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Aus: DDR-Anschluss, Beilage der jW vom 02.10.2020
Kunst und Markt

Die Feindschaft, die mich freut

Was vom Bürgertum übrigblieb, und was das für die Literatur bedeutet
Von Dietmar Dath
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Robur mit West-Werbung, Leipzig, Juni 1990

Der Anschluss der DDR an die BRD hat auch die Arbeitsbedingungen für Schriftsteller erheblich verschlechtert. Ronald M. Schernikau, der beide Gesellschaften kannte, sah es klar voraus und prophezeite auf dem Kongress der Schriftsteller der DDR Anfang März 1990: »Wir werden uns wieder mit den ganz uninteressanten Fragen auseinanderzusetzen haben, etwa: Wie kommt die Scheiße in die Köpfe? Die Künstler werden alleine sein, langsam begreifen sie es.«

Was es heißt, heute in diesem postkonterrevolutionären Land Schriftsteller zu sein, noch dazu ein kommunistischer – davon handeln auch die Vorträge, die Dietmar Dath dieses Jahr in Göttingen als Lichtenberg-Poetikvorlesung gehalten hat. Sie erscheinen am 5. Oktober unter dem Titel »Stehsatz. Eine Schreiblehre« im Wallstein-Verlag. Dem Band ist der folgende, redaktionell leicht gekürzte Text entnommen. Wir danken Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Wenn man vor dreißig Jahren in der alten Bundesrepublik Deutschland akademisch gebildeten Leuten erzählte, es gebe da eine Klasse, die so gut wie alle Produktionsmittel besitzt und davon lebt, die Arbeitskraft anderer zu kaufen, die sich an diesen Produktionsmitteln verdingen, und es gebe eine andere Klasse, die keine Produktionsmittel besitzt und daher ihre Arbeitskraft verkaufen muss, weil sie sonst nichts hat, dann sagten diese akademische gebildeten Leute: Ach ja? Und was ist mit dem Mittelstand?

Der hat doch mehr als seine Arbeitskraft, besitzt vielleicht eine Metzgerei, Wohneigentum oder eine besonders gute Ausbildung, der verfügt über Kultur und ist sozial mobil, der kann sein eigenes Glück machen und selbst, wenn er abhängig beschäftigt ist, dank Fleiß und Sparsamkeit wenigstens im Alter einen Zustand erreichen, wo niemand ihm mehr was befiehlt, weil er unabhängig ist und nicht erpressbar.

Dieser Mittelstand, glaubten viele, passte in kein kultur­loses Klassenkampfszenario. Er sei, weil man ihn ja eben nicht erpressen könne, immer an neuen Ideen und Perspektiven interessiert.

Es war einmal.

Das Sparbuch bringt keine Zinsen mehr. Der Kampf des hochkonzentrierten Kapitals um Märkte setzt riesige Sauger in die Welt, die noch den letzten Spargroschen fressen, um damit die weltweiten Schlachten des Kapitals um seine Märkte zu schlagen, weshalb der Kleinbürger (das ist jener »Mittelstand« als Realwesen) sein Geld nicht mehr sparen, sondern anlegen soll, wobei »anlegen« ein Fachausdruck ist, er steht für: dem Großkapital leihen, damit es flüssig ist bei seinem Spielbankwahnsinn.

Bildung als Aufstiegsindikator hat sich erledigt: Man sieht heute mit sehr geringen Irrtumsabweichungen am Sozialstatus der Eltern, ob ein Kind eine Schlosserlehre machen wird oder bloß ein dummes Gesicht; des isch halt so.

Abstieg wegen Blödheit ist ebenfalls selten geworden: Im Umfeld angesehener Literaturverlage und bürgerlicher Bildungsblätter habe ich steinreiche Vollpfosten kennengelernt, bei denen man sich fragt, wer zieht die morgens an und abends aus, wer kaut für die, wenn sie essen? Aber eisern sitzen sie im Sattel, denen passiert nix, und wenn Afrika verhungert und der ganze mittlere Westen der USA Drogen nimmt; des isch halt so.

Das berühmte bewegliche, neugierige, aufgeweckte Kleinbürgertum hat sich in den Klassenkämpfen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mit den Besitzlosen verbündet, um das ganze Schwachsinnssystem zu stürzen, sondern ist den Besitzenden hinterhergelaufen.

Da geschieht ihm die Liquidation, die es jetzt erlebt, ganz recht.

Dumm und mindestens ärgerlich für mich persönlich ist daran nur: Buch- und Zeitungsverlage, Radiosender und Theater merken, dass ihnen das Publikum, die Middlebrow-Kundschaft, eben das Kleinbürgertum, schneller wegschmilzt als Packeis im Sonnenlicht. Panisch versuchen sie, Anschluss an die verblödete Horde zu finden, die auf den Plattformen des Ressentiments und der Pöbelei vom Kleinbürgertum übrigbleibt.

Der Imperativ, der sich da bildet (aber noch nicht allenthalben durchgesetzt ist), lautet: Schriftstellerinnen und Schriftsteller, lest Kommentare im Netz, und dann schreibt so, wie die das wollen! Ich habe die Folgen selbst erlebt: Anzugvogelscheuchen schwärmen in einem Unternehmen aus, auf dessen Fahne irgendwas mit »Kultur« steht, nehmen die Säge in die Hand, kürzen das Sperrige, das irgendeine putzige oder zanksüchtige Dummheit nicht begreift und nicht leiden kann. Die Säge, mit der man da kürzt, funktioniert allerdings leider nur stammeinwärts, wenn Sie wissen, was ich meine.

Kein Grund, sich umzubringen: Vielleicht interessieren sich, wo es keine Kleinbürgerkinder mehr gibt, die Literatur schreiben und lesen, irgendwann andere, bösere, wachere, illusionsärmere Kinder dafür, was man mit Literatur alles machen kann, was man damit denken und sagen, welche Haltungen man entdecken und bauen kann, wenn man die Sprache den Mächten entreißt, die sie disziplinieren wollen: der Konvention, dem Markt, der Autorität.

Viele Bücher werden jetzt verramscht, das heißt: Sie werden billiger. Aber das heißt nicht zwingend: Sie sind weniger wert.

Es kommt darauf an, wer sie liest und was daraus folgt.

*

In der Ankündigung, die ich zu dieser Veranstaltung geschrieben habe, steht zu lesen, ich wolle »über ein Schreiben« reden, »das sehr verschiedene literarische Formen ernstnehmen will, auch solche, denen man die Anerkennung als Literatur noch verweigert. Sie schmiegen sich an Genres, Techniken und Gesten, die nicht zusammenpassen, oder sie sträuben sich dagegen.«

Sie haben sich, falls Sie das gelesen haben und es Ihnen Lust gemacht hat, herzukommen und zuzuhören, dabei vielleicht gedacht: Die in diesem Text erwähnten Formen, denen man die Anerkennung als Literatur verweigert, sind wohl die journalistischen, denn Dath ist ja unter anderem Journalist. Er wird uns vermutlich erzählen wollen, dass und wieso seiner Ansicht nach auch Journalismus Literatur sein kann.

Diese Ansicht hege ich tatsächlich. Journalismus als Literatur: Das kann passieren.

Wenn Clara Drechsler die Band Slayer trifft und interviewt, und wenn die Begegnung danach ein Artikel für Spex wird, finden sich Haltungen zu Informationen im Feld von Thema, Stoff und Form gestaltet. Wo so was passiert, rede ich, Sie wissen das, von Literatur. Meine Ankündigung sollte aber etwas viel Einfacheres sagen.

Das hat mit der Literaturkundschaft zu tun, die in den Jahren, als ich mit dem Schreiben anfing, den kommerziellen und ästhetischen, in den einschlägigen Medien ausgehandelten Wert von Literatur ermittelt hat und die das heute nicht mehr tut.

Science Fiction, um damit anzufangen, wurde in meiner Jugend und bei den meisten lesenden Erwachsenen, die ich kannte, abgefertigt mit einem Urteil des Sinnes: »Das ist noch keine Literatur, das ist Unterhaltung«.

Texte von Marianne Fritz oder Arno Schmidt dagegen wurden damals von denselben Leuten abgefertigt mit einem Urteil des Sinnes: »Das ist keine Literatur mehr, das ist Manie, Verstiegenheit, Wahnsinn«.

Was ich damals erlebte, war, dass als Literatur nur das gelten sollte, womit Kleinbürgerinnen und Kleinbürger klarkommen, wenn sie es zur Erbauung lesen.

Das ist vorbei. Gott sei Dank.

Was kommt jetzt?

Ich habe Ihnen versprochen, etwas von Feindschaft zu erzählen.

Die Feindschaft, die ich meine, besteht, soweit es mich betrifft, nicht zwischen mir und denen, die meine Texte nicht mögen. Die Feindschaft, die mich freut, besteht zwischen mir und denen, die anderer Leute Arbeitskraft kaufen. Denn mit denen muss ich ein Gemeinwesen teilen, von dessen Vermögen und Bereitschaft, meine Praxis auszuhalten, bis ins Alltägliche abhängt, ob ich weitermachen kann. Von der Toleranz derer, die anderer Leute Arbeitskraft kaufen, mag ich nicht gern abhängen.

Wenn es Konsens wird, dass ich eine Macke habe, wonach es derzeit stark aussieht, brauche ich Nischen der Toleranz, sowohl für den essayistischen Text [A] wie für den literarischen [R]. Denn das der Mehrheit, der Macht oder dem Markt unbekannte Wort oder der dieser Mehrheit, dieser Macht oder diesem Markt unbekannte Gedanke werden im Sachtext von den dreien ebenso sehr abgelehnt wie im literarischen – wer eine Haltung nicht kennenlernen will, möchte wahrscheinlich auch Argumente, die sie stützen, nicht dulden, interessanterweise hört man auch in diesem Fall dann aber keine inhaltlichen, sondern die schon aus dem Bannstrahl gegen missliebig Literarisches bekannten formalen Einwände, vorgetragen in der Tonart »so schreibt man nicht«, denken Sie an Alexander Cammanns »Pittoreske Riesenklammern und mäandernde Satzkonstruktionen, die zusammennageln, was besser getrennt wäre« gegen das nicht literarische, sondern diskursive Buch »Der Implex« (Zeit vom 16.2.2012), und gleich dabei ist der Vorwurf »Terror«, nein, diesmal: »kalaschnikowhafte Selbst­ermächtigungsprosa«, denn etwas lesen, das nicht gefällt, ist wie beschossen werden.

Will man das, was derartige Laune sich nicht bieten lassen mag, trotzdem äußern, dann ist man angewiesen auf Orte für diejenigen, die der Norm nicht entsprechen, auf etwas Paradoxes wie, sagen wir: Parkplätze für Leute ohne Fahrzeug. Für mich läuft es günstiger, wenn Menschen sagen: »Ich kann mit Daths Zeug nichts anfangen, es gefällt mir nicht«, als wenn sie sagen: »Daths Zeug sollte besser nicht sein«.

Ein netter Antileninist auf Twitter hat neulich herausgefunden, meine Einlassungen zu soziopolitischen oder ökonomischen Themen seien nicht einfach falsch, widersinnig oder sonst irgendwie verfehlt, sondern hätten »mit Gesellschaftskritik nichts zu tun«, also weg damit. Wie gesagt, es wäre mir lieber, man könnte sich darüber unterhalten, was jeweils gewollt war und ob es erreicht wurde, als dass Leute sagen: Das ist nicht das, was wir als Gesellschaftskritik, als Literatur oder irgendeine andere tolerable schriftliche Äußerung gelten lassen wollen.

Darf ich die nötige Gelassenheit erwarten? Ich erwarte sie nicht. Ich hoffe auf sie.

Es geht hier, ich erinnere daran, um mehr und Wichtigeres als mich: soziale Voraussetzungen, Begleiterscheinungen und Folgen von Schreibweisen, die angefeindet werden. Ich rede davon, wie und warum und mit welchen Ergebnissen Leute Feindschaft gegen das empfinden und artikulieren, was andere Leute tun.

Ich rede letztlich darüber, dass Leute, die man aufeinander hetzen kann, leichter zu regieren sind als Leute, die bei so etwas nicht mitmachen.

Das ist keine Literatur!

Das ist keine Gesellschaftskritik!

Das ist keine Musik!

Die Menge johlt.

*

Teenager, so zeigen Beobachtung und Experiment, fürchten heute weniger Verhaltenskontrollen und Sanktionen seitens Eltern, Lehrkörper und Dorfgeistlichen, vor denen wir jungen Leute Mitte der Achtziger in meinem Kaff Angst hatten, sondern eher Strafen, die eine »Peer group« verhängt.

Die Form der Unterdrückung, der Ausbeutung, der Ausgrenzung, der Isolation, des Einschlusses und aller anderen Sauereien in ungerechten Sozialzusammenhängen, die ich derzeit als am grellsten und häufigsten wahrnehme, ist der Mob, die Rotte, die Horde.

Die Menge johlt.

Man soll auf Gejohle nicht antworten; Anfeindungen auf sich beruhen lassen.

Widerrede gilt als wenig vornehm, ungeschickt, auch weinerlich. Man hat in meiner Branche Wörter wie »Kritikerschelte« dafür oder »Publikumsbeschimpfung«.

So etwas tut man nicht.

Mein ganzes bewusstes Leben lang haben mir Personen mit mal verbürgter, mal angemaßter Autorität erzählt, was »man« tut und was nicht:

Wenn du nicht zur Tanzschule gehst, kriegst du keine Freundin.

Wenn du dir keinen Ferienjob suchst, wirst du später keinen Beruf haben.

Wenn du keinen Führerschein hast, wirst du nicht im Journalismus arbeiten können.

Wenn du Marxist bist, wird niemand deine Romane lesen.

Alles falsch, längst empirisch widerlegt.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, auf Versuche der Erziehung und Disziplinierung durch ein Kollektiv oder das Mundstück eines Kollektivs zu reagieren.

Unter kunstbegeisterten Menschen, die sich von der Menge nicht vorschreiben lassen wollen, was Kunst, Künstlerinnen und Künstler tun sollen und was nicht, lebt seit einiger Zeit eine Schule des Trotzes. Sie deutet das mancher Kunst zugefügte Stigma der Ablehnung durch die Umgebung gern zum Ausweis der Güte dieser Kunst um: Gerade und nur das, was die Menge, die Mehrheit, die Macht, der Markt nicht mögen, soll das Gute, ja das Beste sein, und zwar nicht obwohl, sondern weil die genannten Instanzen es nicht mögen.

Vereinzelung, Verkanntsein, Verhungern oder Verrücktwerden sollen die unausweichlichen Schicksale des Richtigen sein.

Damit ist diese Schule gerade so an die genannten Autoritäten gefesselt wie der schlimmste Spießer, nur negativ.

Die Autorität sagt beispielsweise, Kunst solle schön sein.

Also ist für die Bockigen das Hässliche die wahre Kunst. Die Autorität sagt, es ginge in der Kunst um Werke. Also weisen die Bockigen den Werkbegriff zurück.

So geht’s dann weiter mit den Gattungsbegriffen, mit deren Regeln, am Ende mit der Idee des Gelungenen überhaupt, so dass die Bockigen das Abgebrochene, Zerstörte und Nichtvollendete unterm Namen »Fragment« oder »Dekonstruktion« oder Pipapo finster entschlossen anbeten.

Die Umkehrung einer Idiotie ist oft eine andere Idiotie.

Wenn der Trotz Pech hat, entdeckt ihn eine Macht und ruft ihn als neue Staatskunstlehre aus. Dann wird etwas gefördert, was der Mehrheit nicht einleuchtet. Jeder Hass darauf kann sich fortan oppositionell fühlen.

*

Vielleicht meint man ja, wenn man dem Druck der Vielen stumpf antagonistisch widersteht, man habe sein Innerstes gerettet, vor der Menge, der Masse, der Mehrheit, dem Markt, der Macht. Wer sein Innerstes rettet und hütet, ist möglicherweise ein guter Mensch.

Vielleicht macht es Spaß, ein guter Mensch zu sein.

Ich weiß das nicht. Mein Umgang mit der Menge, der Masse, der Mehrheit, dem Markt und der Macht ist ein anderer als der, in den sich die Schule des Trotzes hineinzusteigern pflegt.

Ich mache nicht immer, was diese Autoritäten wollen.

Ich widersetze mich manchmal und manchmal nicht.

Ich war nicht in der Tanzschule, habe keine Ferienjobs gesucht und musste meine Sommer ohne Geld zubringen, las statt dessen Bücher aus der evangelischen Stadtbibliothek und Presse vom Altpapierhaufen des Hausmeisters.

Ich habe auch keinen Führerschein, aber keineswegs aus Trotz, sondern weil ich Ziele verfolgen wollte und weiter verfolgen will, die mir keine Zeit und kein Geld für den Führerschein ließen; Ziele, die mit den für mich seitens der Menge, der Masse, der Mehrheit, dem Markt und der Macht vorgesehenen Zwecken meines Lebens, Tuns und Lassens nichts zu tun hatten und haben – keine Schlosserlehre war dabei, aber auch kein Studium, nur die Schreiblehre, die ich machen konnte, weil es Leserinnen und Leser gab und gibt, damals Melina und Mark (Klassenkameraden Daths, jW), heute andere.

*

Die Lehren, die ich aus dem mir erreichbaren Wissen über Vorbilder ziehen kann, sind hart: Isolation zum Beispiel, die man selbst wählt, um möglichst alle Parameter der Außenbeziehungen kontrollieren zu könnten, macht verrückt, das weiß ich vom Schicksal zweier großer Erzähler, die mir von einem hellen Häuschen in Kanada und von einer Bruchbude in Deutschland aus viel beigebracht haben.

Andererseits macht schlechte Gesellschaft dumm, das weiß ich vom Schicksal zweier anderer Vorbilder, die mir von Tanzveranstaltungen in Berlin und von Verschwörungstreffen in Freiburg aus viel beigebracht haben.

Was tun?

Garantiert hilfreiche Gesellschaft ist im schlechten Gemeinwesen nicht zu haben.

Scheitern scheint unvermeidlich.

Aber was ist das genau, Scheitern, wie geht das?

Ich würde zum Beispiel sagen: Marianne Fritz ¹ ist am Ende ihres Lebens gescheitert. Das ist keine moralische Wertung, ich messe es nicht an meinem Eindruck von ihren letzten veröffentlichten Texten. Ich verstehe wenig von diesen Texten, ich kann ihnen nicht weit folgen. Aber was ich von anderen verlange, von der Kritik und dem Publikum, muss ich auch von mir selbst verlangen, nämlich die Bereitschaft, für möglich zu halten, dass es am Leser oder an der Leserin liegt, wenn ein Text nicht verstanden wird.

Gescheitert ist Marianne Fritz also nicht an mir, sondern an einem Vorhaben, von dem man weiß: Sie wollte noch weitere Bücher publizieren.

Die wurden aber bis heute nicht verlegt, obwohl es Textgrundlagen gibt, die man edieren könnte. Man schreibt Literatur, damit sie gelesen wird (Ich weiß: Spekulation, Meta­physik. Ich habe mich dazu bereits bekannt).

Man kann der Dichterin ihr Scheitern nicht vorwerfen; es ist allemal kunstgemäßer, dem eigenen Material in die Dunkelheit zu folgen als auf dem Marktplatz mit der Verwertungskette Seilhüpfen zu spielen.

Sie erinnern sich aber hoffentlich, wie ich Ihnen von Anne Garréta ² erzählt habe, die ihre Einzigartigkeit als Schriftstellerin nicht nur gegen eine Gemeinschaft ertrotzt hat, jene idiotisch-allgemeine nämlich, die fies wird, wenn man ihr etwas erzählt, das sie nicht hören will, sondern diese Individualität auch in einer Gemeinschaft erarbeitet hat, einer großartigen.

Die Gemeinschaft, in der Anne Garréta zu ihrer Singularität gelangte, Oulipo, ist für mich ein Modell für jeden Arbeitszusammenhang, in dem Leute schreibend ihre je eigenen Lösungen für ihre je eigenen Aufgaben finden können.

Jeder produktive Arbeitszusammenhang taugt als Gesellschaftsmodell, das dem Bewusstsein beibringen kann, wie Individualität in Gesellschaft entsteht und überlebt, ja blüht. Der Horizont dieser Wahrheit ist der historisch gut belegte Umstand, dass eine Gesellschaft, die keine Individualitäten hervorbringt und schützt, gar keine ist, sondern Rudel, Horde, Mob, Johlen. Ewig kann so was sich nicht halten gegen die Bedürfnisse, die Ansprüche, die jedes Gemeinwesen produziert; die Träume.

Wenn ein Gemeinwesen den Menschen die Befriedigung zu vieler Bedürfnisse versperrt, hauen sie es früher oder später kaputt.

Eigensinn ohne Solidarität wird nie zu haben sein.

Solidarität ohne Eigensinn ist bloßer Konformismus.

Gegen Gesellschaft, wo sie Knast wird, hilft nur eine Gegengesellschaft, die befreit.

Anmerkungen:

¹ Marianne Fritz (1948–2007), österreichische Schriftstellerin. Sie ist bekannt für ihren zwölfbändigen und über 3.000seitigen Roman »Dessen Sprache du nicht verstehst« (1985), der die Geschichte der Proletarierfamilie »Null« aus »Nirgendwo« erzählt, auf den Daths Genreerkundung der (nicht nur) literarischen Science-Fiction »Niegeschichte« anspielt. Der dritte und abschließende Teil ihrer Prosa-Reihe »Naturgemäß« blieb unvollendet.

² Anne Françoise Garréta, Jahrgang 1962, französische Schriftstellerin. Sie ist seit 1999 Teil des Autorenkreises Oulipo (Akronym von »L’Ouvroir de Littérature Potentielle« – »Werkstatt für Potentielle Literatur«), der für strenge Formexperimente bekannt ist.

Dietmar Dath ist Kommunist, 1970 geboren und schreibt Science-Fiction.

Dietmar Dath: Stehsatz. Eine Schreiblehre. Wallstein-Verlag, Göttingen 2020, 108 Seiten, 18 Euro

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