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Aus: Literatur zur Buchmesse Frankfurt am Main, Beilage der jW vom 16.10.2019
Literatur

Die Eroberung der Stadt

Möglichkeiten des Handelns: Enno Stahls Gesellschaftsroman »Sanierungsgebiete« über Wendejahre der Gentrifizierung
Von Kai Köhler
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Wie fasst man Gesellschaft literarisch? Enno Stahl gehört zu jenen Schriftstellern, die sich nicht mit der Beschreibung individueller Befindlichkeiten begnügen, auch nicht bloß naturalistisch Einzelheiten wiedergeben, sondern im Sinne eines kritischen Realismus den aktuellen Stand des Kapitalismus veranschaulichen.

Vor zwei Jahren gelang ihm dies auf beeindruckende Weise in dem Roman »Spätkirmes«. Im begrenzten Raum einer rheinischen Kleinstadt in der begrenzten Zeit eines örtlichen Fests führte Stahl ein aggressives Besitzbürgertum, verschiedenerlei Außenseiter mit Möchtegernaufsteigern zusammen, die stets vom Scheitern bedroht sind. Gewichtiger noch ist der Anspruch von »Sanierungsgebiete«. Der neue, weitaus umfangreichere Roman spielt um 2010 in der Großstadt Berlin. Die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre, das Thema ist wichtig. Es geht um Gentrifizierung, um die Eroberung des Stadt- und Wohnraums durch Kapitalinteressen, um die Verdrängung der eingesessenen Bewohner zugunsten einer vom sozialdemokratischen Senat angestrebten neuen Bürgergesellschaft, in der für Arme kein Platz mehr ist.

Die Zahl der Hauptfiguren ist überschaubar. Da ist der ewige Oppositionelle Otti Wieland, systemfeindlicher Aussteiger schon zu DDR-Zeiten, der nun gegen die Immobilienspekulation in seiner Wohngegend in Prenzlauer Berg kämpft und sich an linken Zeitschriftenprojekten beteiligt. Die etwas jüngere Donata, rebellische Ostpunkerin vor 1989, wird dagegen Redakteurin einer Gewerkschaftszeitung und bald auch Mitglied der SPD. Geht sie den Weg zum Reformismus, so entwickelt sich die Architekturstudentin Lynn in die umgekehrte Richtung. Eher aus Ratlosigkeit denn aus politischem Bewusstsein wählt sie die Sanierungsgeschichte ihrer Wohnumgebung als Thema der Abschlussarbeit. Durch Interviews mit Betroffenen wird ihr jedoch bald klar, dass die technischen Fragen des Vorgangs nicht von den sozialen und politischen zu trennen sind – was ihr Probleme mit dem Prüfer und schließlich Erkenntnisgewinne als Aktivistin und Wissenschaftlerin einbringt. Sind diese drei auf unterschiedliche Weise mit den öffentlichen Handlungsfeldern von Literatur, Politik und Universität verbunden, so tritt »Stone« als sympathischer Prolet mit dem Herz auf dem rechten Fleck auf. Trotz einer eher gewalttätigen Vergangenheit als Fußballhooligan in der DDR kann man ihm nicht böse sein. Den Prenzlauer Berg mit seiner neuen, aus Westdeutschland importierten Bewohnerschaft hat er schon verlassen – nun lebt er im rauheren Neukölln. Wo der Osten »verwestlicht«, sucht er das noch »Östliche« im alten Westen.

Kann ein solches Ensemble, zu dem noch einige Nebenfiguren kommen, Gesellschaft darstellen? Enno Stahl schreibt vor allem über Figuren, die sehr bewusst etwas tun und auch eine begrenzte Öffentlichkeit erreichen. Das gilt vor allem für die Redakteurin Donata, die mit ihrer eingeschränkt anstößigen Kritik Karriere macht. Aber sogar Otti bekommt irgendwann seinen Fernsehauftritt, und für Lynn eröffnen sich trotz aller Schwierigkeiten immer wieder Handlungsmöglichkeiten.

Es fehlen dagegen die Leute ganz oben. Zwar wird Donata bald von einem linkssozialdemokratischen Staatssekretär gefördert, der auch einige Male auftritt. Sogar die Bausenatorin darf sie mal interviewen. Dennoch: Wie die Spitzen von Wirtschaft und Politik sich über Stadtumbau verständigen, das beschreibt Stahl nicht konkret. Das Problem ist objektiv gegeben. Molière und Racine am Hof von Versailles oder Goethe im viel kleineren Weimar trafen noch die Mächtigen persönlich. Wer hingegen heute schreibt, ist wohl kaum mit der Kanzlerin per du. Jede Schilderung der herrschenden Klasse, deren Angehörige man kaum je sieht, ist deshalb vom Klischee bedroht.

Otti wehrt sich gegen Luxussanierung und Entmietung des Hauses, in dem er wohnt. Er streitet sich zwar im Hausflur mit dem neuen westdeutschen Besitzer, der nur auf Gewinn aus ist. Dieser Vermieter scheut auch nicht davor zurück, Neonazischläger und Brandstifter für seine Zwecke einzusetzen. Doch handelt es sich um Schurkereien im kleinen Maßstab: Die Fondsmanager, die viele Gebäude in Berlin zu unerschwinglichen Investmentobjekten werden ließen, trifft man nicht vor der Wohnungstür; kaum dass man ahnt, wo sie wohnen.

Es fehlen im Figurenensemble auch die Passiven, die alles mit sich machen lassen; wer nichts tut, taugt nicht für eine literarische Handlung. Ebenso treten keine Opfer innerstädtischer Verdrängung auf, die aus ihrer Erfahrung reaktionäre Schlussfolgerungen ziehen. In gewissem Maße vollzieht der Roman die erste Stufe der Gentrifizierung mit, deren zweite Stufe er anprangert. Mit Ausnahme des stadtteilflüchtigen Stone gehören die Hauptfiguren einer Kultur- und Medienwelt an, die den Reiz des Prenzlauer Berg für Neuankömmlinge ausmacht. Schon Lynn oder Donata treffen sich in Clubs, nicht in Eckkneipen. Allerdings ist ihre ökonomische Lage mehr oder minder unsicher, was sie von den Neuberlinern in Prenzlauer Berg unterscheidet.

Von heute aus gesehen, handelt der Roman von einer Zwischenzeit. Die Bewohner aus DDR-Zeiten sind zum großen Teil bereits verdrängt worden, doch gibt es noch ein widerständiges Potential. Stahl beschreibt das ganze Repertoire von linkssozialdemokratischen Reparaturversuchen bis hin zu illegalen Aktionen; er beschreibt es eindeutig parteiisch. Die Lage ist bereits schlimm, aber gemessen am Heute erscheint sie (was die Figuren nicht wissen können) als recht erträglich. Wer verdrängt wird, findet noch zwei Kilometer weiter draußen in Weißensee eine Unterkunft. Dass irgendwann sogar der Wedding für Immobilienspekulation interessant werden könnte, wird als unwahrscheinliche Möglichkeit zwar im Roman gedacht. Jetzt aber werden selbst dort schon – weiß der Autor und wissen wir Leser – Wohnungen für die Normalbevölkerung unerschwinglich.

In der Handlungszeit um 2010 vollzog sich ein grundlegender Wandel, den die Figuren des Romans noch nicht erkennen konnten. Seit der Finanzkrise von 2008 scheinen Investitionen nicht nur in die Produktion, sondern auch in den Bankensektor kaum renditeträchtig. Wertgarantien scheinen vor allem Immobilien zu bieten. Freilich werden nur wenige vermietbare Häuser gebaut, sondern Investitionen fließen in den Bestand zwecks Mieterhöhung oder in die Spekulation mit Baugrundstücken. Bald wurde allein der Boden so teuer, dass der Bau bezahlbarer Wohnung nicht mehr lohnt.

Diese Vorgänge sind jedoch abstrakt. Ihnen ging eine bevölkerungsfeindliche Politik des Berliner SPD-geführten Senats voran, die Stahl klar zeigt. Sie folgte der Illusion einer »Bürgergesellschaft« von wohlhabenden Besitzern. In dieser Phase setzten Personen politisch eine nach Kriterien der Marktwirtschaft rationale Dynamik in Gang, und das kann Literatur schildern. Was aber von da an im Prenzlauer Berg geschah, wurde nicht dort und auch nicht im Berliner Rathaus entschieden, sondern – wo eigentlich? Die ökonomische Dynamik ist schwieriger zu erfassen, hätte jedenfalls ein ganz anderes Buch erfordert.

Stahl beschreibt einen Kippunkt, an dem Menschen eben noch meinen, Einfluss zu haben. Er weiß, und wir wissen, dass dies gescheitert ist. Doch sind wir an einem anderen Punkt, an dem Bewohner Berlins wieder Handlungsmacht zu gewinnen versuchen. Das Volksbegehren für die Enteignung aggressiv agierender Immobilienkonzerne steht für diesen Versuch. Hier zeichnen sich Kämpfe ab, die wiederum Literatur ermöglichen – denn Literatur kann Gesellschaft nur dort fassen, wo ein Konflikt ausgetragen wird.

Enno Stahl: Sanierungsgebiete. Verbrecher-Verlag, Berlin 2019, 592 Seiten, 29 Euro

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