Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Gegründet 1947 Freitag, 5. Juni 2020, Nr. 129
Die junge Welt wird von 2295 GenossInnen herausgegeben
Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan«« Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Der Schwarze Kanal: »Sender Jerewan««
Aus: Literatur - Buchmesse Leipzig, Beilage der jW vom 11.03.2020
Belletristik

Hinter dem Wind

Ein Rockstar muss eben davon ausgehen, hin und wieder in der Reha zu landen: Alexander Krohns unordentlicher Roman »Px«
Von Kai Pohl
S 03 Kopie.jpg

Greift man zu Alexander Krohns neuem Buch »Px«, so hält man ein leichtes Paperback in der Hand, nicht zu dick und nicht zu dünn, mit coolem Cover (das Foto eines Flughafens bei Nacht, dazu ein roter Pfeil, der auf ein Fahrzeug weist), und fragt sich unwillkürlich: Wer oder was ist »Px«? Vielleicht der Fahrer des Transporters? Der abstrakt-wissenschaftlich klingende Titel ist immerhin gebräuchlich als Abkürzung für Pixel, könnte aber auch die Signatur des Piloten Pirx von Stanislaw Lem sein.

Eine zeitgemäße Eigenschaft dieses Werkes, das sich salopp-ironisch zu einem »ordentlichen Roman« erklärt, ist es, ein größtenteils selbsterklärender Meta­text zu sein. So findet sich auf der Rückseite des Buches, offenbar als Hinweis zur Motivation des Autors, ein Zitat von Virginie Despentes: »Alles scheitert, bis es klappt.« Blättert man hinein, erblickt man eine Fotostrecke mit merkwürdigen Kritzelzeichnungen, über die man weder im Impressum noch im Vor- oder Abspann irgend etwas erfährt. Erst beim Lesen wird klar, woher die Bilder kommen. Es sind Souvenirs einer »Scheißpsychiatriezeit«, in die Wände gekratzte Botschaften von Klinikinsassen, die bis in das Jahr 1911 zurückreichen. »Px« ist selbstredend kein ordentlicher Roman, sondern ein autofiktives Prosastück, worin sich biographische Szenen mit erfundenen vermischen. Hier heißt die Machart übrigens »Real fiction«: Virulenz erzeugen mittels Pose und Bluff. Die Herkunft des Buchtitels wird spätestens auf Seite 19 deutlich: Px ist ein Formelzeichen aus der Prädikatenlogik.

Während der Roman gewöhnlich von Personen und Situationen lebt, die facettenreich in eine Handlung eingebettet werden, so speist hier der Plot die Details. Protagonist Px erläutert seine Anschauungen zum Vegetarismus oder warum er seinen Stiefsohn gelegentlich »windabgewandte Seite« nennt. Wir erfahren, wie man die Kommunikationshardware von adoleszenten Medienjunkies nachhaltig unbrauchbar macht. Wir werden Zeugen einer Berechnung, wonach der Sänger, Schlagzeuger und Kunstmaler Ronald L. in seinem Leben ca. 37.400 halbe Liter Bier getrunken haben soll. Diese beiläufigen Mitteilungen fügen sich zu Erinnerungsskizzen und werden dem eher zufälligen, intuitiven Zustandekommen des Geschehens als Narrativ untergeschoben. Dabei geht es – soviel sei verraten – um einen gefälschten Pass und um Semtex, einen tschechischen Sprengstoff, den Px sich über einen Kontakt in der Prager Kneipe Za vetrem (»Hinter dem Wind«) besorgt.

Dieser Spur folgend, scheint es naheliegend, dass im zweiten Teil des vierstufigen Werkes die »Sexualitätstorpedos« gezündet werden, denn der körperlose Geist ist noch nicht erfunden. Mit expliziten Schilderungen werden sämtliche Klischees getoppt, die das belletristische Feld der Erotik hergibt: »Sehr langsam entkrampften sich ihre Finger, und sie entkleidete, wie einst Joyce’ Nora (the men-eater), behende und gekonnt mit nur einer Hand des Dichters mittlerweile vor sich hin pumpende Kugelschreibermine – die sich, während ich an Orlas famosen, weißen, irischen Pobacken herumknetete und wünschte, das Leben würde stehenbleiben oder ginge nie zu Ende, in sie einschrieb.«

Das Buch ist ein wilder Ritt auf Spitzfindigkeiten zwischen Boheme-Mythos und Randfigurenexistenz, durch Kneipenkonspirationen und Krankenstationen. Es ist dem Text anzumerken, dass der Verfasser seinen Spaß hatte. Er driftet durch den poetischen Strom mit erfundenen Worten, errichtet ein Panoptikum aus 88 toten oder mit ihm befreundeten lebenden Künstlern, aus Geständnissen seiner Freude am Dasein mit den dazugehörigen Befürchtungen: »Seit dem 17. Lebensjahr hatte ich Angst, verrückt zu werden.«

Px ist, wie sein Erzeuger, ein Multitalent: »Verkrachter Altphilologe mit einem Hang zur neueren Literatur«, der sich mit einer »politisch korrekten Schimpfwortkultur« befasst und der versucht, einen »Sprachführer das gesamte Europa betreffend« zusammenzustellen, »ohne direkt eine Vokabel lernen zu müssen«. Er nennt sich selbst einen anarchokommunistischen Biokosmisten, gnostischen Agnostiker, dilettierenden Atavisten, der sich als »wenig talentierter, malender Künstler, Lyriker und zweitrangiger Verleger«, als falscher Polizist, »Gepäckdödel« auf dem Flughafen und als Musiker durchschlägt. »Ein Rockstar muss eben davon ausgehen, hin und wieder in der Reha zu landen.«

Obwohl die Welt, wie sie derzeit ist, ihm nicht gefällt, bekennt Px: »Das Leben kann so schön sein! Das Miraculum der Pflanzenfeinheiten betrachten, frische Meeresluft atmen, Wolken beobachten, das Zwielicht der Dämmerung verfolgen, mit Katschi Unsinn machen und lachen, die tollpatschigen Bewegungen eines kleinen Hundes oder Kindes mitansehen zu dürfen, und viele andere Augenblicke, in denen ich das pure Hiersein als beglückend empfand, ergaben sich zwischen Enttäuschungen und Brutalitäten ja destotrotz.« Außerdem hat er sich Gedanken gemacht über die »Unmöglichkeit friedlichen Zusammenlebens«, deren Ursache er darin sieht, dass es zu viele Gedanken gibt. Damit offenbart er sich als Verfechter eines »rigiden Monologismus«, der proklamiert, »ein jeder solle im Kreise anderer seine Sache ruhig und konzentriert vortragen und im Anschluss sollten alle nach Hause gehen«.

Anlässlich des Besuches in einer epileptologischen Abteilung wird eine Passage von Ernst Toller zitiert mit den »vier Dingen, die ihm im Gefängnis durch Einsamkeit und trübe Stunden halfen: 1. Wind, der die Pfützen kräuselt; 2. Gras, das jedes Jahr neu wächst; 3. die Sonne; und 4. der Mond«. Das Buch »Px« von Alexander Krohn gehört als fünftes unbedingt dazu!

Alexander Krohn: Px. Distillery-Verlag, Berlin 2020, 132 Seiten, 12 Euro

Mehr aus: Feuilleton