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Aus: Behindertenpolitik, Beilage der jW vom 02.09.2020
Behindertenpolitik

»Nur Gemeinsamkeit macht stark«

Ein Gespräch mit Hannelore Witkofski über Pränataldiagnostik, Inklusion und Medien
Von Interview: Michael Zander
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Kundgebungsteilnehmerin auf der »Pride Parade« in Berlin-Neukölln (Mai 2013)

Vor mehr als 30 Jahren veröffentlichte die Zeitschrift Konkret (Heft 4/1989) ein Streitgespräch zwischen Aktiven aus der damaligen »Krüppelbewegung« einerseits und der Frauenbewegung andererseits. Gegenstand des Streits waren die damals neu aufkommenden Technologien der Pränataldiagnostik, PND. Viele Feministinnen sahen darin eine Erweiterung der Selbstbestimmungsmöglichkeiten von Schwangeren. Franz Christoph (19531996) und Sie vertraten die Seite der westdeutschen Behindertenbewegung. Wie kam es zu dem Gespräch, und was waren Ihre Einwände gegen Pränataldiagnostik?

Das Gespräch kam zustande, weil ein Teil der Teilnehmerinnen miteinander befreundet war und weil wir auf die mit der PND verbundenen Gefahren hinweisen wollten, ohne gleichzeitig ein grundsätzliches Abtreibungsverbot zu unterstützen. Als Gefahr der PND sahen wir, dass Embryonen, deren Behinderung vor der Geburt feststellbar war, zunehmend abgetrieben werden würden. Auch in den 1980er Jahren war die Gesellschaft noch durchaus von nazistischen Wertvorstellungen beeinflusst. Außerdem befürchteten wir, dass im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts – vor allem der Gentechnologie – die Gesellschaft die Frage aufwerfen würde, ob Kinder, die mit einer Behinderung geboren werden, nicht auch postnatal von ihren vermeintlichen Leiden »erlöst« werden könnten. Wie recht wir mit unseren Befürchtungen hatten, bewies Peter Singer, der in seinen Büchern »Praktische Ethik« (dt. 1984) und »Muss dieses Kind am Leben bleiben?« (dt. 1993) genau diese Frage aufwarf und den Eltern das Recht zusprechen wollte, ihr behindertes geborenes Kind bis sechs Wochen nach der Geburt töten lassen zu dürfen.

Seit damals haben sich die Bedingungen verändert. Heute gibt es unter anderem die nichtinvasive PND, zum Beispiel einen Bluttest, der die Wahrscheinlichkeit für Trisomie 21 beim werdenden Kind feststellen soll. Und es gibt rechte, antifeministische Gruppen und fundamentalistische Abtreibungsgegner, die Schwangeren das Recht auf Abtreibung nehmen wollen und behaupten, »Selektion« verhindern zu wollen. Andererseits sind die feministische und die Behindertenbewegung heute stärker in der breiten Öffentlichkeit vertreten. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Eine weitere Bestätigung für unsere damaligen Befürchtungen ist, dass Schätzungen zufolge mehr als 90 Prozent der Schwangeren mit einem »positiven« Testergebnis auf Trisomie 21 sich für einen Abbruch entscheiden (spiegel.de, 15.3.2017). Außerdem werden immer weitere Tests entwickelt, um möglichst viele Formen von Behinderung pränatal feststellen zu können. Den Frauen werden diese Tests als Vorsorgemaßnahmen angeboten, obwohl mit ihnen bisher keine Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Nicht die Methode der Pränataldiagnostik ist das Problem, sondern das Ziel des Abbruchs, und das hat sich seit damals nicht verändert. Auch wenn die Politik immer wieder den Eindruck erweckt, als ob Menschen mit Behinderung zunehmend ein Teil der Gesellschaft seien, ist das Augenwischerei. Deutlich wird das, wenn die Politik nicht gewillt ist, uns bei Entscheidungen einzubeziehen, die für uns von lebenswichtiger Bedeutung sind. Zur Zeit betrifft dies gerade das Intensivpflegegesetz und ebenso die Triage-Empfehlungen mehrerer ärztlicher Fachgesellschaften (siehe Beitrag auf Seite ##, jW).

In anderen Bereichen sieht es nicht viel besser aus. Unsere Darstellung in den Medien läuft oft immer noch nach zwei Mustern: Das Publikum denkt entweder »ach, wie schrecklich« oder freut sich, dass einer es geschafft hat. Ich warte noch immer darauf, dass die 20-Uhr-»Tagesschau« von jemandem gesprochen wird, der eine sichtbare Behinderung hat. Das wäre Inklusion. Oder man stelle sich einen Spielfilm vor, in dem mindestens zehn Prozent der Schauspielerinnen und Schauspieler merkbar behindert wären.

Was würden Sie Schwangeren oder werdenden Eltern sagen, die fürchten, dass ein Leben mit einem behinderten Kind sie überfordern würde?

Ich würde solche Eltern zu einer Vereinigung von Eltern schicken, die selbst ein Kind mit der betreffenden Behinderung haben. Außerdem würde ich ihnen erklären, dass die meisten Behinderungen nicht von Geburt an vorhanden sind, sondern durch Unfall, Krankheit oder Alter im Lauf des Lebens entstehen. Im übrigen hört man immer wieder, dass auch Eltern von Kindern ohne Behinderung sich manchmal überfordert fühlen. Eventuell würde ich die Eltern einladen, mir ein Wochenende lang zu assistieren.

In den 1970er Jahren stand die westdeutsche Behindertenbewegung der radikalen Linken nahe, heute ist ein linkes Profil nicht immer erkennbar. Sie sind seit Jahrzehnten aktiv in dieser Bewegung und vertreten linke Positionen. Besteht zwischen beidem ein Spannungsverhältnis?

Seit den 1970er Jahren hat sich die radikale Linke mehrfach verändert und auch die Behindertenbewegung. Während damals mehr die kapitalistischen Verhältnisse im Vordergrund standen, geht es heute stärker um die Menschenrechte. Für die Bewegung wäre es wichtig, die UN-Behindertenrechtskonvention wirklich durchzusetzen. Die darin formulierten Menschenrechte stehen bis jetzt oftmals nur auf dem Papier

Einige Personen der »Krüppelbewegung«, die damals am stärksten der radikalen Linken zugeordnet wurden, sind entweder leider viel zu früh gestorben oder sie sind heute in verschiedenen Bereichen der Behindertenarbeit aktiv und versuchen, unsere Forderungen zu realisieren. Zum Glück wachsen auch junge Menschen nach. Hinzu kommen die neuen digitalen Möglichkeiten, mit denen es gelingt, neue Formen von Protest zu entwickeln, und wenn es notwendig wird, auch zu großen Aktionen, Demonstrationen etc. zu mobilisieren. Im großen und ganzen gibt es keine bedeutenden Querelen zwischen den verschiedenen Behindertengruppen, denn zum Glück wissen die meisten: Nur Gemeinsamkeit macht stark.

In der Behindertenbewegung hat es mittlerweile einen Generationenwechsel gegeben. Was wünschen Sie sich für die Gegenwart und Zukunft dieser Bewegung?

Ich wünsche mir, dass die UN-Behindertenrechtskonvention endlich umgesetzt wird, damit wir nicht weiterhin unsere Kraft in Abwehrkämpfe stecken müssen, anstatt unser selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung zu genießen. Deshalb wünsche ich mir, dass trotz Corona möglichst viele kreativ und laut werden. Schließlich wünsche ich mir von den Medien, dass dort mehr behinderte Redakteurinnen und Redakteure eingestellt werden und dass darauf geachtet wird, dass der Umfang der Berichte zu entsprechenden Themen unserem Bevölkerungsanteil entspricht. Auch in den Medien wollen wir ernst genommen werden.

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