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Aus: Kinder, Beilage der jW vom 27.05.2020
Corona

Macht ja nichts

So ist Kindergarten: Eindrücke aus der Notbetreuung in Brandenburg
Von Julia Müller
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In der Mitte mit verschränkten Armen steht Akissi. Warum wir Heldinnen wie sie gerade noch mehr brauchen als sonst, steht auf der nächsten Seite

Max (5): »Ich spiele jetzt gegen mich selber Schach – das ist kompliziert, weil ich mit beiden Seiten gewinnen will!«

Max’ Schachbrett ist zwar ein Halmabrett, aber Kinder legen die Realität ebenso frei aus wie die großen Leute. Ein Beispiel wäre die Frage, wie viele Kinder eigentlich in der Notbetreuung eines Kindergartens pro Raum betreut werden dürfen. Antwort unseres Jugendamtes: Bei Krippenkindern sind fünf erlaubt. Bei über Dreijährigen sieht die Sache schon anders aus: »Für den Kindergarten und Hortbereich sind auch höhere Belegungen pro Raum zulässig und vertretbar.« Aha, wissen wir alle super Bescheid!

Mittlerweile ist aus der strengen »Eindämmungsverordnung« – in der ersten Woche waren um die zehn Kinder in der Notbetreuung – wohl eher eine Flutverordnung geworden. In Woche sechs lagen wir bei 50 Kindern in der Notbetreuung. Ab Woche sieben waren es 75 und ab Woche acht schon 110 erlaubte Notbetreuungsplätze! Das sind 66 Prozent der Gesamtkapazität des Regelbetriebs. Zur Erinnerung: Zu Beginn der Massenquarantäne wollte man keinesfalls mehr als zehn Prozent der Kinder einer Einrichtung notbetreuen lassen. Dann waren es recht schnell 20 Prozent. Die Kindertagesstätten und ihre Betreuungszahlen folgen also eher den Gesetzen der Börse als Sachgründen oder gar der Vernunft, denn die Erzieher werden Gefahren ausgesetzt, die niemand recht einschätzen kann. Bis zum heutigen Tag nicht. Und getestet wird gar nicht.

Alle reden über Krankenhäuser und Altenheime und darüber, wie schwierig es dort ist, die hygienischen Sonderstandards zu halten. Fragt jemand nach den Kindergärten? Erzieher haben oft keine Einweghandschuhe. Es gab in den ersten sechs Wochen der Massenquarantäne schlicht keine zu kaufen. Sie gehören aber zur Grundausstattung, unter anderem beim Windeln oder beim Beseitigen von Erbrochenem. Wer vorher nicht gehortet hatte, sah ziemlich alt aus. Auch Desinfektionsmittel für Oberflächen oder Hände standen nicht zum Verkauf.

Übrigens tragen die Pädagogen bei uns selbstverständlich keinen Mundschutz! Kinder unter drei finden das nicht sehr witzig, wenn Monster mit maskierten Gesichtern um sie herumschwirren; und selbst die größeren Kinder sind so gut wie unmöglich mit Mundschutz zu betreuen.

Noch mal zurück zu den Kleinen: »Julia, ich will noch Milch, bitte.« Ich hebe entschuldigend die Schultern und gebe kund, dass die Milch alle sei. Anna faltet ihre Hände wie ein Prophet auseinander: »Macht ja nichts, da trinken wir eben Kakao!« Und die anderen stimmen ein: »Ja, yippie! Kakao! Kakao!« So ist Kindergarten! Und nicht anders.

Julia Müller ist Kitaleiterin in Ostbrandenburg

Wer hat Angst vor wem?

Diejenigen, die sich nicht scheuen, gegen Faschismus, Rassismus, Krieg und Ausbeutung einzutreten? Die dafür mit Verfolgung und Repression rechnen müssen? Oder diejenigen, die Verfassung und die herrschenden Verhältnisse »schützen«?

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