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Aus: Kapital und Monopol, Beilage der jW vom 10.06.2020
Kapital und Monopol

Steigende Schulden, faule Kredite

Im Zuge der Coronakrise steigt die Risikobereitschaft von Investoren. Pläne für »Bad Banks« in der Euro-Zone
Von Simon Zeise
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»Schluss mit Armut und Erwerbslosigkeit« (­Salem/Oregon, 1939)

Die Weltwirtschaft schlittert in eine große Depression. David Graeber, dessen Buch »Schulden. Die ersten 5.000 Jahre« 2011 große Diskussionen auslöste, befürchtet, dass die Fehler der Finanzkrise von 2008 wiederholt werden. Damals habe es zeitweilig eine öffentliche Debatte gegeben: »Man hat endlich grundsätzliche Fragen gestellt: Was ist Geld? Was sind eigentlich Schulden? Aber irgendwann hat man plötzlich entschieden: ›Halt, wir lassen das jetzt wieder. Lass uns so tun, als sei das alles nie passiert! Lass uns alles wieder so machen wie vorher!‹, sagte Graeber zu Zeit online am 31. März. »Und die neoliberale Politik und die Finanzindustrie haben einfach so weitergemacht.«

Die Vorschriften für Banken wurden in den vergangenen Jahren immer weiter gelockert. Weil die Regierungen in den USA und in der EU einen strikten Kürzungskurs verfolgen, Löhne niedrig gehalten werden und staatliche Investitionen gering ausfallen, sind die Notenbanken eingesprungen, um die Kreditvergabe anzukurbeln. Es wird viel Geld in Umlauf gebracht, doch findet es nicht den Weg in den Produktionskreislauf.

Mehr Schattenbanken

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hat sich in ihrem Quartalsbericht im März besorgt über eine zunehmende Risikobereitschaft von Investoren auf den Kreditmärkten geäußert. Dabei verwies sie auf den seit der Finanzkrise 2008 kräftig angewachsenen Schattenbankensektor. Private Equity Fonds (PE) konnten profitieren, da sie höhere Renditen abwarfen als die klassischen Geldhäuser. Bei den wichtigsten US-amerikanischen Fonds stieg das verwaltete Vermögen zwischen 2012 und 2018 um durchschnittlich 17 Prozent pro Jahr. 2018 beliefen sich die vergebenen Kredite auf 430 Milliarden US-Dollar.

Die im Schnitt um zwei Prozent höhere Rendite habe entscheidend dazu beigetragen, Investoren wie Pensionsfonds und Versicherungsunternehmen anzuziehen, die ihre Portfolios mit Krediten für überschuldete Unternehmen (Leveraged ­Loans) und verbriefte Schuldverschreibungen (Collateralized Loans Obligations) erweitert hätten. »Diese Anleger haben stärkere Anreize, nach Rendite zu streben, da sie häufig die absoluten Renditeziele erreichen müssen«, erläuterte die BIZ das Motiv der Finanzhaie.

Während die Gesamtzahl der Börsengänge in den USA zwischen 1995 und 2018 von 461 auf 134 erheblich zurückging, sei der Anteil der Börsengänge von Unternehmen, die von PE-Unternehmen unterstützt wurden, von 47 Prozent auf 78 Prozent gestiegen. Die BIZ warnt: Kredite seien zu lockeren Konditionen vergeben worden. Neubewertungen könnten, insbesondere in Zeiten mit eingeschränktem Zugang zu Großhandelskrediten, für einige Kreditgeber besonders nachteilig ausfallen und zu erheblichen Verlusten führen.

Die Spekulation treibt Blüten: Weltweit ist das Volumen außerbörslich gehandelter Derivate auf 559 Billionen US-Dollar angewachsen. Mit diesen hochriskanten Anlagen wird auf zukünftige Erträge gewettet, der Spekulant muss den zu handelnden Vermögenswert dabei aber nicht besitzen.

Soweit zur Situation vor der Corona­krise. Und was passiert, wenn massenhaft Unternehmen pleite gehen und ihre Kredite nicht mehr bedienen können?

Pandemie legt Schwächen offen

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihr Anleihenkaufprogramm bereits drastisch ausgeweitet. Neben dem Nothilfepaket in Höhe von 1,35 Billionen Euro setzt sie noch das bereits laufende Programm von rund 300 Milliarden Euro um. Dazu kommt ein Kreditpaket für die Banken der Euro-Zone mit einem Volumen von drei Billionen Euro. Präsidentin Christine Lagarde sagte am 4. Juni , der EZB-Rat behalte es sich vor, unter bestimmten Umständen auch stark ausfallgefährdete »Junk Bonds« zu erwerben.

In den Bankbilanzen türmen sich faule Kredite zuhauf. Seit 2015 sind diese zwar weltweit um 27 Prozent reduziert worden. US-Banken haben im Schnitt 36 Prozent der ausfallgefährdeten Kredite abgebaut. Geldhäuser in der EU schafften es nur, 20 Prozent der Schrottpapiere loszuwerden. Dies sind aber immer noch 529 Milliarden Euro. Die europäische Bankenaufsicht EBA geht davon aus, dass fast die Hälfte der Banken in der EU noch immer nicht in der Lage ist, ihre Kapitalkosten zu verdienen! Die Ausweitung der Kreditvergabe hat Folgen. Der Schuldenstand von Italien könnte in diesem Jahr auf 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zulegen.

Die griechische Regierung spielt bereits öffentlich mit dem Gedanken, eine »Bad Bank« zu gründen, in der Schrottpapiere mindestens drei Monate lang gebündelt werden sollen. Ausfallgefährdete Kredite griechischer Banken sind seit den Erpressungen der Troika aus IWF, EZB und EU seit 2010 auf 70 Milliarden Euro angestiegen. Weitere zehn Milliarden Euro sind seit dem Ausbruch der Coronakrise dazugekommen. Den Plan müsste sich Athen noch von der EU-Bankenaufsicht genehmigen lassen. Die hat wegen der Coronakrise sogar die Gründung einer Bad Bank für die gesamte Euro-Zone erwogen. Das Vorhaben ist nicht neu. Bereits 2017 hatte es der damalige Chef der Behörde, der Italiener Andrea Enria, die Einrichtung einer solchen Institution empfohlen, war aber unter anderem am Widerstand Deutschlands gescheitert.

In den Bankentürmen in Frankfurt will man auch heute nichts von Unterstützung für Südeuropa wissen: Gerhard Hofmann, Vorstandsmitglied der Volks- und Raiffeisenbanken sagte der FAZ am 21. April: »Der Vorschlag der EZB suggeriert, dass die nächste Bankenkrise kurz bevorsteht.« Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling quittierte den Vorschlag mit den Worten: Den deutschen Banken gehe es in der Coronakrise »den Umständen entsprechend noch gut«. Er erwarte, »dass die Belastungen im dritten und vierten Quartal deutlich zunehmen werden«, äußerte er gegenüber dem Handelsblatt vom 23. April.

So klammern sich die deutschen Banker an ihr Geld. Ob es ihnen langfristig helfen wird? Der an der Universität Princeton lehrende Wirtschaftshistoriker Harold James sagte dem Magazin Capital Ende April: »Natürlich türmen sich derzeit überall gewaltige Schuldenberge auf, das geht auch gar nicht anders.« Es werde »Schuldenschnitte geben müssen, wie jene, von denen Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg profitiert hat«.

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