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Aus: Antifaschismus, Beilage der jW vom 06.05.2020
75 Jahre Befreiung vom Faschismus

Um 14.25 Uhr auf dem Reichstag

Am 2. Mai veröffentlichte das russische Verteidigungsministerium zum Teil bisher unbekannte Dokumente aus der Kriegs- und Besatzungszeit
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April 1945 in der Nähe der Seelower Höhen: Der einzige Überlebende einer Panzerbesatzung

Am 2. Mai 1945 kapitulierte der »Kampfkommandant« der Wehrmacht in Berlin, Helmuth Weidling, vor der Roten Armee. Aus diesem Anlass veröffentlichte das russische Verteidigungsministerium auf der Internetseite berlin75.mil.ru zum Teil unveröffentlichte Dokumente und Fotografien, darunter ein Telegramm der 1. Belorussischen Front vom 30. April an das Oberkommando in Moskau mit einem Bericht über die Erstürmung des Reichstags:

Per Direktkabel

Freigegeben

An den Obersten Befehlshaber ­Marschall der Sowjetunion Genossen Stalin

Kampfbericht Nr. 00635/Stab der ­Belorussischen Front 1630.304.45

Der Feind zeigt hartnäckigen Widerstand gegen unsere Truppen, die sich in Berlin befinden.

Jede Straße, jedes einzelne Haus, Wohnung, Zimmer, Keller werden vom Gegner ausdauernd verteidigt und von ihm in Stützpunkte und Verteidigungsposten verwandelt.

Besonders hartnäckigen Widerstand leistete der Feind im Gebiet des Reichstags. Auf dem Gelände und in den Räumen des Hauptgebäudes des Reichstags ging der Kampf in andauernde Nahkämpfe über.

Ausgewählte Verbände der SS verteidigten den Reichstagsbezirk. Zur Verstärkung der Verteidigung dieses Bezirks hat der Feind in der Nacht zum 28. April 1945 ein Bataillon der Marineinfanterie mit Fallschirmen abgesetzt.

In Fortsetzung der Offensive und der Brechung des feindlichen Widerstands nahmen Teile der 3. Stoßarmee das Hauptgebäude des Reichstags ein und hissten um 14.25 Uhr am 30. April 1945 auf ihm die sowjetische Flagge.

In den Kämpfen um den Reichstagsbezirk und sein Hauptgebäude zeichneten sich die Verbände der 3. Stoßarmee des Generaloberst Kusnezow, des Kommandanten des 79. Schützenkorps Generalmajor Perewjortkin, des Kommandanten der 171. Schützendivision Generalmajor Negoda und des Kommandanten der 150. Schützendivision Generalmajor Schatilow aus.

Die Offensive in Berlin wird fortgesetzt, die Truppen der Front erfüllen den von Ihnen gestellten Auftrag bis zum Sieg.

Kommandeur der 1. Belorussischen Front

Marschall der Sowjetunion

G. Schukow

Mitglied des Militärrates der 1. Belorussischen Front

Generalleutnant Telegin

Stabschef

Generaloberst Malinin

Im Gegensatz zu den faschistischen Besatzern, die in der Sowjetunion systematisch Museen und Bibliotheken zerstört und geplündert hatten, sicherte die Rote Armee deutsche Kulturstätten. So findet sich unter den veröffentlichten Dokumenten dieser Befehl des Kriegsrates der 8. Gardearmee in Thüringen vom Juli 1945. Anfang des Monats hatte die Rote Armee das Land von der US-Armee übernommen:

Es sind ganztägig besetzte Wachposten zum Schutz a) des Goethe-Archivs, Jenaer Straße 1; b) des Gartenhäuschens Goethes im Park; c) des Museums im Wohnhaus Goethes am Frauenplan in der Stadt Weimar einzurichten.

Die erste Aufstellung der Posten führt Oberleutnant Marutow durch, dem die Verantwortung für den Schutz dieser Objekte vor Zerstörung und Diebstahl übertragen wurde.

In Berlin herrschte im Mai 1945 Hunger, es drohten Epidemien. Mit Datum vom 13. Mai 1945 teilte die Stadtverwaltung auf einem Plakat mit, welche Lebensmittelrationen auf Befehl des sowjetischen Stadtkommandanten General Nikolai Bersarin zugeteilt werden konnten (siehe auch den Artikel von Horst Schützler auf den Seiten 8 und 9 dieser Beilage). Ein Auszug:

An die Bevölkerung der Stadt Berlin

Um die regelmäßige Versorgung der Berliner Bevölkerung mit Lebensmitteln sicherzustellen, hat das Sowjetische Militärkommando der Stadt Berlin der Stadtverwaltung ausreichende Mengen von Lebensmitteln zur Verfügung gestellt.

Gemäß Befehl des Militärkommandanten der Stadt Berlin, Generaloberst Bersarin, sind ab 15. Mai 1945 folgende Lebensmittelrationen pro Person und Tag festgesetzt worden:

Brot

1.) Schwerarbeiter und Arbeiter in gesundheitsschädlichen Betrieben 600 Gramm

2.) Arbeiter, die nicht in schweren oder gesundheitsschädlichen Berufen tätig sind, 500 Gramm

3.) Angestellte 400 Gramm

4.) Kinder, nichtberufstätige Familienangehörige und die übrige Bevölkerung 300 Gramm (...)

Fleisch

1.) Schwerarbeiter und Arbeiter in gesundheitsschädlichen Betrieben 100 Gramm

2.) Arbeiter, die nicht in schweren oder gesundheitsschädlichen Berufen tätig sind, 65 Gramm

3.) Angestellte 40 Gramm

4.) Kinder, nichtberufstätige Familienangehörige und die übrige Bevölkerung 20 Gramm (...)

Bohnenkaffee, Kaffee-Ersatz und echter Tee

Schwerarbeiter und Arbeiter in gesundheitsschädlichen Betrieben: 100 Gramm Bohnenkaffee, 100 Gramm Kaffee-Ersatz und 20 Gramm echten Tee im Monat. (...)

Salz

Für jeden Einwohner monatlich 400 Gramm

Mengen der Versorgung mit Milch, weißem Käse und anderen Milcherzeugnissen werden nachträglich bekanntgegeben.

Verdiente Gelehrte, Ingenieure, Ärzte, Kultur- und Kunstschaffende sowie die leitenden Personen der Stadt- und Bezirksverwaltungen, der großen Industrie und Transportunternehmen erhalten die gleichen Lebensmittelrationen, die für Schwerarbeiter festgesetzt sind. Die Liste dieser Personen muss vom zuständigen Bürgermeister bestätigt werden.

Sonstige technische Angestellte in Betrieben und Unternehmen, Lehrer und Geistliche erhalten die gleichen Lebensmittelrationen, die für Arbeiter festgesetzt sind.

Kranke in Krankenhäusern erhalten Verpflegung entsprechend den Sätzen, die für Arbeiter festgesetzt sind. (...) Die Brotausgabe erfolgt täglich, wobei der Verbraucher das Recht hat, Brot für zwei Tage – und zwar für den Kalendertag und den nächsten Tag – zu erhalten. (…)

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