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Aus: Marxismus: Friedrich Engels, Beilage der jW vom 25.11.2020
200. Geburtstag Friedrich Engels

Der Compagnon

Friedrich Engels: Vom Autor der »genialen Skizze« zum Impresario des »Kapitals«
Von Georg Fülberth
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La Grand-Combe, Departement Gard, Frankreich, 1882: Koksöfen der Gesellschaft für mineralische Industrie (SIM)

Bekannt ist, dass Marx im Vorwort seiner Schrift »Zur Kritik der Politischen Ökonomie« einer »genialen Skizze« seines Freundes Friedrich Engels Reverenz erweist (Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW), Band 13, Seite 10). Gemeint ist dessen Arbeit »Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie« von 1844 (MEW Band 1, Seiten 499–524). Anlässlich des 200. Geburtstags von Engels wurde sie zuweilen neu gelesen und gewertet.

Der Neoricardianer Heinz D. Kurz, emeritierter Hochschullehrer für Volkswirtschaftslehre, benotet die Schrift und ihren Verfasser so: »Ein Vergleich des Essays mit Seminararbeiten von Studierenden gleichen Alters zeigt, mit welch großem Talent man es bei ihm zu tun hat. Engels irrt nicht immer, aber wenn er es tut, meist auf hohem Niveau. Nicht ohne Grund haben sich bedeutende Kommentatoren lobend bis bewundernd über seine Schrift geäußert.«1 Kurz hält Engels vor, dass er Adam Smith und David Ricardo missverstanden habe, nicht die gesamte Breite der ökonomischen Literatur seiner Zeit kannte und die Lernfähigkeit der von ihm kritisierten Zunft nicht wahrgenommen habe.

Joachim Bischoff versieht Marx’ Diktum von der genialen Skizze mit einem Fragezeichen.2 Keineswegs enthalte diese Arbeit alle Grundlinien in der Gesamtheit der voll entfalteten Kritik der Politischen Ökonomie, um die Marx und Engels sich in den folgenden Jahren bemühten und deren Fortentwicklung auch heute noch nicht abgeschlossen sei.

Engels hätte solchen Relativierungen wohl gelassen zugestimmt. Der Begriff »Umrisse« im Titel seiner Schrift zeigt ja, dass sie einen Anfang markieren wollte. Auch Marx’ Lob weist darauf hin, nicht nur durch das Wort »Skizze«. Wenn er diese »genial« nannte, dann gewiss nicht im Sinn des Geniekults des deutschen Sturm und Drang im 18. oder des Imperialismus im endenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Statt dessen mischt sie sich mit einer anderen Wortbedeutung: »genialisch«.

Von solcher Neigung zur schwungvollen Formulierung findet sich – ebenso wie beim jungen Marx – in der ersten Arbeit von Engels zur Kritik der politischen Ökonomie tatsächlich eine ganze Menge. Sie gehört eben zu seinen Frühschriften, wie die Aufsätze, die er während seiner Zeit in Bremen (1838–1841) schrieb und in denen er sich erfrischend respektlos und treffend über pietistische Theologie und die neueste Literatur äußerte, oder in seiner Abfertigung Schellings, geschrieben während seiner Dienstzeit als Einjährig-Freiwilliger und als Gasthörer der Berliner Universität, sowie in seinen Gedichten und dem Dramenfragment »Cola di Rienzi«.

Von Owen zu Marx

Die teilweise moralische Wortwahl – »Bereicherungswissenschaft«, »Unsittlichkeit« der Märkte und »Heuchelei der Oekonomen« – erinnert an die Empörung, mit der er früher die Scheinheiligkeit der pietistischen Fabrikanten im Wuppertal gegeißelt hatte. Noch stärker als dort beeindruckte ihn das Elend des Proletariats in Manchester. Um dessen Ursachen auf die Spur zu kommen, studierte er die Klassiker der bürgerlichen Nationalökonomie und wandte auf sie an, was er mit seiner Hegel-Lektüre gelernt hatte: die Dialektik, zum Beispiel bei der Behandlung des Verhältnisses von Konkurrenz und Monopol. Seine Vorstellung von Revolution ist in den »Umrissen« noch relativ unpolitisch: Diese erscheint wie eine Art kaum noch aufhaltbarer Gewalt, die sich aus den von Konkurrenz und Krisen erzeugten gesellschaftlichen Katastrophen ergibt. Seine Vorstellungen von einer künftigen Gesellschaft dürften damals noch am meisten vom utopischen Kommunismus Robert Owens beeinflusst gewesen sein.

Das Jahr 1844 brachte die Wende. In den Deutsch-Französischen Jahrbüchern stieß Engels auf einen Aufsatz von Karl Marx: »Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung«, der seinen bisher noch disparaten Vorstellungen nun eine geschichtsphilosophische Richtung gab – eine Abfolge von Revolutionen bis hin zur letzten, der proletarischen. In derselben Zeitschrift erschienen Engels’ »Grundrisse einer Kritik der Nationalökonomie«, die Marx’ Interesse auf dieses Gebiet lenkten.

Die beiden waren sich 1842 einmal kurz und kühl begegnet. Nun genügten circa elf Tage im August und September 1844, um sich auf den Plan eines großen gemeinsamen Projekts zu einigen: Überwindung nicht nur des Idealismus, sondern auch des bürgerlichen Materialismus. Innerhalb einer Arbeitsteilung zwischen den beiden sollte Marx die Kritik der Politischen Ökonomie übernehmen. Letzteres überrascht, denn nicht dieser, sondern Engels hatte sich bisher doch schon auf diesem Gebiet durch eine Erstlingsschrift ausgewiesen.

Ideengeber und Antreiber

Wie das? Friedrich Engels, der ungern Kaufmann, aber doch eine unternehmerische Natur war³, hatte eine Ressource entdeckt: das Gehirn von Karl Marx, das in ganz anderer, nämlich philosophisch genialer, Weise die Ökonomie zu durchdringen vermochte als er. Man mag diese seine Haltung selbstlos nennen, und tatsächlich zeigte seine Bescheidenheit im Lauf der nächsten Jahrzehnte Ausmaße, die im 21. Jahrhundert, dem Zeitalter allgemein verbreiteter Selbstdarstellungen, nahezu unfassbar ist. Vielleicht hat ihn in diesem Punkt, so atheistisch er war, doch noch die protestantische Ethik des Wuppertals geprägt. Aber diese Bescheidenheit war nie masochistisch, sondern entsprach der Einsicht, dass Ressourcen optimal genutzt werden mussten. Ökonomie war Chefsache, und der Chef konnte nach Lage der Begabungen nur Marx sein.

Wenn Engels nun darauf verzichtete, das historisch-materialistische Grundlagenwerk zur Kritik der politischen Ökonomie selber zu schreiben, zu dem er die erste Anregung gegeben hatte, dann verband er sich gleichzeitig mit diesem Projekt in einer anderen, besonders intensiven Weise: als sein Impresario. Das italienische Wort könnte man mit einem deutschen übersetzen: Unternehmer. Aber es bedeutet zugleich noch etwas anderes: Ideengeber, Antreiber, Manager und Propagandist.

Bevor etwas propagiert wurde, musste angetrieben werden. Engels begann damit sofort 1844. Fürs folgende Jahr war seine »Lage der arbeitenden Klasse in England« geplant, und dieses Vorhaben wurde ja auch fristgerecht realisiert. Das Gleiche erwartete er von Marx. Im Oktober 1844, nach dem Ende der Pariser Gespräche von August/September, schrieb Engels ihm: »Nun sorge dafür, dass die Materialien, die Du gesammelt hast, bald in die Welt hinausgeschleudert werden. (…) Also tüchtig gearbeitet und rasch gedruckt!« (MEW Band 27, Seite 8) Am 20. Januar 1845 trieb er Marx erneut an: »Mach, daß Du mit Deinem nationalökonomischen Buch fertig wirst.« (MEW Band 27, Seite 16) Im Februar/März 1845 fragte er: »Wie weit bist Du mit Deinem Buch?« (MEW Band 8, Seite 23) Die »Materialien«, die er erwähnte, waren die »Philosophisch-ökonomischen Manuskripte«. Das »Buch« aber, das er möglichst sofort von Marx haben wollte, war nichts anderes als das, was viel später »Das Kapital« werden sollte. So ging das über die Jahre fort. Dass Marx 1859 mit dem Text »Zur Kritik der Politischen Ökonomie« rüberkam, war nur eine Anzahlung. Am 10. Februar 1866 riss Engels der Geduldsfaden. Er wies Marx darauf hin, dass große Entscheidungen bevorstanden, in Preußen vielleicht ein neuer Verfassungskonflikt. Irgendein Anlass könne »die Sache zum Klappen bringen«. Ähnlich in anderen Ländern: »In Frankreich kann auch jeden Tag was kommen, in Östreich muß der Versöhnungsversuch mit Ungarn nur zu schärferer Spaltung führen.« Engels erwartete also eine Destabilisierung, von der eine neue revolutionäre Entwicklung ausgehen konnte, in der die Arbeiterbewegung handeln musste und Marx keine Zeit mehr haben werde, sein Werk abzuschließen. Er mahnte: »Was kann es da helfen, daß vielleicht ein paar Kapitel am Ende Deines Buchs fertig sind und nicht einmal ein erster Band zum Druck kommen kann, wenn wir überrascht werden von den Ereignissen.« (Engels an Karl Marx. 10. Februar 1866. MEW Band 31, Seiten 176/177) Auf Engels’ Initiative hin erfolgte 1867 die Publikation des ersten Bandes des »Kapital«, fast wie eine Notmaßnahme, bei der in diesen Elemente aufgenommen wurden, die zunächst für die späteren Bände vorgesehen waren. Das war immerhin geschafft. Engels kümmerte sich sogleich ums Marketing: Die ersten Rezensionen schrieb er anonym selber.

Mitproduzent

In seinem Verhältnis zum gemeinsamen Projekt verhielt er sich wie ein klassischer Unternehmer in der Zeit der industriellen Revolution. Marx hat das selbst so aufgefasst: 1865 schrieb er an Engels nach Manchester, »daß wir zwei ein Compagniegeschäft betreiben, wo ich meine Zeit für den theoretischen und Parteiteil des business gebe«. (Marx an Engels. 31. Juli 1865. MEW Band 31, Seite 131) Das war tatsächlich die typische Form der geschäftlichen Partnerschaft in jener Periode: Ein Erfinder ohne Kapital – zum Beispiel James Watt – benötigte und fand einen Geldgeber (bei Watt waren es die Investoren John Roebuck und danach Matthew Boulton), der somit Miteigentümer wurde, und so entstand in der Dampfmaschinenindustrie das Unternehmen Boulton & Watt und in der Politik die Firma Marx & Engels.

Investoren sind damals oft nicht nur Geldgeber gewesen, sondern selbst Techniker. Aufgrund ihres Know-how waren sie imstande, ihre Investitionsentscheidungen zu treffen. Soweit sie Produktionsprozesse organisierten und vorantrieben, waren sie das, was Marx später im »Kapital« als »fungierende Kapitalisten« bezeichnete. Insofern beschränkte sich Engels in der Firma Marx & Engels nicht aufs Investieren, sondern er produzierte mit. An dieser Stelle endet allerdings die Analogie: Engels bezog keinen Mehrwert aus der »Compagnie«. Marx und Engels beuteten niemanden aus, rein finanziell war es ein reines Verlustgeschäft.

Vielleicht aber nur kurzfristig. Investitionsobjekt ist nicht allein das »Das Kapital« gewesen. Es war nur das Mittel. Der Zweck war die Revolution. Hier waren langfristige Anlagen unvermeidlich, auch die jahrzehntelange finanzielle Unterstützung von Marx durch Engels. So erklärte sich die Hartnäckigkeit, mit der letzterer sich in Manchester gegenüber den Associés seines Vaters und später in einer Erbschaftsauseinandersetzung mit seinen Brüdern dagegen wehrte, aus den Unternehmen, an denen seine Familie beteiligt war, gedrängt zu werden. Als er sich 1869 auszahlen ließ, konnte er seine Zuwendungen an Marx verstetigen. Die Firma Ermen & Engels in Manchester war die ökonomische Basis des »Kapitals«.

1883, als Marx starb, war es allerdings mit dem Compagniegeschäft vorbei. »Das Kapital« war in seinem Großteil unveröffentlicht geblieben, und Engels hatte nun die Aufgabe, wenigstens einen Teil davon so herauszugeben, dass die Arbeiterbewegung und die wissenschaftliche Öffentlichkeit etwas damit anfangen konnten. 1885 veröffentlichte er den zweiten, 1894 den dritten Band. Und das war immer noch nicht alles. Als er absah, dass seine Lebenszeit nicht ausreichen werde, auch die »Theorien über den Mehrwert« zu edieren, weihte er Eduard Bernstein und Karl Kautsky in die Klaue von Marx ein, so dass später einer von ihnen – es war dann Kautsky – das erledigen konnte.

Engels’ Lebensleistung

Was Marx für den dritten Band des »Kapitals« hinterlassen hatte, war in einem solch lückenhaften Zustand, dass Engels selbst Zusammenhänge herstellen und Lücken füllen musste. Das tat er nicht gern, denn er fürchtete, Fehler zu machen. Er war nicht nur genötigt, die von Marx unterlassene Zusammenstellung disparater Manuskripte vorzunehmen und umfangreiche Ergänzungen anzubringen, sondern er steuerte auch Aktualisierungen aufgrund neuerer Entwicklungen sowie aus der Literatur geschöpfte geschichtliche Einfügungen bei. Dazu gehörten eine neue Phase der Schutzzollpolitik, die Entstehung von Kartellen, Trusts und Monopolen (MEW Band 25, Seiten 130, 453/454), die britische Bankengesetzgebung (ebenda: Seiten 569–571, 572) sowie Ausführungen über die Börse (ebenda: Seiten 917–919), letzteres als Teil eines Beitrags »Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des ›Kapital‹« (ebenda: Seiten 895–919). Hinzu kamen terminologische Präzisierungen, Korrekturen von Sachangaben und Rechenfehlern bis hin zu einer Bemerkung: »Dies stimmt nicht mit meiner Erfahrung. – F. E.« (ebenda: Seite 534) Sie alle verändern nicht das argumentative Gerüst der Marxschen Darlegungen, sondern erweitern diese durch Einzelheiten, zeigen aber, dass Engels, ebenso wie Marx, das »Kapital« schon deshalb nicht als abgeschlossen ansehen konnte, weil dessen Gegenstand selbst im Wandel begriffen und Tatsachenmaterial zu seiner Erforschung im Wachsen begriffen war. Kartellierung von Produktion und Betrieb sowie die erhöhte Bedeutung des Finanzmarktes stellten die letzte von ihm selbst noch wahrgenommene Stufe dar.4 Der von Vertreter(inne)n der »Neuen ›Kapital‹-Lektüre« erhobene Vorwurf, Engels habe als Editor Marx‹ ökonomisches Werk nach seinem Gusto zurechtgebogen, ist bis heute eine blanke Behauptung geblieben.5

Verehrerinnen und Verehrer von Friedrich Engels haben aus Anlass seines 200. Geburtstages wieder einmal darauf hingewiesen, dass er selbständige Leistungen neben Marx erbracht habe. Erwähnt werden dabei seine Schrift »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats« (1884) mit ihrer Zivilisations- und Patriarchatskritik und seine Ausführungen zur kapitalistischen Ruinierung der Biosphäre. Aber all das hätte auch von anderen geleistet werden können. In der Patriarchatskritik sind ihm 1869 John Stuart Mill, Harriet Taylor Mill und Helen Taylor mit der Schrift »Die Hörigkeit der Frau« vorangegangen. Er selbst legte Wert auf die Feststellung, dass sein »Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats« auf Vorarbeiten von Marx beruhte. Ähnliches gilt für seine Ausführungen zum Biosphärenproblem. Knapp hat Marx sich dazu bereits im »Kapital« geäußert: »Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.« (MEW Band 23, Seiten 529/530)

Engels’ Teilhabe an solchen Erkenntnissen ist im Verhältnis zum Wichtigsten, das er getan hat, marginal. Seine Lebensleistung ist »Das Kapital« von Karl Marx, erbracht im Compagniegeschäft. Kein anderer hätte das gekonnt. Er war ein glücklicher Mensch.

1 Heinz D. Kurz: Der junge Engels über die »Bereicherungswissenschaft«, die »Unsittlickeit« von Privateigentum und Konkurrenz und die »Heuchelei der Oekonomen«. In: Rainer Lucas, Reinhard Pfriem und Hans-Dieter Westhoff: Arbeiten am Widerspruch – Friedrich Engels zum 200. Geburtstag. Marburg 2020, Seiten 65–120, hier: Seite 71

2 Joachim Bischoff: Die »Umrisse…« – eine »geniale Skizze« (Marx)? Engels’ Beitrag zur politischen Ökonomie der arbeitenden Klasse. In: Elmar Altvater, Joachim Bischoff, Michael Brie, Georg Fülberth, Eike Kopf, Thomas Kuczynski und Marcel van der Linden: »Die Natur ist die Probe auf die Dialektik«. Hamburg 2020. S. 90–123

3 Hierzu und zum Folgenden: Georg Fülberth: Wie zwei ein Compagniegeschäft betrieben. Friedrich Engels’ Beitrag zum Werk von Karl Marx. In: Altvater u. a.: »Die Natur ist die Probe auf die Dialektik«, Seiten 54–68

4 Siehe Georg Fülberth: Friedrich Engels. Köln 2018, Seite 66

5 Im einzelnen dazu: ebenda, Seiten 106–109

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