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Aus: Krieg & Frieden, Beilage der jW vom 31.08.2019
Kriegstraumata

Wiederaufbau und Revolution

Hanauer Traumaexperten reisten ins nordsyrische Rojava, das vor fünf Jahren von IS-Dschihadisten überfallen wurde – und nun von der Türkei bedroht wird
Von Gitta Düperthal
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Kinder nutzen altes Kriegsgerät als Spielzeug (Kobani, 2017)

Es ist eine seltene Momentaufnahme aus einem Gebiet, in dem viele Kinder und Erwachsene von Kriegserlebnissen traumatisiert sind: Im neu erbauten Waisenhaus »Alan›s Rainbow« in Kobani räkelt sich ein kleiner Junge auf einem Kissen und wirkt völlig entspannt – die Betrachter lächeln, als das Foto an einem Sommerabend in Frankfurt am Main an die Wand projiziert wird. Eingeladen war das Publikum zu einer Veranstaltung mit ausführlichem Reisebericht.

Eine Mitarbeiterin des Zentrums für Traumapädagogik »Welle« aus Hanau schildert die Lage in der Demokratischen Föderation Nord- und Ostsyrien, dem Selbstverwaltungsgebiet, das auch unter dem kurdischen Namen Rojava bekannt ist, knapp fünf Jahre nach dem Angriff der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) auf den dortigen Kanton Kobani.

Für das Waisenhaus hat der Verein Städtefreundschaft Frankfurt-Kobani e. V. von Mai bis Dezember 2016 Spenden in Höhe von mehr als 52.000 Euro eingeworben – auch Leserinnen und Leser von junge Welt trugen dazu bei. In den Fortbildungsräumen des Hauses leisten »Welle«-Mitarbeiter Heike Karau, ­Newroz Duman und Thomas Lutz regelmäßig wichtige Arbeit – gemeinsam mit Erzieherinnen, Lehrerinnen und Aktivistinnen der »Stiftung der freien Frauen in Rojava« (WJAR) sowie dem Frauendachverband Kongreya Star. Die Hanauer Einrichtung in freier Trägerschaft der Kinder-, Jugend und Familienhilfe bietet Pädagogen Fortbildungen, um sie im Umgang mit Kindern mit schweren seelischen Problemen zu stärken. Mehrfach fuhren die Fachleute deshalb in die selbstverwalteten Gebiete Nord- und Ostsyriens, zuletzt im April. Im Oktober planen sie erneut, dorthin zu reisen. Mit ihrer Fortbildungsreihe haben sie es sich zur Aufgabe gemacht, kriegstraumatisierten Kindern neue Lebensperspektiven zu eröffnen.

Sieben Jahre Revolution

Im Juli feierte Rojava den siebten Jahrestag der Revolution und der Anfänge der Selbstverwaltung. In der Nacht zum 19. Juli 2012 hatten die Bevölkerung und syrisch-kurdische Selbstverteidigungskräfte begonnen, staatliche Institutionen zu umstellen. Starke militärische Kräfte hatte die syrische Zentralregierung dort nicht stationiert. Deren Sicherheitskräfte zogen sich angesichts des Volksaufstands nach und nach zurück, kontrollieren aber nach wie vor den Flughafen in Kamischli, den einzigen in Rojava, im Einvernehmen mit der Selbstverwaltung, die sich nicht als Staat definiert und daher keinen internationalen Airport betreiben darf. Im Anti-IS-Kampf entlasteten die Volks- und Frauenverteidigungseinheiten Rojavas (YPG und YPJ) auf diesem Gebiet de facto die syrische Armee.

Aufgrund des basisdemokratischen Rätemodells ist Rojava international für viele Menschen ein Ort der Visionen und der Hoffnung. »Zudem ist es ein Ort der Geschlechtergerechtigkeit und des ökologischen Wirtschaftens geworden«, so Bianca Winter vom Städtefreundschaftsverein Frankfurt-Kobani. Zugleich aber versuche nun der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, mit militärischen Mitteln alle fortschrittlichen Errungenschaften wieder zurückzudrängen. Im Frühjahr 2018 besetzte die türkische Armee mit dschihadistischen Hilfstruppen und deutschen »Leopard-2«-Panzern völkerrechtswidrig den Kanton Afrin.

Falle Erdogans Militär in weitere Gebiete Rojavas ein, werde es die Gefängnisse öffnen und inhaftierte IS-Kämpfer freilassen, warnt Winter. In der Abschlusserklärung einer internationalen Konferenz des »Zentrums für strategische Studien Rojava« zur Aufarbeitung und Bekämpfung von IS-Verbrechen vom 8. Juli heißt es, der Besatzungsstaat Türkei habe in Afrin »Säuberungen durch dschihadistische und extremistische Gruppen« unterstützt. Er setze letztlich nur die Verbrechen des IS und der Nusra-Front fort. Deren Bekämpfung sei »eine entscheidende Frage für die Sicherheit der Region und der ganzen Welt«, waren sich die versammelten rund 200 Politiker und Wissenschaftler einig.

Trauma heißt Wunde

Die Traumapädagogen sind gut informiert über die politische Lage. Konkretes Ziel ihrer Arbeit ist es, vielfach verdrängte, oft schmerzhafte Emotionen bewusst zu machen – sonst könnten sie Erstarrung oder Sprachlosigkeit auslösen. In den Fortbildungen geht es darum, über Trauer, Scham oder Wut aufgrund von erlebter oder beobachteter Gewalt zu reden. Das Erlebte könne auch mit Körpersprache und Gestik in Rollenspielen verarbeitet werden. Auf ihrer Flucht aus Afrin hätten Kinder zum Teil sexualisierte Gewalt erlebt, ihre hilflose Lage sei ausgenutzt worden. Manch eines von ihnen sei in der Folge völlig verstummt. Heike Karau und Newroz Duman von der »Welle« berichten über solche Fälle. Ziel sei, dass die Kinder im Waisenhaus wieder Mut fassen.

»Wir bringen ein Programm mit, arbeiten mit Übersetzern, wenn etwas daraus nicht in den Alltag der Menschen in Rojava passt, merken wir das schnell«, sagt »Welle«-Gesellschafter Lutz. »Wir lernen gemeinsam.« Wichtig sei nicht das Erlernen von Fachbegriffen – zu wissenschaftlichen Büchern werde selten gegriffen. Entscheidend sei, aus Erfahrungen und Fallbeispielen zu lernen. Es gehe darum, die Dinge zu vereinfachen. »Trauma heißt auf Griechisch Wunde.« Die Traumapädagogik ziele darauf, seelische Verletzungen aufzuarbeiten.

Eine Reise nach Rojava gestalte sich für die »Welle«-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht einfach, so Bianca Winter. Die Regierung im Nordirak habe kein Interesse, engagierte Internationalisten dorthin zu lassen. Es werde befürchtet, dass sie danach Positives über die Revolution in Rojava in alle Welt hinausposaunten – oder über kriegerische Attacken seitens der Türkei berichteten. Genau wie der Irak pflege auch die BRD Komplizenschaft mit Erdogans Regierung, sagte sie. Auch deshalb müsse die Bevölkerung Afrins völkerrechtswidrige Besetzung, Entführungen und Gewalt erleiden. Nach Winters Meinung könne nur ein interna­tionales Tribunal Abhilfe schaffen.

Deutsche Mitschuld

Deutsche Panzer seien dabeigewesen, als die Kinder traumatisiert worden seien, schimpft Thomas Lutz. Deutschland sei mitverantwortlich für das große Sicherheits- und Versorgungsrisiko: Die türkische Armee zünde fruchtbare Felder in Rojava an, verhindere den Anbau von Weizen und Oliven. Bauern kämen bei diesen Attacken zu Tode. Selbst gegen Kurden gerichtete Kriegshandlungen auf türkischem Boden machten das Leben in der Demokratischen Föderation Nord- und Ostsyrien mitunter schwer: Ein älterer YPG-Kämpfer bewohne zusammen mit seinen Enkelinnen ein Haus unmittelbar an der Grenze zur Türkei. Als die türkische Armee in der Gegend von Nusaybin Häuser von Kurden in Brand gesetzt habe, sei es von seiner Dachterrasse aus zu beobachten gewesen. Die Druckwelle der Explosionen sei teilweise so stark gewesen, dass auch bei ihm Fensterscheiben zu Bruch gegangen seien.

»Die Kriegsgefahr ist allgegenwärtig«, sei für die Menschen dort zur Normalität geworden, erklärt »Welle«-Mitarbeiterin Newroz Duman. Trotzdem gestalteten sie ihren Alltag mit Optimismus. »Sie wachen morgens auf und wollen ihre Freiheit leben.« Gerade junge Frauen hätten einen unbändigen Willen, sich zu bilden, so Duman. Selten habe sie so eine ausgelassene Feier erlebt wie in Rojava, als frisch examinierte Krankenpflegerinnen ihre Zertifikate erhielten – die Gesellschaft würdige so etwas nachdrücklich.

Dorf nur für Frauen

Newroz Duman und Heike Karau hatten bei ihrer Reise im April das im Aufbau befindliche Frauendorf Jinwar besucht. Ein anspruchsvolles Projekt: Geplant seien dort eine Selbstversorgung von Frauen, eine eigene Akademie, ein Haus für Gesundheit mit Schwerpunkt auf natürlicher und traditioneller Medizin. Die Frauen dort wollten nur mit Frauen und Kindern zusammenleben. Sie seien jedoch nicht dogmatisch gegen Männer eingestellt. Als der kurdische Sänger Rotinda im Dorf gastierte und ein Konzert gab, hätten sie ihn begeistert willkommen geheißen.

Die Frauen probierten eine kollektive, kommunale und ökologische Lebensweise aus, inspiriert von matriarchalischen Gesellschaften, erklärt die Vertreterin der Frauenstiftung WJAR, Meike Nack. Rojava insgesamt sei ein Ort der Faszination für die internationale Linke, weil dort jenseits der Logik von Nationalstaaten und Kapitalismus neue alternative Lebensformen ausprobiert würden. Bei der Veranstaltung in Frankfurt am Main im Juli wurde gefordert, die Menschen in Rojava angesichts der Aggression der Türkei nicht allein zu lassen: Die Bundesregierung müsse die Waffenlieferungen an Ankara stoppen. Auf europäischer Ebene gelte es, Sanktionen wegen völkerrechtswidriger Kriegshandlungen zu verhängen.

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