Gegründet 1947 Donnerstag, 29. Oktober 2020, Nr. 253
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Aus: DDR-Anschluss, Beilage der jW vom 02.10.2020
Klassiker

Summe aller Kenntnisse

Am 2. Oktober vor 100 Jahren hielt Lenin seine berühmte Rede über »Die Aufgaben der Jugendverbände« (Teil III)
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Wahllokal 920, Ostberlin, 18. März 1990

Alles, was von der menschlichen Gesellschaft geschaffen worden war, hat Marx kritisch verarbeitet und nicht einen Punkt unbeachtet gelassen. Alles, was das menschliche Denken hervorgebracht hatte, hat er umgearbeitet, der Kritik unterworfen, an der Arbeiterbewegung überprüft und dann jene Schlussfolgerungen gezogen, die die in den bürgerlichen Rahmen eingezwängten oder an bürgerliche Vorurteile gefesselten Menschen nicht zu ziehen vermochten.

Das müssen wir im Auge behalten, wenn wir zum Beispiel über proletarische Kultur reden. Ohne die klare Einsicht, dass nur durch eine genaue Kenntnis der durch die gesamte Entwicklung der Menschheit geschaffenen Kultur, nur durch ihre Umarbeitung eine proletarische Kultur aufgebaut werden kann – ohne eine solche Einsicht werden wir diese Aufgabe nicht lösen. Die proletarische Kultur fällt nicht vom Himmel, sie ist nicht eine Erfindung von Leuten, die sich als Fachleute für proletarische Kultur bezeichnen. Das ist alles kompletter Unsinn. Die proletarische Kultur muss die gesetzmäßige Weiterentwicklung jener Summe von Kenntnissen sein, die sich die Menschheit unter dem Joch der kapitalistischen Gesellschaft, der Gutsbesitzergesellschaft, der Beamtengesellschaft erarbeitet hat. Alle diese Wege und Pfade führten und führen zur proletarischen Kultur und werden weiter zu ihr führen, genauso, wie die von Marx umgearbeitete politische Ökonomie uns gezeigt hat, wohin die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft führen muss, wie sie uns den Übergang zum Klassenkampf, zum Beginn der proletarischen Revolution gewiesen hat.

Wenn wir nicht selten sowohl von Vertretern der Jugend als auch von manchen Verfechtern der neuen Bildung hören, dass sie die alte Schule angreifen, weil sie eine Schule des Büffelns gewesen sei, so sagen wir ihnen, dass wir von der alten Schule das übernehmen müssen, was gut war. Wir sollen aus der alten Schule nicht den Brauch übernehmen, das Gedächtnis des jungen Menschen mit einer Unmenge von Kenntnissen zu belasten, die zu neun Zehnteln unnütz und zu einem Zehntel entstellt waren, das bedeutet jedoch nicht, dass wir uns mit den kommunistischen Schlussfolgerungen begnügen können und lediglich die kommunistischen Losungen auswendig zu lernen haben. Damit wird man keinen Kommunismus errichten. Kommunist kann einer nur dann werden, wenn er sein Gedächtnis um alle die Schätze bereichert, die von der Menschheit gehoben worden sind.

Wir brauchen das Büffeln nicht, aber wir müssen das Gedächtnis jedes Lernenden durch die Kenntnis der grundlegenden Tatsachen entwickeln und vervollkommnen, denn der Kommunismus wird zu einer hohlen Phrase, zu einem bloßen Aushängeschild und der Kommunist zu einem eitlen Prahlhans, wenn er nicht alle erworbenen Kenntnisse in seinem Bewusstsein verarbeitet. Ihr sollt sie euch nicht nur aneignen, ihr sollt sie euch kritisch aneignen, damit ihr euer Denken nicht mit unnützem Kram belastet, sondern es durch die Kenntnis aller Tatsachen bereichert, die für einen modernen gebildeten Menschen unerlässlich sind. Ein Kommunist, dem es einfiele, sich auf Grund der ihm übermittelten fertigen Schlussfolgerungen mit dem Kommunismus zu brüsten, ohne selbst eine sehr ernste, mühselige, große Arbeit zu leisten, ohne sich in den Tatsachen zurechtzufinden, zu denen er sich kritisch zu verhalten verpflichtet ist – ein solcher Kommunist wäre eine recht traurige Gestalt. Eine solche Oberflächlichkeit wäre entschieden verderblich. Wenn ich weiß, dass ich wenig weiß, dann werde ich danach trachten, mehr zu wissen; wenn aber jemand erklärt, dass er ein Kommunist ist und kein solides Wissen zu haben braucht, dann wird aus ihm alles andere werden denn ein Kommunist.

Die alte Schule erzog Lakaien, wie sie von den Kapitalisten gebraucht wurden, die alte Schule machte aus den Männern der Wissenschaft Menschen, die schreiben und reden mussten, wie es den Kapitalisten passte. Eben darum müssen wir diese Schule beseitigen. Aber wenn wir sie beseitigen, wenn wir sie zerstören müssen, heißt das, dass wir ihr nicht all das entnehmen sollen, was die Menschheit an Notwendigem für die Menschen zusammengetragen hat? (…)

An die Stelle des alten Drills, der in der bürgerlichen Gesellschaft entgegen dem Willen der Mehrheit üblich war, setzen wir die bewusste Disziplin der Arbeiter und Bauern, die mit dem Hass auf die alte Gesellschaft die Entschlossenheit, Fähigkeit und Bereitschaft zum Zusammenschluss, zur Organisation der Kräfte für diesen Kampf verbinden, um aus dem Willen von Millionen und aber Millionen vereinzelter, zersplitterter, über das ganze riesige Land verstreuter Menschen einen einheitlichen Willen zu schmieden, denn ohne diesen einheitlichen Willen werden wir unweigerlich geschlagen werden.

Wladimir Iljitsch Lenin: Die Aufgaben der Jugendverbände. (Rede auf dem III. Gesamt­russischen Kongress des Kommunistischen Jugendverbandes Russlands) 2. Oktober 1920. Prawda vom 5., 6. und 7. Oktober 1920. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke Band 31. Dietz-Verlag, Berlin 1970, Seiten 276–278

Die ersten beiden Teile des Textauszugs erschienen in den jW-Wochenendbeilagen vom 19./20. und vom 26./27. September

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