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Aus: DDR-Anschluss, Beilage der jW vom 02.10.2020
30 Jahre DDR-Anschluss

Möbeldebatten

Der Designhistoriker Walter Scheiffele hat eine Hommage auf die Großen der industriellen Formgestaltung in der DDR geschrieben
Von Arnold Schölzel
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Simson Stars, Bezirk Dresden, Februar 1990

Die DDR-Gesellschaft bewegte sich zwar wie jede andere in Widersprüchen, seit 1990 aber wird die Idee, es habe im Sozialismus Bewegung oder gar Entwicklung gegeben, für verrückt erklärt. Es gibt einen DDR-Witz: »Widersprüche sind in Ordnung, Widersprechen nicht«. Heute gilt die Umkehrung: »Nur Widerspruch gegen (genauer: Hass auf) die DDR war in Ordnung, Widersprüche – etwa im Kapitalismus – sind von Marx, also von gestern.«

Der in Berlin lebende und lehrende Kultur- und Designhistoriker Walter Scheiffele untersucht in seinem Band »Ostmoderne – Westmoderne« konkret einen solchen inneren DDR-Gegensatz. Allein das verdient in der geistigen Wüste des landläufig über den ostdeutschen Staat Publizierten eine tiefe Verneigung. Hier sei zur Illustration ausführlich zitiert: »Die zu Recht für Frieden kämpfende Politik der DDR verwickelte sich in Widersprüche, wo aus einem politischen Konstrukt eine künstlerische Form generiert wurde. Man war im aristokratischen und bürgerlichen Formenschatz unterwegs – und wollte damit eine sozialistische Kultur begründen? Man befand sich im kunsthandwerklichen Milieu – und wollte damit eine industrielle Formkultur begründen? In dieser Hinsicht verkörperte Walter Ulbricht einen Widerspruch in ein und derselben Person. Während der gelernte Möbeltischler lange am Handwerk festhielt, propagierte der Politiker die Industrialisierung der DDR.«

Bauhaus-Fortsetzer

Scheiffele beginnt und endet seine jeweils etwa 170 Seiten umfassende »Bild- und Textgeschichte« mit den Deutschen Werkstätten Hellerau. Er skizziert die Geschichte des Unternehmens ab dessen Gründung 1898, legt aber den Schwerpunkt auf die Zeit von 1945 bis 1990. Sein Leitfaden ist, wie er im Vorwort formuliert, dass die bisherige Geschichtsschreibung »die Möbelgestaltung in der DDR eher als einen Rückschritt« betrachte. Scheiffele will zeigen, dass »besonders im Fall der Deutschen Werkstätten« trotz solcher Hindernisse wie der Kampagne gegen Formalismus und für die ­»Nationale Tradition« in der DDR der 50er Jahre »die moderne Möbelgestaltung in Hellerau auf beeindruckende Weise fortgeführt werden konnte«, dass »die vom Bauhaus geformte Moderne ihre Wirkung auch dort« behielt, »wo man sie offiziell nicht zu schätzen wusste«.

Was das bedeute, welche manchmal tragischen Konsequenzen das hatte, schildert der Autor an Hand der Biographien jener Formgestalter, deren Namen er in den Buchtitel aufgenommen hat, angefangen mit dem Niederländer Mart Stam (1899–1986), der als ehemaliger Bauhaus-Dozent und Mitgestalter von Magnitogorsk in der Sowjetunion Anfang der 30er Jahre 1948 nach Dresden gerufen wurde, 1950 nach Berlin ging, aber bereits Ende 1952 dem Druck von Bauhaus-Feinden weichen und nach Rotterdam zurückkehren musste. Ein Großer des Designs ist für Scheiffele Selman Selmanagic (1905–1986), Bauhaus-Student, jugoslawischer Kommunist und antifaschistischer Widerstandskämpfer, der die in Hellerau bis 1945 für die faschistische Luftwaffe verwendeten formbaren Schichthölzer als Material nutzte. Er und Franz Ehrlich (1907–1983), ebenfalls Student am Bauhaus in Dessau, der ab 1950 das Gebäude des DDR-Rundfunks in Berlin mit einer großartigen Innenarchitektur ausstattete, wurden, so Scheiffele, »zu zentralen Figuren einer gegen die ›Nationale Tradition‹ gerichteten Formgebung«. Die Reihe endet mit dem kongenialen Rudolf Horn (geb. 1929), dem zum 90. Geburtstag 2019 eine Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Dresden-Pillnitz gewidmet war. Scheiffele erläutert, dass die industrialisierte Möbelherstellung international zu »einem Übergang vom Objekt- zum Systemdesign« geführt habe. Horn trieb demnach mit seinem 1967 vorgestellten »Möbelprogramm Deutsche Werkstätten« (MDW) zur Selbstmontage dies weit voran. Ihm sei »der entscheidende Schritt vom Korpus zur Platte« gelungen. Gleichzeitig sei der Architekt Wilfried Stallknecht (1928–2019) mit Experimentalwohnungen in der DDR zum »variablen Wohnen« vorgestoßen, das heißt zu veränderbaren Räumen im Serienbau. In ihnen konnten wiederum MDW-Schränke nach individuellen Wünschen aufgebaut werden.

Bauhaus-Feinde

Bis sich aber Horn und Stallknecht durchsetzten, hielten die »Möbeldebatten« in der DDR an, wurde die Bauhaus-Tradition immer wieder verunglimpft. Da wurden Gift und Galle verspritzt, wobei die vorherrschende Seite sich zunächst stets darauf berief, die Wünsche, das heißt den Geschmack, »der« Werktätigen zu kennen. Der Präsident der Bauakademie Kurt Liebknecht (1905–1994) war zum Beispiel ein entschiedener Gegner des Bauhauses und von Stam persönlich. Funktionalistische Raumgestaltung war für Liebknecht »Auflösung jeglicher Architektur«. Er kritisierte »konstruktivistische Möbel, die ihre Formen den Einrichtungsgegenständen einer Klinik« entnähmen. Im Neuen Deutschland fragten dagegen Stam und andere 1949: »Wünscht das Pu­blikum Schund und Kitsch?« Das zielte auf Stilmöbel und »Gelsenkirchener Barock«.

Scheiffele zeigt am Beispiel von zwei in der Bundesrepublik entwickelten Möbelsystemen, wie schwierig es war, in kapitalistischen Verhältnissen moderne Gestaltung durchzusetzen. Blümchentapeten und wuchtiges Mobiliar zierten und zieren Wohnungen in beiden deutschen Staaten. Hinzu kam, wie Horn im Gespräch mit Scheiffele sagt, dass der Handel »in der DDR ein konservativer Verein schlimmster Ordnung« war. Entscheidend aber war laut Horn: »Man muss sich diese Kontroverse als einen ungeheuren Prozess vorstellen, der alles und jedes in der Gesellschaft ergriff.« Das machte den Unterschied zur Westmoderne aus: Im Sozialismus nahm die Gesellschaft Anteil an einer Debatte, die den Staat ergriff. Noch einmal Scheiffele: »Selmanagic, Ehrlich, Horn und vielen anderen Gestaltern der Ostmoderne ging es darum, Volkseigentum zu denken und Perspektiven zu sehen, die weit über das bloß Privateigentümliche hinausreichten. Da geriet letzen Endes jedes Mitglied der Gesellschaft als Akteur, nicht als Konsument ins Blickfeld.«

Die DDR als diskutierende und Neues hervorbringende Gesellschaft – das wirkt in Zeiten, da sie als von Anfang an tot behandelt wird, wie ein Tabubruch. Zumal »das ökonomische wie soziale Planen«, das Scheiffele als »ein Grundmotiv der Ostmoderne« bezeichnet, in »Kultur und Natur« gebraucht wird. Dringender denn je, lässt sich hinzusetzen. Scheiffele hat auch über Lehren für Zukünftiges geschrieben.

Arnold Schölzel ist ständiger jW-Autor und leitet die Monatszeitschrift Rotfuchs.

Walter Scheiffele: Ostmoderne – Westmoderne. Spector Books, Leipzig 2019, 382 Seiten mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißabbildungen, 38 Euro

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