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Aus: Behindertenpolitik, Beilage der jW vom 02.09.2020
Behindertenpolitik

Gramscis Buckel

Der italienische Philosoph und marxistische Theoretiker hatte zeitlebens mit körperlichen Einschränkungen zu kämpfen – und blieb ungebrochen
Von Udo Sierck
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Antonio Gramsci (1891–1937)

Es ist weithin bekannt, dass der 1891 auf Sardinien und in ärmlichen Verhältnissen geborene Antonio Gramsci ein bedeutender marxistischer Philosoph und Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens war. Weniger bekannt ist, dass Gramsci eine körperliche Beeinträchtigung hatte, die seinen Werdegang und wahrscheinlich auch seine intellektuelle Entwicklung beeinflusste. Als er drei Jahre alt war, ließ ihn ein Kindermädchen zu Boden fallen. Der Unfall verursachte bei ihm einen Buckel sowie Wachstumsprobleme. Als Erwachsener war Gramsci kaum einen Meter fünfzig groß. Frühe therapeutische Versuche, seinen Körper zu strecken, erwiesen sich als ungeeignet und vergeblich. Während seiner Kindheit lebte er zurückgezogen und las viel, da er, wie es in der Gramsci-Biographie von Guiseppe Fiori heißt, wegen seiner Behinderung nicht mit anderen Kindern spielen konnte. Seine gesundheitliche Verfassung plagte ihn zeit seines Lebens. »Als ich vier war«, erinnerte er sich später, »hatte ich einmal drei Tage lang Krämpfe und verlor so viel Blut, dass ich völlig entkräftet war. Die Ärzte gaben mir keine Chance mehr, und meine Mutter hat bis 1914 den Kindersarg und das Totenhemd aufgehoben, die sie schon für meine Beerdigung gekauft hatte.«

Die Schriftstellerin Nora Bossong spekuliert in ihrem Roman »36,9°« von 2015 darüber, welche Bedeutung es für Gramsci hatte, dass er von relativ kleiner Statur war: »Wenn jemand klein war und ausgerechnet als Mann, wenn er sowenig maß, dass es den anderen wie eine Verwachsenheit (…) erschien, dann sollte er sich entweder an einem bestimmten Punkt des Lebens von der Sinnlichkeit verabschieden, und je früher, desto besser, desto weniger Quälerei, dann sollte er sich ein Gehäuse aus Gedanken bauen (…) und sich dorthinein zurückziehen. Das war die eine Möglichkeit. Oder aber er trainierte sich ein solches Übermaß an Sinnlichkeit an, dass sie die Umgebung stutzig machte, dass (…) niemand mehr sah, wer er war oder was oder wie groß.«

Dank eines Stipendiums konnte Gramsci an der Universität Turin ein Philosophiestudium beginnen, das er aufgrund finanzieller Schwierigkeiten der Familie jedoch aufgeben musste. Bereits im Gymnasium und später als Student suchte Gramsci Kontakt zur sozialistischen Arbeiterbewegung. Innerhalb weniger Jahre stieg er zu einem führenden Politiker der Linken auf. 1924 wurde er Parlamentsabgeordneter und Generalsekretär der drei Jahre zuvor gegründeten KPI. Bei einem Sanatoriumsaufenthalt in Moskau lernte er 1922 die Violinistin Julca Schucht kennen. Beide verliebten sich ineinander und heirateten ein Jahr später. Das Paar sollte zwei Söhne haben, Delio und Giuliano.

Nach Lenins Tod kam es Mitte der 1920er Jahre zu Machtkämpfen innerhalb der KPdSU. Anlässlich des Vorgehens Stalins gegen die »linke Opposition« um Leo Trotzki, Lew Kamenjew und Grigori Sinowjew verfasste Gramsci im Oktober 1926 ein Schreiben an die Kommunistische Internationale, in dem er vor »übertriebenen außerordentlichen Maßnahmen« warnte. »Die Genossen Sinowjew, Trotzki, Kamenew haben in starkem Maße dazu beigetragen, uns für die Revolution zu erziehen; sie haben uns einige Male sehr energisch und ernst korrigiert; sie waren unsere Lehrer.« Das ZK-Mitglied Palmiro Togliatti leitete den Brief nicht an die Komintern weiter, wahrscheinlich auch, um seinen Freund und Genossen zu schützen.

Kampf um die Köpfe

Gramsci wurde im November 1926 von Mussolinis Faschisten verhaftet. Im Gefängnis fertigte er umfangreiche Notizen an. Die so entstandenen 32 Gefängnishefte sollten seinen späteren Ruf als marxistischer Theoretiker begründen. Häufig zitierte Gedanken sind, dass alle Menschen Intellektuelle seien, aber nicht alle die Funktion von Intellektuellen hätten. Man müsse geduldige Menschen schaffen, die auch angesichts der schlimmsten Schrecken nicht verzweifeln und sich nicht an jeder Dummheit begeistern. Die Herrschaft des Kapitals, so Gramsci, beruhe auf »Hegemonie«, auf einer Kombination aus Zwang und Konsens. In der »Zivilgesellschaft« gelte es daher, um politische und kulturelle Meinungsführerschaft zu kämpfen – sei es in der Schule, im Betrieb, in der Presse oder innerhalb der Kirche. Nur wer Mehrheiten in diesem »Kampf um die Köpfe« hinter sich versammle, könne den politischen Kampf gegen die herrschende Klasse gewinnen.

Seit 1931 saß Gramsci in Einzelhaft. Er wurde vom Wachpersonal schikaniert und nachts häufig geweckt. Seine Mithäftlinge meinten, er könne nicht Gramsci sein, denn der sei sicher ein Riese von Gestalt. »Das habe ich auch immer gedacht«, erwiderte Gramsci, »aber weißt du was? Es stimmt nicht, ich habe nachgemessen.«

Die Briefe seiner Frau wurden von sowjetischen Behörden überwacht und ihr Versand verzögert. Unter diesen Umständen wurde Julcas in Italien lebende Schwester Tanja zu einer wichtigen Vertrauten. In einem Brief drängte er seine Schwägerin, Julca davon zu überzeugen, dem Sohn Delio seine Einkerkerung nicht zu verschweigen: »Ich jedenfalls erinnere mich, dass mich jede Ausflucht verletzt hat und nur zur Folge hatte, dass ich mich verschloss und absonderte, auch wenn man mir damit etwas verheimlichen wollte, das mir hätte wehtun können; mit ungefähr zehn Jahren war ich für meine Mutter eine wahre Qual. Ich war ein solcher Ehrlichkeits- und Wahrheitsfanatiker geworden, dass ich Szenen und Skandale provozierte.« An Delio schrieb er: »Ich glaube, dass die Geschichte Dir gefällt, wie sie auch mir gefiel, als ich so alt war wie Du – weil sie von lebendigen Menschen handelt. Und alles was die Menschen betrifft, alle Menschen der Welt, die sich zu einer Gesellschaft zusammenschließen, arbeiten, für ein besseres Leben kämpfen, muss Dir doch mehr gefallen als alles andere.«

Die Menschenwürde bewahren

Wegen seiner schweren Erkrankung wurde Gramsci 1937 unter Auflagen aus dem Gefängnis entlassen. Bald darauf starb er mit nur 46 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls in einer von der Polizei bewachten Klinik in Rom. Die Torturen der Haftbedingungen hatten seine körperlichen Kräfte aufgezehrt, er litt an Lungentuberkulose, Asthma, Gicht und extrem hohem Blutdruck. Kurz vor seiner Verurteilung 1928 hatte er einen liebevollen Brief an seine Mutter gesandt, der sich bereits wie ein endgültiger Abschied liest: »Ich möchte, dass Du verstehst und fühlst, dass ich ein politischer Gefangener bin und dass ich mich dessen nicht schäme und nie schämen werde. Ich möchte Dir sagen, dass ich es im Grunde nicht anders gewollt habe, weil ich nie meine Meinung aufgeben wollte, und ich bin bereit, dafür nicht nur ins Gefängnis zu gehen, sondern sogar mein Leben zu opfern. Deshalb kann ich ruhig und mit mir selbst zufrieden sein.« Der Brief endet mit dem Satz: »Das Leben ist sehr hart, und manchmal müssen die Kinder ihren Müttern großes Leid zufügen, wenn sie ihre Ehre und Menschenwürde bewahren wollen.«

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Doris Prato: Tief ergreifend Der Artikel trägt dazu bei, diese Seite des Lebens Gramscis zu vertiefen. Ganz so unbekannt ist sie aber nun auch nicht. Zunächst eine Korrektur: Gramsci wurde erst 1926 auf dem illegalen Lyoner Part...
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