Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
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Aus: Antifaschismus, Beilage der jW vom 06.05.2020
75 Jahre Befreiung vom Faschismus

»Reißt die Judensterne ab«

Kommunist, Spanienkämpfer, interniert in Frankreich, Häftling in Auschwitz und Buchenwald, Rundfunkintendant in der DDR: Aus dem Leben von Kurt Julius Goldstein
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Berlin, Mai 1945: Flugblätter mit dem Text der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands

Im Verlag Edition Ost erschien 1996 die Biographie des jüdischen Kommunisten Kurt Julius Goldstein (1914–2007), verfasst von den Schriftstellern Rosemarie Schuder (1928–2018) und Rudolf Hirsch (1907–1998): »Nr. 58866: ›Judenkönig‹«. 2004 veröffentlichte der Papyrossa-Verlag eine zweite Auflage.

Goldstein war seit 1930 Mitglied der KPD, Soldat in den Internationalen Brigaden im Spanien-Krieg, wurde nach dessen Ende in Südfrankreich interniert, an die Nazis ausgeliefert und nach Auschwitz deportiert. Er verrichtete Sklavenarbeit in einer Kohlengrube und war Zeuge der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar. Nach 1945 arbeitete er zunächst für die KPD in seiner Heimatstadt Dortmund, siedelte 1951 in die DDR über und war seit 1956 beim Rundfunk tätig, von 1969 bis 1978 als Intendant des Deutschlandsenders (ab 1971 Stimme der DDR). Er war Ehrenpräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Ehrenvorsitzender der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) und berichtete bis zu seinem Tod unermüdlich vor allem in Schulen als Zeitzeuge. Hier folgt ein Auszug aus seiner Biographie. Wir danken der Edition Ost für die freundliche Genehmigung zum Abdruck.

Am 4. April 1945 hatte die SS-Lagerführung beschlossen, alle Juden zu erfassen. Sie sollten abtransportiert werden. Der Lagerälteste, der kommunistische Häftling Hans Eiden aus Trier wurde ans Lagertor gerufen, dort wurde ihm der Befehl erteilt, er solle dafür sorgen, dass der Abtransport der Juden gesichert sei.

Über Lautsprecher wurde aufgerufen, die Juden sollten antreten. Aber niemand kam. Emil Carlebach, Blockältester im »Judenblock«, sagte: »Reißt die Judensterne ab. Versteckt euch in den anderen Blöcken. Geht nicht aus den Baracken heraus. Die SS will euch Juden evakuieren – ermorden.«

Die Kartothek mit den Namen von 8.000 Juden wurde zerstört.

Wieder wurde Hans Eiden an das Lagertor gerufen. Er habe den Befehl sabotiert. Und er stand vor den SS-Bewachern, bereit, sein Leben für seine Kameraden zu opfern. Er hatte sich vorgenommen, die SS hinzuhalten. Das Leben der Häftlinge zu retten.

Sie wussten durch den Abhördienst der Widerstandsbewegung im Lager, die Rote Armee stand 60 Kilometer vor Berlin. Sie wussten, die Dritte US-Armee unter dem Obersten Befehlshaber Patton hatte am 5. April Gotha, Ohrdruf, Mühlhausen und Suhl besetzt. Danach war von einem weiteren Vorrücken nichts mehr zu hören.

Zu diesem Zeitpunkt war die Zahl der Häftlinge auf mehr als 50.000 gestiegen.

Sie warteten auf die Dritte US-Armee. Doch sie kam nicht. In diesen Tagen des Stillstands versuchte die SS, die Zeugen ihrer Verbrechen, die Häftlinge, zu ermorden. Sie sollten evakuiert und unterwegs in Wäldern und Steinbrüchen getötet werden. Und Evakuierungstransporte sowjetischer Kriegsgefangener und polnischer und tschechischer Häftlinge waren in Marsch gesetzt worden. Einige Häftlinge dieser Transporte hatten von der illegalen militärischen Organisation Handfeuerwaffen, Handgranaten und Dolche bekommen, sie sollten versuchen, sich mit allen Inhaftierten unterwegs zu befreien und zur nahen Front zu gelangen. (…)

Es vergingen die Tage. Und jeder Tag kostete ermordete Häftlinge. Der 8., der 9., der 10. April. Keine Hilfe. Im Lager lebten noch 21.000 Häftlinge. Zu diesem Zeitpunkt waren nach den Erkenntnissen des illegalen Aufklärungsdienstes 2.800 bis 3.000 SS-Bewacher in Buchenwald. Um das Leben der Häftlinge zu schonen, musste man noch weiter auf das Heranrücken der amerikanischen Streitkräfte warten. Nur entfernter Geschützdonner ließ ahnen, dass die Dritte US-Armee nun endlich den Vormarsch fortsetzte.

Das illegale Lagerkomitee beschloss in der Nacht vom 10. auf den 11. April den bewaffneten Aufstand für den 11. April. Die illegalen Militäreinheiten wurden in Alarmbereitschaft gesetzt.

Die illegalen militärischen Gruppen der Häftlinge holten in den Morgenstunden des 11. April Waffen aus den Verstecken, aus dem Kohlenschuppen beim Block 50, aus Block 7 und Block 54.

Angesichts der für sie bedrohlichen und unbegreiflichen Entschlossenheit der Häftlinge floh um die Mittagszeit die Führungsspitze der SS. Aber die Wachttürme blieben besetzt, um das Lager wurden SS-Postenketten gezogen. (…) 14.30 Uhr erteilte der Leiter der illegalen Militärorganisation in Übereinstimmung mit dem illegalen Internationalen Lagerkomitee den Befehl zum Losschlagen.

Die SS-Leute auf den Wachtürmen wurden überwältigt. Fanatiker unter ihnen, die an die Wunderwaffe des Führers und den Endsieg glaubten, und Kleinlaute, die vor der Macht der Häftlinge mehr zitterten als vor den heranrückenden Amerikanern. Die ersten 120 gefangenen Bewacher kamen in den Block 17. Die politischen Häftlinge sorgten dafür, dass Racheakte unterblieben. (…) Viele der niederen SS-Chargen waren dem Vorbild ihrer Führer gefolgt, sie waren geflohen. (…)

Endlich, nachdem die Entscheidung gefallen war, die letzten SS-Leute entwaffnet und gefangengesetzt, gegen 15.40 Uhr kamen amerikanische Panzer. Vierzig Stunden später wurde das Konzentrationslager von einer Abteilung der Dritten US-Armee übernommen. (…)

An einem Aprilabend, wenige Tage nach der Befreiung, saßen die Männer zusammen, die für die Versorgung des Lagers verantwortlich waren. Sie trugen immer noch die Häftlingskleidung. Der Franzose neben Julius betrachtete ihn aufmerksam, mit Verwunderung, sagte: »Kamerad, du hast aber einen falschen Winkel dran. Da fehlt doch das F.« (für »Franzose«, jW)

Julius erklärte: »Nein, nein, das fehlt nicht. Jetzt habe ich meinen richtigen Winkel, den einfachen roten Winkel des deutschen politischen Gefangenen. Ich bin ein deutscher Kommunist.« Und er erzählte, wie er sich, von Auschwitz kommend als Franzose hatte registrieren lassen, um nicht noch am Ende von den Nazis als Jude vergast zu werden.

Der Franzose fragte: »Du bist Jude?«

Julius antwortete: »Ja.«

»Und du willst hier unter den Boches bleiben? Bei den Mördern? Bei denen, die Juden erschlagen und vergast haben? Komm mit uns nach Frankreich.«

»Aber ich bin Deutscher. Man kann sich das Land nicht aussuchen, in dem man geboren wird. In Deutschland ist Grauenhaftes geschehen. (…)

Ich werde hier in Deutschland bleiben und mit meinen Kameraden ein neues, ein antifaschistisches, demokratisches Deutschland aufbauen. Und du gehe nach Frankreich zurück. Säubere es von der Schande, die die Kollaborateure Pétain und Laval über euer Land gebracht haben. Und in ein paar Jahren werden wir uns hier wieder in Buchenwald treffen. Unsere Erfahrungen austauschen und sehen, wie weit jeder in seinem Land gekommen ist. Und bei diesem großen Werk wünschen wir uns gegenseitig viel Glück.«

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