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Aus: Ausbildung, Beilage der jW vom 28.07.2021
Berufsbildungsgesetz

Der Kampf der Arbeiterjugend

Von einem quasi »Erziehungsverhältnis« zu einem Vertrag mit Rechten: Lehre, Lehrlingsbewegung und das Ringen um den Begriff der Berufsausbildung
Von Sebastian Borkowski
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Gartenarbeit, Putzen, Bierholen und Prügel: Gegen miese Ausbildungsbedingungen kann man sich erfolgreich wehren (Lehrlingsdemonstration in Hamburg am 8. November 1968)

Wer sich heute bei einem Unternehmen bewirbt, um dort einen Beruf zu erlernen, bewirbt sich auf einen Ausbildungsplatz, bekommt eine Ausbildungsvergütung und wird durch Ausbilderinnen und Ausbilder betreut. Die Begriffe Lehre, Lehrling und Lehrgeld finden sich zwar nicht mehr in den Gesetzen, die die Berufsausbildung regeln, aus dem Sprachgebrauch sind sie jedoch noch längst nicht verschwunden – sie feiern mitunter eine Renaissance.

Man könnte meinen, die synonyme Verwendung dieser Begriffe sollte niemanden aus der Fassung bringen: Wenn mir jemand davon berichtet, »im 1. Lehrjahr zu sein«, befindet er sich doch schließlich unmissverständlich im ersten Jahr der Berufsausbildung – wenn ich hier nun auf den juristischen Wortlaut beharre, wird mir schnell Kleinkariertheit vorgeworfen. Doch dass die Verwendung der Begriffe rund um die Lehre in der Gewerkschaftsjugend auf Widerspruch stößt, ist in der bewegten Geschichte des Ausbildungsbegriffes und der Lehrlinge begründet, die in der westdeutschen Lehrlingsbewegung der späten 60er Jahre gegen Ausbeutung, Willkür, Gewalt und für eine Berufsausbildung, die ihren Namen verdient, gekämpft haben, und deren Erfolg eben nicht nur ein neuer Begriff, sondern eine grundsätzliche Reform der Berufsbildung war.

»Keine Herrenjahre«

Vor dieser Reform aus dem Herbst 1969 war die Lehre unter anderem in der Gewerbeordnung aus dem 19. Jahrhundert geregelt, welche kaum Hinweise auf die konkrete Ausgestaltung beinhaltete, sondern lediglich die rechtliche Gemengelage des Lehrverhältnisses zusammenfasste. Die Auffassung, dass die Lehre ein »Erziehungsverhältnis mit arbeitsrechtlichem Einschlag« sei, war weit verbreitet und schlug sich in der Praxis in einem von krasser Hierarchie geprägten Verhältnis zwischen Lehrmeister und Lehrling nieder. Nicht selten sollte durch Strafe, Gebrüll und körperliche Züchtigung – also Gewalt – zu deutschen Arbeitstugenden erzogen werden. Diese Erziehung ging vielerorts Hand in Hand mit der maximalen Ausbeutung der jungen Beschäftigten, welche nicht nur als billige Arbeitskräfte im Lehrberuf eingesetzt werden konnten, sondern auch zu allerlei ausbildungsfremden Tätigkeiten herangezogen wurden. So waren das Bierholen und Putzen wohl am weitesten verbreitet, aber auch Gartenarbeit, Hundespaziergänge und Autowaschen gehörten ins Repertoire der Lehrlinge aller Berufe.

Im Zuge der 68er-Bewegungen, welche allzugern fälschlicherweise als Studentenproteste zusammengefasst werden, organisierten sich auch die Lehrlinge und protestierten gegen die Zustände in ihren Werkstätten, Büros und Fabrikhallen. Neben der Ausbildungsqualität standen Fragen der Mitbestimmung und Repräsentation, das Streikrecht, Fahrpreise und viele weitere Jugendthemen, die uns heute noch beschäftigen, auf der Tagesordnung der bewegten Lehrlinge. Gegen die verbreitete Idee, dass Lehrjahre eben keine Herrenjahre seien, stellten sie Kriterien für eine gute Berufsausbildung auf und unterstrichen die langjährige Forderung der Gewerkschaftsjugend nach einem Berufsbildungsgesetz, welches fortan der Ausbeutung, Schikane und Gewalt ein Ende und an ihre Stelle eine gute fachliche und pädagogische Ausbildung setzen sollte.

Protest der Lehrlinge

Die »Arbeitgeber«, besonders im Handwerk, hingegen sahen keine Notwendigkeit für ein Gesetz. Sie betonten die Nachwuchsrekrutierung als ureigenes Anliegen der Wirtschaft und fürchteten die staatliche Zuständigkeit und Rechtsansprüche der Lehrlinge. Alarmistisch warnten sie vor Verstaatlichung und Gleichschaltung der Berufsbildung. Doch mit einer Vielzahl von Protestaktionen in der Öffentlichkeit, aber auch mit Aktionen innerhalb der Betriebe, erhöhten die Lehrlinge den Druck auf Politik und Unternehmer und gewannen immer mehr Rückhalt unter den Jugendlichen. Sie störten die Freisprechungsfeiern – die von den Kammern veranstalteten Abschlussfeiern am Ende der Lehre – und trugen ihre Forderungen auf die 1.-Mai-Demonstrationen und in die Gewerkschaftsgremien. In öffentlich inszenierten Prozessen des »Arbeiterjugendgerichtes« verurteilten Lehrlinge ihre Betriebe wegen Ausbeutung und Gesetzesverstößen und weigerten sich geschlossen, nach Feierabend die Maschinen und Werkstätten zu reinigen. Die Sorge vor sich radikalisierenden Protesten und französischen Verhältnissen, wo die Arbeiterjugend im Pariser Mai ’68 tagelang die Revolution probte, brachte Bewegung in die Auseinandersetzung um die Berufsbildung. Der DGB-Bundesvorstand unterstrich die Drohkulisse und sprach von einem »schlechten Zeichen für die Demokratie, wenn es erst Krawalle braucht«. Die große Koalition in Bonn setzte sich in Bewegung und brachte eilig ein Berufsbildungsgesetz auf den Weg.

Ausbildung statt Lehre

Das verabschiedete Berufsbildungsgesetz blieb zwar hinter den Forderungen der Lehrlinge zurück, doch es regelte erstmals die inhaltliche Ausgestaltung der Berufsausbildung und schrieb einen Bildungsauftrag der Betriebe fest, der über das bloße Vermitteln von Fähigkeiten zur Berufsausübung hinausging. Das Verhältnis zwischen Ausbildungsbetrieb und Auszubildenden war nun endlich ein Vertragsverhältnis mit gegenseitigen Verpflichtungen und Rechten, auf die sich Auszubildende berufen konnten. Mussten Lehrlinge früher mitunter Lehrgeld für eine Berufsausbildung zahlen, galt nun das Recht auf eine Ausbildungsvergütung. Statt der Lehre zur Erfüllung eines Arbeitsschrittes stand nun die Ausbildung für ein Arbeitsleben in einer sich immer schneller wandelnden Arbeitswelt im Fokus. Damit verbunden hielt der Begriff der »Ausbildung« erstmals Einzug und ersetzte die »Lehre« – zumindest in den Gesetzestexten.

Berufsausbildung ist gestaltbar

Doch es ist nicht nur der altbackene Begriff, der heute eine Renaissance erlebt. Zustände, gegen welche die Lehrlinge in den 60er Jahren gekämpft haben, sind nie ganz verschwunden und tauchen immer wieder auf. Große Betriebe mit starker Mitbestimmung und gewerkschaftlicher Organisierung sind in der Regel Garant für eine gute Ausbildung mit fachlicher Betreuung und guter Ausstattung. Dort, wo sich diese aus Kostengründen aus der Ausbildung zurückziehen, überlassen sie immer häufiger Betrieben das Feld, die das Rad der Zeit zurückdrehen möchten, für die ein Azubi eben doch nur eine billige Arbeitskraft ist und in deren Vorstellung Rasenmähen auch umfangreicher Teil einer kaufmännischen Ausbildung sein kann, während gleichzeitig ein Fachkräftemangel herbeigeredet und jungen Menschen per se die Ausbildungsreife abgesprochen wird.

Wenn ich also heute auf die Verwendung des Begriffes »Ausbildung« beharre, dann ist dies mehr als nur eine Spitzfindigkeit. Vielmehr geht es darum die Anerkennung für den Kampf der Gewerkschaftsjugend- und Lehrlingsbewegung, ihre Erfolge und den damit verbundenen Paradigmenwechsel in der Berufsausbildung zu betonen. Ich bestehe also nicht einfach auf ein Wort, sondern darauf, über die Ausbildungsbedingungen ins Gespräch zu kommen und an die Geschichte der dualen Berufsausbildung zu erinnern und die erkämpften Rahmenbedingungen gegen Angriffe zu verteidigen. Dass die Berufsausbildung gestaltbar ist, bewiesen die Lehrlinge damals und beweisen sie heute. Zuletzt konnten sie die Einführung einer Mindestausbildungsvergütung durchsetzen. Ganz aktuell kämpfen die Gewerkschaftsjugenden mit Protesten und Warnstreiks für die Aufnahme der dual Studierenden in Tarifverträge und das Berufsbildungsgesetz und stellen klar: Die Idee der Lehrlingsbewegung ist längst nicht Geschichte – sie heißt heute nur anders!

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