Trübsinn wird gebeten.

*

Die Endstation heißt Arbeitsplatz,

Da kriegt man einen vor den Latz.

So ist das bei Proleten.

*

Den Mehrwert fährt ein Arschgesicht

Spazieren überm U: im Licht

Der hellen Tagessonne.

*

So macht die U-Bahn viele bleich

Und eine Handvoll viel zu reich.

Ab in die Restmülltonne.

Der Schluss klingt wie Verlegenheit, doch auch das weiß ja niemand mehr, dass der öffentliche Nahverkehr, so lieb ihn unser gesunder Menschenverstand mittlerweile hat, aus dem Bedürfnis entstand, Arbeitskraft verfügbar zu machen (auch darum fährt ja Geld nicht U-Bahn). Gsellas politische Gedichte sind unkonform, indem sie die Frage nach Haben und Nichthaben stellen, nach Sinn und Zweck der mörderischen Übung, die Kapitalismus heißt, und ihre gewohnte formale Brillanz ist nicht Dekor für die kleinbürgerliche Oberstube, sondern der gar nicht so ferne Glanz aus einer schöneren Welt: »So siegt erneut windleicht und butterweich / Der Sozialismus im Systemvergleich.« Und wer da jetzt kräht: Ironie!, der hat oben nicht aufgepasst.

Das Lastenrad

Der Fahrradweg ist ihm zu schmal,

Doch schützt es deine Umwelt:

Drei Meter lang, dick wie ein Wal,

Und wehe, wenn es umfällt.

*

So fährt’s vom Stilaltbau gechillt

Zum Kiez-In-Bioladen

Und kauft zwei Heidelbeeren (wild)

Plus einen grauen Fladen.

*

Die Lasten heißen Finn und Lee

Und tragen feinstes Linnen

In diesem Top-Zweit-SUV

Der grünen Wähler:innen.

Satire entstellt das, was ist, zur Kenntlichkeit; darin ist sie noch nicht notwendig Ideologiekritik, denn was jeder kennt und ablehnt, ist mit Ideologie ja seinerseits verschwistert. Kritisch wird’s, wo ein scharfgestellter Blick aus dem Bekannten das Unbekannte herauslöst: Hätte man, bei allem instinktiven Argwohn, die Verwandtschaft von Geländeauto und Lastenfahrrad gesehen? Gsellas politische Gedichte – die übrigens auch da ganz windleicht gendern, wo’s nicht vielleicht ironisch ist – haben es und liefern den schwer vergesslichen Merkvers gleich mit. Und den Zwang zur Entscheidung (»Nicht das Morgen schließt die Hölle, / Nein, wir müssen’s selber tun«) übrigens auch.

Thomas Gsella: Ich zahl’s euch reim. Neue politische Gedichte. Verlag Antje Kunstmann, München 2021, 234 Seiten, 18 Euro

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