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Aus: Krieg & Frieden, Beilage der jW vom 31.08.2019
Infrastruktur für Kriege

»Ohne die Bahn hätte sich Rheinmetall nicht so entwickelt«

Gewerkschaften unterstützen Aktionscamp gegen Rüstungskonzern aus Angst um Arbeitsplätze nicht – manche Mitglieder tun es trotzdem. Ein Gespräch mit Hans-Dietrich Springhorn
Von Susan Bonath
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Blockade der Zufahrt zum Rheinmetall-Werk in Unterlüß (Mai 2017)

Am diesjährigen Antikriegstag beginnt ein einwöchiges Protestcamp vor dem Rheinmetall-Werk in Unterlüß. Dort betreibt der Rüstungskonzern eine Produktions- und Munitionserprobungsstätte. Sie gehören dem Organisationsbündnis »Rheinmetall entwaffnen« an. Aus welchen Gruppen besteht dieses Bündnis, und welche Erfahrungen hat es bisher gesammelt?

Es ist unser zweites Aktionscamp in Unterlüß bei Celle in der Lüneburger Heide gegen den Rheinmetall-Konzern und dessen wachsenden Beitrag zu Kriegen, Aufrüstung und Militarisierung. Diesmal sind wir besonders breit aufgestellt. Mehr als 100 Einzelgruppen, darunter Friedens- und Umweltinitiativen, Parteigruppen der Linken, der Deutschen Kommunistischen Partei und den Grünen, Ortsverbände von ATTAC, Frauen-, Flüchtlings- und antifaschistische Initiativen haben sich unserer Aktion angeschlossen. Außerdem sind zahlreiche Einzelpersonen dabei. Das Camp dürfte also größer und effektiver werden als im vergangenen Jahr.

Bei den Unterstützern für das Camp finden sich in diesem Jahr keine Gewerkschaften und Kirchenverbände.

Zu meiner Freude haben sich uns viele linke und kapitalismuskritische Gruppen angeschlossen. Da kamen dann Bedenkenträger aus den bürgerlichen Organisationen. Die Kirchen haben sich zum Beispiel offiziell zurückgezogen. Bei den Gewerkschaften möchte ich differenzieren. Die IG Bergbau, Chemie, Energie, kurz IG BCE, die für die Beschäftigen in Unterlüß zuständig ist, ist nicht bereit, mit uns zu demonstrieren.

Auch die Spitzen der übrigen Gewerkschaften, die in der Regel mit der SPD verwoben sind, halten sich zurück. Dabei geht es dann vor allem um Arbeitsplätze; und da wären wir beim Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit. Allerdings machen viele einzelne Mitglieder bei uns mit, und auch die »Gewerkschaftliche Initiative für aktive Friedenspolitik und Militär- und Rüstungskonversion in Niedersachsen« bringt sich ein.

Das antimilitaristische Camp wird mitten in Unterlüß errichtet. Dabei wollen Sie mit Anwohnern ins Gespräch kommen. Sie selbst sind da groß geworden. Wie schätzen Sie die Situation vor Ort ein?

Die Lüneburger Heide hat eine lange Militärtradition, die bis ins deutsche Kaiserreich zurückreicht. Auch heute ist die Bundeswehr dort massiv vertreten. Die niedersächsische Landesregierung und die umliegenden Gemeinden bringen immer wieder ihren Stolz darüber zum Ausdruck, wie sehr sich Rüstung und Militär in der Gemeinde Südheide, zu der Unterlüß gehört, konzentrieren.

Ein Großteil der Anwohner arbeitet seit Generationen bei Rheinmetall oder auf den Truppenübungsplätzen. Viele haben dort eine technische oder Verwaltungsausbildung absolviert. Die meisten sind also irgendwie mit dem Militär verbunden. Das reicht bis in die Kommunalpolitik und -verwaltung. Da sitzen etwa rhetorisch geschulte Gemeinderäte mit militärischer Vergangenheit, die pensionierte Berufssoldaten in das zivile Leben einbinden und Krieg und Aufrüstung als Friedensarbeit verkaufen. Wir müssen also versuchen, traditionelles Denken zu durchbrechen. Wir haben gute Argumente.

Obwohl die Deutsche Bahn viele kleine Bahnhöfe stillgelegt hat, verfügt Unterlüß nach wie vor über einen solchen, den man im Stundentakt von Hannover und Hamburg aus erreichen kann. Hängt das vielleicht damit zusammen, dass das Werk von Rheinmetall auch über die Schiene beliefert wird?

Das Dorf Unterlüß entstand mit und durch die Eisenbahn. Diese belieferte ab Ende des 19. Jahrhunderts eine dort errichtete Munitionsfabrik. In der Zeit des deutschen Faschismus deportierte die Bahn 4.000 bis 5.000 KZ-Häftlinge aus Bergen-Belsen und Neuengamme zur Zwangsarbeit nach Unterlüß. In der Umgebung wurden später etwa 20 Außenlager nachgewiesen.

Ohne die Bahn hätte sich Rheinmetall nicht so entwickeln können. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es dem Konzern zwar verboten, Rüstungsgüter herzustellen. Das änderte sich aber mit der Gründung der Bundeswehr. Jetzt ist es wieder soweit, dass die gesamte Infrastruktur von Bahn und Straße geprüft wird, ob sie kriegstauglich ist. Nach meiner Einschätzung gehen Politik und Wirtschaft seit 2018 besonders offensiv vor. Die Bahn-Tochter DB Cargo verpflichtete sich etwa per Rahmenfrachtvertrag gegenüber dem Verteidigungsministerium dazu, Rüstungstransporte nach Estland an die russische Grenze sicherzustellen.

Wie hat die Gemeinde angesichts dieses Hintergrunds auf die Ankündigung Ihrer Aktionen reagiert? Diese beschränken sich ja nicht nur auf das Camp mit täglichen Diskussionrunden und Vorträgen, Sie planen auch eine Blockade am 6. und eine Demonstration am 7. September.

Im vergangenen Jahr hatte uns die Gemeinde den Dorfplatz für das Protestcamp zunächst verweigert. Wir haben geklagt, und das Gericht hat das Verbot dann mit Blick auf das Demonstrationsrecht abgewiesen. Zumindest das Thema, ob der Protest im Dorf stattfinden darf, ist somit wohl vom Tisch.

Hans-Dietrich Springhorn ist Unterstützer des Friedenscamps in Unterlüß. Er stammt aus dem Nachbarort Faßberg und ist Eisenbahner.

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