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Aus: Unser Amerika, Beilage der jW vom 21.07.2021
Pandemie und Krise

Noch lange nicht vorbei

Infolge der Coronapandemie rutschen in Lateinamerika Millionen in Armut. Grund ist auch Impfstoffpolitik des Westens
Von Frederic Schnatterer
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Das Ende der Pandemie liegt für die meisten Länder des globalen Südens in weiter Ferne

Die Volkswirtschaften der westlichen Industrienationen erholen sich langsam, die Chinas verzeichnet bereits seit Monaten wieder hohe Wachstumszahlen. Was im Westen dank des auf Kosten der Länder des globalen Südens gehenden, massenhaften Kaufs von Coronaimpfstoffdosen möglich wurde, erreichte die Volksrepublik durch eine konsequente Unterbrechung der Infektionsketten im eigenen Land. Eine frühe Kontrolle des Coronavirus ermöglichte in der Folge ein frühes Hochfahren der Produktion.

In anderen Weltregionen stellt sich die Pandemiesituation anders dar, so in Lateinamerika. Das zeigt nicht nur der Blick auf die Zahl der offiziell an und mit dem Virus gestorbenen Menschen. Auch die Wirtschaftszahlen sind erschreckend. Das Bruttoinlandsprodukt Lateinamerikas und der Karibik schrumpfte im vergangenen Jahr um 7,4 Prozent. Laut Zahlen der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika (CEPAL) gingen in der Region fast drei Millionen Unternehmen pleite. Die Folgen für die Bevölkerung sind verheerend. Laut Internationaler Arbeitsorganisation (ILO) verloren allein während des zweiten Viertels des vergangenen Jahres 47 Millionen Menschen ihren Job, bei einer Gesamtbevölkerung von 640 Millionen. Hinzu kommt: Ein bedeutender Teil der Arbeitenden hat keine geordneten Angestelltenverhältnisse, sondern hält sich mit sogenannter informeller Arbeit über Wasser. Gerade dieser Sektor wurde durch Lockdownmaßnahmen in mehreren Ländern hart getroffen.

Starker Anstieg der Armut

In der Folge wuchs in der Region die Zahl derjenigen, die in Armut leben, deutlich an, im Jahr 2020 allein um 22 Millionen Menschen. Schätzungen gehen davon aus, dass sie auf 45 Millionen anwachsen wird, womit das Niveau von vor zehn Jahren erreicht wäre. Auch für dieses Jahr sehen die Experten keine umfassende Erholung der lateinamerikanischen Volkswirtschaften, was sie einerseits auf die ohnehin schwachen Prognosen bereits vor Ausbruch der Pandemie zurückführen. Hinzu kommt: Die Pandemie ist – auch und gerade in Lateinamerika – noch lange nicht vorbei.

Ende Juni schlug die Weltgesundheitsorganisation (WHO) angesichts der dramatischen Situation in Lateinamerika zum wiederholten Male Alarm. »Während wir in den Ländern der nördlichen Hemisphäre eine gewisse Entspannung erleben«, verbleibe das Ende der Coronapandemie für die meisten Länder der südlichen Erdhalbkugel »in weiter Ferne«, erklärte Carissa Etienne, Vorsitzende der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation, während einer Pressekonferenz. Hierbei spielen auch neu aufgekommene und ansteckendere Virusmutationen eine Rolle. Nicht zuletzt hänge die dramatische Entwicklung in Lateinamerika und der Karibik jedoch damit zusammen, dass dort nur eine von zehn Personen vollständig gegen das Coronavirus immunisiert sei – eine »inakzeptable Situation«, so Etienne. Laut dem Statistikprojekt »Our World in Data« der Universität Oxford wurden bis zum 11. Juli 25,4 Prozent der Weltbevölkerung mit mindestens einer Dosis gegen das Coronavirus geimpft. In armen Ländern hingegen lag der Anteil bei gerade einmal einem Prozent.

Diese Länder mit niedrigem Einkommensniveau sollen mit Hilfe der »Covax«-Initiative mit Vakzinen versorgt werden. Das bereits im April 2020 unter Leitung der WHO gegründete Programm bestellt Impfstoffdosen bei den jeweiligen Herstellern und verteilt diese dann an Länder, die Teil von »Covax« sind. Erklärtes Ziel ist es, bis Ende dieses Jahres mindestens zwei Milliarden Dosen bereitgestellt zu haben, von denen 1,8 Milliarden an die ärmsten Länder geliefert werden sollen. Anfang April erklärte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus, bis Ende März seien statt der 100 Millionen geplanten Impfstoffdosen nur 38 Millionen verteilt worden. Mittlerweile liegen mehr Lieferzusagen der Vakzinhersteller vor. So wollen allein die chinesischen Unternehmen Sinopharm und Sinovac dem Programm bis Mitte 2022 insgesamt bis zu 550 Millionen Dosen zur Verfügung stellen.

Auf Kosten der Gesundheit

Das chinesische Engagement führt bei manch westlichem Beobachter zu Schnappatmung. Unter der Überschrift »Geopolitik mit Impfstoffen« erkannte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) Ende Juni einen »Expansionswillen« der Unternehmen aus der Volksrepublik, die »die Welt mit Coronaimpfstoff beliefert« hätten, »als der Westen mit sich selbst beschäftigt war«. »Spätestens seit Chinas Staatschef Xi Jinping vor einem Jahr angekündigt hat, dass sein Land chinesische Impfstoffe zu öffentlichen Gütern machen und mit Entwicklungs- und Schwellenländern teilen werde, hat Impfpolitik eine geopolitische Dimension«, so der Wirtschaftskorrespondent der FAZ aus Washington. Das gelte insbesondere für die Länder Lateinamerikas. In Brasilien und Chile kommen ganze 80 bis 90 Prozent der verabreichten Vakzine aus der Volksrepublik. So beanspruche China »höchst erfolgreich die Rolle des wohltätigen Gönners«.

Diesen Titel können die Vereinigten Staaten sich hingegen abschminken. Selbst die FAZ musste in besagtem Beitrag eingestehen, dass Washington bislang auf eine äußert egoistische »America First«-Politik setzte und bis Ende Mai – bis auf wenige Ausnahmen – praktisch überhaupt keinen Impfstoff exportierte. Hinzu kommt: Für die USA gelten Werte wie Menschlichkeit oder Solidarität nur dann, wenn sie nicht den geopolitischen Interessen Washingtons im Wege stehen. Am 10. Juni informierte Venezuelas Vizepräsidentin Delcy Rodríguez, dass die Schweizer Großbank UBS eine Überweisung aus Caracas über zehn Millionen US-Dollar zurückhalte. Das Geld war Teil einer Zahlung, mit der die venezolanische Regierung sich mehr als elf Millionen Dosen Coronaimpfstoff aus dem »Covax«-Programm sichern wollte. Der Grund für die Blockade lag in den Sanktionen, die USA und EU gegen das südamerikanische Land verhängt haben. Wie das Portal venezuelanalysis.com nun meldete, konnte das Geld nach erheblichem internationalen Druck am 11. Juli an das »Covax«-Programm überwiesen werden – ein Etappensieg.

Frederic Schnatterer ist Redakteur im Ressort Außenpolitik der Tageszeitung junge Welt

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