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Aus: Unser Amerika, Beilage der jW vom 21.07.2021
Protestbewegung in Kolumbien

Kein Frieden

Seit fast drei Monaten protestieren in Kolumbien Tausende gegen die Regierung. Dabei entstanden auch neue Formen der Organisierung
Von Mio Calle, Cali
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»Hier ist immer Ausnahmezustand«: Angesichts extremer Ungleichheit und brutaler Repression gehen die Proteste in Kolumbien weiter

Als am 28. April hinter den Bergen der Zentralkordillere die Sonne aufgeht, steht ein Mann im südwestkolumbianischen Cali auf einem meterhohen Sockel, vor ihm auf dem Boden liegt eine Statue. Das Denkmal von Sebastián de Belalcázar wurde gestürzt. Ein Stich ins Herz der weißen Oberschicht, die den spanischen Konquistadoren bis heute als Stadtgründer verehrt. Sebastián Moyano, alias Sebastián de Belalcázar, hatte in Spanien seinen Bruder erwürgt und seinen Namen geändert, um vor der Justiz der spanischen Krone zu fliehen. Er wird beschuldigt, in Südamerika indigene Mädchen gejagt, vergewaltigt und mit ihnen Handel getrieben zu haben. Nachweislich war er am Massenmord an lateinamerikanischen Indigenen beteiligt.

Der symbolische Sturz steht am Anfang der sozialen Revolte, die in Kolumbien bis heute anhält. Eine spontan entstandene Protestbewegung mit einer großen Bandbreite an Forderungen, getragen von unterschiedlichen Akteuren, ohne eindeutig definierbare Strategie. Während der ersten Wochen der Proteste blockierten Jugendliche, Aktivisten und Indigene täglich neue Straßen, immer wieder wuchsen kleinere Kundgebungen zu Massendemonstrationen an. Diese Organisierungsprozesse im Moment der unmittelbaren sozialen Revolte sind bis heute, nahezu drei Monate nach ihrem Ausbruch, nicht abgeschlossen.

Am 28. Mai kündigte Kolumbiens rechter Präsident Iván Duque die »vollständige Militarisierung und den Einsatz aller Mittel« zur Niederschlagung der Protestbewegung an. Diese hatte sich auf das ganze Land ausgeweitet, gekämpft wurde nunmehr auch gegen die brutale Ungleichheit in Kolumbien, gegen Korruption, staatliche Gewalt und Perspektivlosigkeit. Die Räumung der Straßenblockaden wurde für die Regierung zur obersten Priorität, seither rollen noch mehr Panzer durch die Städte, Militärpolizisten mit Maschinengewehren patrouillieren durch die Straßen, Bewaffnete in Zivil feuern Schüsse auf Protestierende ab. Mittlerweile sind bei den Protesten allein in Cali und Umgebung mehr als 60 Menschen gestorben, rund 200 gelten als »verschwunden«.

Hauptstadt des Protests

»So was hat Kolumbien noch nie erlebt«, resümierte eine Demonstrantin nach fast zwei Monaten permanenten Ausharrens an einem Blockadepunkt in Cali. In dem Land herrscht seit mehr als 60 Jahren ein Bürgerkrieg niederer Intensität, Hunderte Menschen werden jedes Jahr ermordet, Aktivisten, Journalisten und Oppositionelle leben gefährlich. Nun hat sich der Ort der tödlichen Repression verschoben: Der Krieg gegen die Guerillas, gegen Bauernorganisationen und Indigene wurde jahrelang hauptsächlich auf dem Land geführt. Jetzt ist er in den großen Städten angekommen – auch weil die extreme Ungleichheit dort zunimmt. Über 80 Prozent der Armen leben laut Statistikamt in den fünf größten Städten des Landes.

In Cali lebt fast die Hälfte der Einwohnerinnen und Einwohner unterhalb der Armutsgrenze. Wenige der Jugendlichen, die die Straßenblockaden aufrechterhalten, haben einen Schulabschluss oder einen festen Job. Laut Statistik schlagen sich rund 60 Prozent der Jugendlichen in Cali mit informellen Tätigkeiten durch. Sie, die nichts zu verlieren haben und sich schon lange vom Staat im Stich gelassen fühlen, sind bei den Protesten stark vertreten.

Krise der Repräsentation

Das »Nationale Streikkomitee«, das die ersten Demonstrationen am 28. April organisierte, besteht vor allem aus Mitgliedern traditioneller Gewerkschaften. Nach mehreren Wochen der Gespräche mit der Regierung verließen die Vertreter des Streikkomitees Anfang Juni den Verhandlungstisch – ohne Ergebnisse erzielt zu haben. Gleichzeitig trafen die Verantwortlichen die Entscheidung, die Proteste ruhenzulassen und sich darauf zu konzentrieren, die Forderungen über die Parlamente durchzusetzen. Den Weg lehnen die im Rahmen der Protestbewegung spontan entstandenen, vor allem von prekarisierten Jugendlichen getragenen Kollektive ab. Viele von ihnen organisieren sich in der »Ersten Linie« (Primera Línea), dem militanten Arm des Protests. In Kleingruppen verteidigten sie die Straßenblockaden gegen Angriffe von Polizei und Militär. Nur eine kleine Minderheit von ihnen war zuvor oder ist im klassischen Sinne politisch organisiert.

Eine Rückkehr zur »Normalität« lehnen viele dieser Aktivisten ab. Denn für zahllose Menschen haben sich gerade durch die Teilnahme an den Protesten ganz neue Möglichkeiten eröffnet. »Normalität gibt es in unseren Vierteln nie. Hier ist immer Ausnahmezustand«, kommentierte ein Demonstrant in Cali. Die Gruppen an den Blockadepunkten sind bestens organisiert. Täglich werden dort Hunderte Essen ausgegeben und Kranke und Verletzte medizinisch behandelt, es finden Konzerte statt, selbst die Haare werden gratis geschnitten. Zudem gibt der Protest vielen der Jugendlichen eine Struktur in ihrem Leben. »Ich stehe das erste Mal morgens früh auf und weiß, was ich zu tun habe«, sagte Jorge: »Hier bin ich sicherer als zu Hause.«

Nach zwei Monaten wurden einige Barrikaden gewaltsam geräumt, an anderen entschieden die Aktivisten freiwillig, den Verkehr wieder passieren zu lassen und sich auf eine Arbeit im eigenen Viertel zu fokussieren. Die Strategie »Barrio Adentro« beinhaltet einerseits Initiativen wie das Organisieren von Volksküchen oder Spendensammlungen für Beerdigungen der Opfer von Polizeigewalt. Andererseits wird über das weitere Vorgehen und über mögliche Ziele diskutiert.

Mittlerweile haben sich die »Ersten Linien« aus Cali in der »Unidad de Resistencias« zusammengeschlossen. Am 10. und 11. Juli erfolgte dann der nächste Schritt auf dem Weg zur Konsolidierung eigener Strukturen: Vertreter der »Unidad de Resistencias« diskutierten über einen gemeinsamen Forderungskatalog an die Regierung. Diese Treffen wurden landesweit abgehalten, die dabei formulierten Forderungen sollen nun zusammengeführt werden. Und tatsächlich rumort es seit Tagen wieder: Zu einer Volksversammlung zwischen dem 17. und 20. Juli in Cali wurden rund 4.000 Aktivisten erwartet. Zudem sollte der kolumbianische Nationalfeiertag am 20. Juli für erneute Proteste genutzt werden. Denn auch drei Monate nach deren Beginn sind sich viele der Demonstrierenden einig: »Mit diesem Regime wird es keinen Frieden geben.«

Milo Calle lebt in Cali und unterstützt soziale Organisationen und ­politische Prozesse

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