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Aus: Literatur, Beilage der jW vom 21.03.2019
Comic

Ob Hirn oder Chip

Menschen sind langweilig, meint der Professor. Der philosophische ­Sci-Fi-Actionmanga »Battle Angel Alita – Last Order«
Von Michael Streitberg
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Wer braucht schon Filme? Diese Frage stellte der Autor anlässlich einer Rezension von Yukito Kishiros Sci-Fi-Actionmanga »Battle Angel Alita« (siehe jW-Literaturbeilage vom 15.3.2018) vor rund einem Jahr. Damals schien klar: Filme braucht niemand. Einem Manga, der so von Rasanz und Bewegung geprägt ist, würde ein Hollywood-Actionstreifen nichts Neues hinzufügen können. Die epische Geschichte von der Suche des titelgebenden weiblichen Cyborgs nach dem Sinn des Daseins und ihrem Platz auf der Welt sollte daher am besten innerhalb ihres angestammten Mediums bleiben.

Doch ausnahmsweise frei nach Konrad Adenauer: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern? Denn tatsächlich ist die von Robert Rodriguez und James Cameron verantwortete Verfilmung, die den Titel »Alita: Battle Angel« trägt, hervorragend gelungen. In ihr vereint sich geradezu beispielhaft der Respekt vor der Vorlage mit dem Mut, sie auf eine eigene Art zu interpretieren. Schon nach wenigen Augenblicken schließt man die nunmehr teenagerhafte Alita ins Herz. Nebencharaktere wie ihre Jugendliebe Hugo wirken teils sogar noch besser ausgearbeitet als in der Vorlage. Anstatt Tausende Seiten in 122 Minuten zu pressen, bewies man zudem an den richtigen Stellen Mut zur Lücke.

Anlässlich der Verfilmung wächst nicht nur das Interesse an der in vier großformatigen Bänden vorliegenden Neuauflage der in Japan zwischen 1990 und 1995 erschienenen Originalserie. Auch ihr deutlich längerer, ursprünglich 19 Einzelbände umfassender Nachfolger »Last Order« (2000–2014) wird in einem ähnlichen Format wiederveröffentlicht. Neben den Farbseiten der japanischen Ausgabe überzeugt diese Edition abermals mit hochwertigem Papier, auf dem Kishiros filigrane Schwarzweißzeichnungen ideal zur Geltung kommen.

Die Handlung schließt an das Ende des Vorgängers an, das hier nicht en détail vorweggenommen werden soll. In der auf den ersten Blick paradiesisch anmutenden Himmelsstadt Zalem, die über der zu Recht als »Schrottstadt« bezeichneten Erde schwebt, arbeitet der skrupellose Professor Nova an einer Wiederauferstehung Alitas. Er gibt ihrem Geist einen neuen Maschinenkörper – noch stärker als zuvor und besser denn je dazu geeignet, der stärksten Kriegerin aller Zeiten zu dienen.

Nova huldigt einem genialischen Schöpferkult, der an die Ideologie vieler von der Verschmelzung von Mensch und Maschine träumender Transhumanisten erinnert: Die Evolution des ganzen Universums soll beschleunigt, sämtliche Potentiale wissenschaftlicher Machbarkeit sollen rücksichtslos ausgeschöpft werden. Nicht zuletzt soll der eigene Geist, ausgestattet mit der Fähigkeit, sich ohne menschlichen Körper jederzeit zu (re)materialisieren, Unsterblichkeit erlangen.

Der Mensch in seiner ursprünglichen Form, doziert der Professor, ist nur noch langweilig: »Der Beginn des Lebens ist eine chemische Reaktion. Es gibt keine Seele. Der Geist ist nur ein Feuerwerk aus Nervenzellen«. Für Nova ist alles wohl ein großes Spiel: Warum sonst würde er seine Feindin, mit der er sich im ersten Teil der Serie eine erbitterte Schlacht geliefert hatte, zurück ins Leben holen?

Kaum erwacht, erlebt Alita den gesellschaftlichen Zusammenbruch Zalems: Nachdem bekannt wird, dass dessen Regierung sämtlichen Erwachsenen Mikrochips anstelle ihrer Hirne eingepflanzt hat, entwickelt sich schnell ein erbarmungsloser Kampf zwischen ihnen und den (teilweise noch im alten Sinne menschlichen) Minderjährigen. »Ob jemand ein Gehirn hat oder einen Chip? Diese Frage macht für mich keinen Menschen aus«, erklärt Alita. Viele Bewohner Zalems sehen das anders.

Die zweite Mangastaffel interessiert sich noch stärker für die philosophischen und gesellschaftlichen Aspekte. Im ersten Teil aufgeworfene Fragen werden vertieft: Was ist ein Mensch, was ist eine Maschine? Kann letztere ein eigenes Bewusstsein besitzen, autonom handeln? Was, bzw. wer, ist Original und Kopie? Auch erzählerisch wirkt »Last Order« stringenter und ausgereifter. Angesichts dessen ist eine mitunter immer noch etwas ruckartige Charakterentwicklung zu verschmerzen.

Den grandiosen Zeichnungen wurde stellenweise mit dem Einsatz von Computergrafik zugesetzt, was jedoch meist passend wirkt. Szenen voller rasanter Action, infernalischer Zerstörung und drastischer Gewalt wechseln sich ab mit ruhigeren Passagen. Besonders hier entfaltet »Last Order« seine atmosphärische Stärke: Mit einem Gespür für Fläche, Weite und motivische Reduktion illustriert der Zeichner die Unendlichkeit einer kalten und bedrohlichen, manchmal jedoch auch eigentümlich schönen Zukunftswelt.

Comicleser mit einer Vorliebe für ­Science-Fiction, Action und Cyberpunk-Diskurse kommen um Yukito Kishiros Epos nicht herum. »Battle Angel Alita – Last Order« ist ein Meisterwerk.

Yukito Kishiro: Battle Angel Alita – Last ­Order. Perfect Edition. Aus dem Japanischen von Junko Iwamoto und Jürgen Seebeck. Bisher drei Bände, Carlsen, Hamburg 2018/2019, jeweils 308–340 Seiten, 14,99 Euro. Band 4 ­erscheint am 28. Mai.

Michael Streitberg ist Mitherausgeber des Blogs Tanuki Republic. Blätter für japanische ­Populärkultur (tanukirepublic.net)

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