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Aus: Behindertenpolitik, Beilage der jW vom 02.09.2020
Behindertenpolitik

Herr Groll in der Salzburger Altstadt

Von Erwin Riess
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Vor der Festung Hohensalzburg, Österreich

Herr Groll und der Dozent saßen im Schanigarten des Cafés Glockenspiel am Salzburger Mozartplatz vis-à-vis der Neuen Residenz. »Die Coronakrise beschert uns einen entspannten Sommernachmittag in der ansonsten von Touristen überrannten Festspielstadt«, meinte der Dozent. »Ich kann mich nicht erinnern, je so unbeschwert und unbehelligt durch die Salzburger Innenstadt geschlendert zu sein. Seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts waren die Gässchen der Altstadt mit touristischen Kohorten aus aller Herren Länder verstopft, die Getreidegasse und der Platz vor Mozarts Geburtshaus waren gänzlich unpassierbar. Wer die Gasse auch nur queren wollte, musste sich in Lebensgefahr begeben. Und heute lädt die nahezu leere Gasse zu einem Schaufensterbummel ein.«

»Seit wann frönen Sie als soziologischer Tiefenforscher dem oberflächlichen Müßiggang?« erwiderte Herr Groll erstaunt. »Alles hätte ich Ihnen zugetraut, nur nicht einen Schaufensterbummel!«

Der Dozent lächelte. »Sie haben recht. Ich wollte einmal nur das Wort ›Schaufensterbummel‹ im Munde führen. Es scheint mir wie aus einer anderen Zeit und doch so vertraut. Für mich steht es für eine Zeit, in der man in den Auslagen gustierte und nur in den seltensten Fällen etwas kaufte.«

»Heutzutage nennt man das wohl ›shoppen‹«, meinte Groll.

»Einspruch! Geschätzter Freund! Wer ›shoppt‹, rennt in den Laden, rafft billigen Ramsch an sich, zahlt drei Euro fünfzig mit der Kreditkarte und stürzt, den Blick aufs Handy, in dem weitere Schnäppchen winken, aus dem Laden. Shoppen ist eine Zwangsstörung, das akkurate Gegenteil des entspannten Bummels.« Der Dozent orderte ein Glas Riesling, Herr Groll beschied sich mit einem Espresso.

»Abgesehen davon, dass das Virus immer gegenwärtig ist, erleben wir einen perfekten Nachmittag. Es würde mich aber nicht wundern, wenn Sie nicht doch ein Haar in der Suppe fänden.«

»Es wären nicht so viele«, erwiderte Herr Groll. »Ich denke einmal an drei Bereiche, die nicht zu den großen Menschheitsfragen zählen, aber dazu geeignet sind, das Leben behinderter Menschen beschwerlich zu machen. Sie erinnern sich an unseren Besuch auf der Festung Hohensalzburg heute früh. Keine Warteschlangen, barrierefreier Zugang zum Schrägseilaufzug und auch in der Burg ein weiterer Lift im Inneren des Berges zur Hochburg.«

»Alles barrierefrei!« rief der Dozent. »Was für ein Triumph!«

»Ich will ihn nicht schmälern«, räumte Herr Groll ein.

Der Kellner brachte die Getränke. Grolls Freund schürzte mit Kennermiene die Lippen und führte das Glas zum Mund.

»Ich sehe mich aber gezwungen, ein paar Wermutstropfen in Ihren Triumphbecher fließen zu lassen.«

Der Dozent sah erstaunt auf.

»Erstens ist der Weg zur Talstation auf rumpeligen Natursteinen bei 18 Grad Steigung eine Zumutung«, fuhr Groll fort. »Es war eine rechte Plackerei. Auf dem abschüssigen oberen Hof der Festung dasselbe Spiel – steiler Naturbelag, extreme Steigung. Was habe ich von einem benutzbaren Schrägaufzug, wenn ich den Eingang nicht erreiche? Schließlich sind die Lifte schlecht bis gar nicht gekennzeichnet. Hätte ich Sie nicht immer wieder vorgeschickt, um den Weg zu erkunden, wäre ich wie ein verirrtes Regenhuhn umhergeirrt. Auf die Idee, die unbefahrbaren Passagen durch zwei Meter breite Stein- oder Marmorstege zu unterbrechen und Fußmaroden sowie Kindern und alten Menschen das Vorankommen zu erleichtern, sind die famosen Platzmeister und Architekten nicht gekommen. Das gilt auch für viele Bereiche der Altstadt, so auch für den spätantiken Friedhof St. Peter mit seinen Katakomben.«

Der Dozent setzte das Glas ab und nahm eine Eintragung in seinem Notizblock vor.

»Ich füge hinzu, dass es allein in Wien 3.500 Schanigärten gibt, von denen achtzig Prozent infolge einer hohen oder mehrerer Stufen für unsereins nicht erreichbar sind«, fuhr Groll fort. »Der Grund: Keine Behörde fühlt sich für die Einhaltung der Barrierefreiheit zuständig, und ein Antidiskriminierungsgesetz, mit Hilfe dessen die Hindernisse weggeklagt werden können, gibt es in Österreich nicht. Zwar existiert ein Bundesbehindertengleichstellungsgesetz, dessen großtrabender Name mit seiner Jämmerlichkeit korreliert, dieser Gesetzeskrepierer sieht jedoch die Beseitigung von Barrieren explizit nicht vor, ist also als böse Karikatur eines Antidiskriminierungsgesetzes zu werten. Fazit: In Zeiten von Corona ist die Nachfrage nach Freiluftsitzplätzen in Schanigärten groß, aber deren übergroße Mehrzahl ist für unsereins nicht benutzbar.«

Der Dozent nahm einen Schluck vom Wein und schrieb. Herr Groll legte beide Hände auf den Tisch.

»Zuletzt berichte ich noch von einem wahrhaft haarsträubenden Skandal: Rund 24.000 behinderte Menschen arbeiten in Österreich in Einrichtungen wie Lebenshilfe, Pro Mente, Caritas und anderen. Die Beschäftigten sind nur unfall-, nicht aber pensionsversichert und bekommen zwischen 20 und 60 Euro Taschengeld für eine volle Arbeitsverpflichtung ausbezahlt. Das aber nicht pro Tag, sondern pro Monat! Diese de facto Sklavenarbeit behinderter Menschen wird seit Jahrzehnten von autonomen Behindertengruppen und wenigen Verbündeten kritisiert, etwa vom Monitoringausschuss zur Kontrolle der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und von der Volksanwaltschaft, tatsächlich ändert sich aber seit Jahrzehnten an diesem Skandal nichts. Was die Sklaventreiber nicht daran hindert, mit den ultrabilligen behinderten Arbeitskräften auf Hochglanzbroschüren unter den Unternehmen des freien Marktes zu werben. Die behinderten Menschen seien ein ›Asset‹ für das ›Outsourcing‹ von betrieblichen Tätigkeiten. Und so werden Tausende behinderte Menschen für ein lächerliches Taschengeld als Lohndrücker gegen gewerkschaftlich organisierte Schlechtverdiener in Stellung gebracht. Die Konkurrenz der Habenichtse ums letzte Hemd.

Seit Jahrzehnten schauen offiziöse Behindertenverbände bei dem schändlichen Treiben untätig zu. Auch Gewerkschaft, Arbeiterkammer und der grüne Sozialminister sehen über diese flagrante Menschenrechtsverletzung hinweg, die einen ganzen Strauß völkerrechtlicher Verpflichtungen der Republik konterkariert. Das ist aber noch nicht alles. Am Höhepunkt der Coronakrise wurden die Behindertenwerkstätten geschlossen und die behinderten Mitarbeiter an die überforderten Eltern zurückgeschickt. Damit nicht genug, strich man den Rechtlosen auch den Schandlohn von drei Dutzend Euro im Monat und zwar zur Gänze! Auch hier: kein Widerstand, weder von Parteien, noch Behindertenverbänden, Gewerkschaft und Arbeiterkammer.«

Der Dozent beendete seine Notizen und steckte den Block in sein Jackett.

»Dass die Krise auf allen Ebenen zu einer Verschärfung der sozialen Verhältnisse führt, ist mittlerweile bekannt. Aber dass die Schäbigkeit der Sozialpolitik soweit geht, behinderten Arbeiterinnen und Arbeitern nicht nur den Job wegzunehmen, sondern jegliche Unterstützung zu streichen – auf diese Schurkerei mussten die Damen und Herren des Sozialstaats erst einmal kommen.«

Mit diesen Worten kippte er den Wein in eine Tischvase.

»Zu sauer?« fragte Groll.

»Untrinkbar«, bekräftigte der Dozent. »Lassen Sie uns aufbrechen.«

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