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Aus: Literatur - Buchmesse Leipzig, Beilage der jW vom 11.03.2020
Arbeiterjugend

Vom Laster gefallen

»Ein Mann seiner Klasse«: Christian Baron erzählt von einer proletarischen Kindheit
Von Michael Bittner
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Auf die Idee, es gäbe in Deutschland keine Klassen mehr, kann nur jemand kommen, der das Glück hatte, in die privilegierte Klasse geboren zu werden. Die Bürgersöhne und höheren Töchter werden von ihren Eltern mit Selbstbewusstsein, guten Manieren und einem ordentlichen Startkapital ausgestattet. Als Hindernisse auf dem Karriereweg tauchen allenfalls noch Sinnkrise und Laktoseintoleranz auf. Sitzen die Bürger dann erst einmal fest im Chefsessel, scheint ihnen völlig klar: Jeder kann es schaffen, denn ich habe es ja auch geschafft. In der obersten Etage sind sie auf Grund unerklärlicher Zufälle nur von ihresgleichen umgeben, während in den unteren Stockwerken die Arbeiterkinder schuften, im Keller die Migranten.

Immer wieder gibt es allerdings Ausnahmen, die es durch Anstrengung, Anpassung und glückliche Umstände aus dem Proletariat ins bürgerliche Milieu schaffen. Diese »Bildungsaufsteiger« sind nicht immer angenehm. Manche von ihnen geben sich in bräsiger Selbstzufriedenheit dazu her, als lebendiges Beispiel für den Schwindel der »Chancengleichheit« zu dienen. Man denke an Gerhard Schröder. Andere hingegen nutzen den Einfluss, den sie durch ihre außergewöhnliche Karriere gewonnen haben, um als Fürsprecher der Benachteiligten aufzutreten. Sie unternehmen den schwierigen und widerspruchsvollen Versuch, die Solidarität mit einer Klasse aufrechtzuerhalten, der sie eigentlich nicht mehr angehören.

Als ein solcher Versuch ist das Buch »Ein Mann seiner Klasse« des Journalisten Christian Baron zu verstehen. Baron erzählt von seiner durch das »Stigma der Armut« gezeichneten Kindheit und Jugend in der Unterschicht von Kaiserslautern. Er hat ein Erinnerungsbuch geschrieben, das zugleich gesellschaftliche Bedeutung besitzt. Er schildert ein proletarisches Milieu, das in der deutschen Literatur sonst kaum vorkommt, schon weil auch die meisten Literaten Akademikerkinder sind. Baron hat für seine Erzählung nicht nur den richtigen, nämlich einen schlichten und doch eindrücklichen Ton gefunden, sondern auch eine passende Form. Abwechselnd erzählt er aus der Perspektive der Erinnerung und in romanhaft vergegenwärtigenden Passagen, wodurch sich in der Struktur des Textes ebenjene Mischung aus Nähe und Distanz zeigt, die auch die Gefühle des Erzählers verwirrt.

Beständig kreist die Erzählung dabei um den Vater, der als ein geradezu typischer »Mann seiner Klasse« erscheint. Als Möbelpacker verdient er sein Geld mit körperlicher Stärke, doch zählt er zu den Schwächsten der Gesellschaft. Gelegentlich rächt er sich an ihr, indem er auf Arbeit klaut und seiner Familie fremde Schätze mitbringt, die »vom Laster gefallen« seien. Das sei zwar »nicht recht«, aber »gerecht«, meint er. Zu einem Protest, der wirklich politisch wäre, findet er jedoch keinen Weg. Seinen Frust baut er statt dessen so ab, wie es schon sein eigener Vater immer tat: Er ergibt sich hemmungslos dem Suff und prügelt regelmäßig Frau und Kinder. Seinen proletarischen Stolz bewahrt er sich, indem er selbst in größter Not jede Hilfe vom »Sozialstaat« verweigert und lieber seine Kinder hungern lässt. Außerdem verschafft es ihm Befriedigung, mit rassistischem Blick wenigstens auf die türkischen »Kameltreiber« herabzusehen.

Barons Buch ist nicht zuletzt ein erschüttertes Bild zerstörerischer und selbstzerstörerischer Männlichkeit. Dieser Vater ist kein Monster, wie seine unbeholfenen Versuche zeigen, seiner Familie ab und zu doch einmal so etwas wie Liebe zu zeigen und abzugewinnen. Aber der Panzer aus halb infantiler, halb brutaler Männlichkeit, in dem er steckt, erweist sich letztlich als undurchdringlich. Immerhin gelingt es ihm nicht, seine eigene Deformation auch an seine Kinder weiterzugeben. Zuflucht findet der junge Christian bei seiner sensiblen Mutter, die jedoch inmitten des materiellen und seelischen Elends in Depression versinkt und früh an Krebs stirbt. Zwei Schwestern der Mutter nehmen sich seiner an, geben ihm ein neues Zuhause und bereiten ihm den Weg zum Abitur. Christian triumphiert nicht nur über die Armut, sondern auch über die staatlichen Armutsverwalter, deren Urteil längst feststand: »Aus denen wird nie was.« Christians Sieg bleibt allerdings ein individueller und ein halber; er ist mit der intellektuellen Entfremdung von seinen Geschwistern erkauft.

Christian Baron hat mit »Ein Mann seiner Klasse« kein im engeren Sinne politisches Buch geschrieben. Auch wer nach Zeichen der Hoffnung für ein wiedererwachendes politisches Klassenbewusstsein sucht, wird von der Lektüre enttäuscht. (Was Baron über die Entfremdung der Linken von der Arbeiterschaft zu sagen hat, steht bereits in seiner vor vier Jahren erschienenen Streitschrift »Proleten, Pöbel, Parasiten: Warum die Linken die Arbeiter verachten«.) Aber das Buch leistet etwas Wichtiges: Es macht mit literarischen Mitteln die Lebenserfahrungen und das Selbstverständnis von Menschen überhaupt erst sichtbar, die in den Medien allenfalls als Material in Reality-Shows verheizt werden. Auf der Straße eilen anständige Bürger mit abschätzigem Blick und zugehaltener Nase an ihnen vorbei. Vielleicht macht man dem Buch das beste Kompliment, wenn man sagt, dass sich mit ihm auch der Autor Christian Baron als »Mann seiner Klasse« erweist.

Christian Baron: Ein Mann seiner Klasse. Claassen-Verlag, Berlin 2020, 288 Seiten, 20 Euro

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