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Aus: Literatur, Beilage der jW vom 21.03.2019
Schöne Menschen

Aus dem Film gefallen

Zwei (Bild-)Bände über Düsseldorfs Musikszene und die Schönheit von Friedrichshain-Kreuzberg
Von René Hamann
Zu DDR-Zeiten wurde in dem Komplex 0 17 von einer Stasi-Speziale
Komplex 0 17: Erst Sitz einer Stasi-Spezialeinheit, dann der legendäre Underground-Klub »Maria am Ostbahnhof«. Vorbei. (Oktober 2004)

Mit Bildbänden ist das so eine Sache. Vor allem in Zeiten von Instagram. Warum so ein schweres, teures Buch erwerben, das in einer guten halben Stunde durchgeguckt ist und danach meist nur noch Staub fängt? Oder schneidet jemand tatsächlich die Bilder aus, die am besten gefallen, und hängt sie an die Wand? Nein, auch das nicht.

Nun ist »Keine Atempause. Musik aus Düsseldorf« (Droste-Verlag) nicht wirklich ein Bildband. Es hat zwar die äußere Anmutung, nämlich die eines schweren Kaffeetischbuchs für das Jugendheim in Dir, und es gibt wirklich eine Menge Fotomaterial in seinem Inneren, aber es gibt eben auch eine Menge Text. Schließlich geht es um Düsseldorf, die Hauptstadt Nordrhein-Westfalens, diese an sich unscheinbare Großstadt am Rhein, die für die Kulturgeschichte der Bundesrepublik vor 1989 in zwei bis drei Punkten allerdings sehr wichtig und prägend war. Zum einen aufgrund der dort ansässigen Kunsthochschule (Beuys, Richter, die Becher-Schule etc. pp.), zum anderen aufgrund der angeschlossenen Kunst- und Musikszene, die erst Kraftwerk, und dann rund um den berühmt-berüchtigten Ratinger Hof den deutschen Punk, den deutschen Wave, die Neue Deutsche Welle begründet und verbreitet hat.

In »Keine Atempause« kommen also insgesamt 20 Protagonisten aus der Musikszene Düsseldorfs zu Wort. Alle hingen irgendwann irgendwie am Ratinger Hof herum, alle hatten irgendwas mit Carmen Knoebel zu schaffen, die erst den Hof mitleitete, dann als Managerin unterwegs war. Die üblichen Verdächtigen der Szene wurden schon in Jürgen Teipels Standardwerk »Verschwende deine Jugend« (2001) abgefrühstückt, hier kommt der Rest zu Wort. Das Journalistentrio, bestehend aus Sven-André Dreyer, Michael Wenzel und Thomas Stelzmann (Fotograf), das für die Interviews und die Zusammenstellung verantwortlich zeichnete, macht seine Sache mehr als ordentlich: Die Grabenkämpfe kommen vor, wichtig aber bleibt das Menschliche. Es gibt Sätze wie »Seit 1988 engagiert sie sich für den Verein Kinderstern« oder »Jürgen ist heute verantwortlich für die Musikabteilung eines kleinen Sozialkaufhauses«, die auch noch mal klarmachen, dass nicht alle Gewinner sein konnten, dass auch damals schon Kapitalismus war, auch wenn er noch rheinischer Natur gewesen ist.

Natürlich kommen auch Campino und zwei Drittel der kleinen, aber feinen Überband Der Plan vor. Am interessantesten, vielleicht, weil man diese Punk-Storys schon alle auswendig kennt, sind die Geschichten von Acts, die sich in andere Regionen entwickelt haben: Die Krupps etwa oder auch Propaganda. Schade andererseits, dass eher wenig auf die Kunsthochschule geschaut wird (das Kapitel zu Immendorf ausgenommen) und wenig von den Göttern der Elektronik und des Krautrocks, Kraftwerk, Neu! und La Düsseldorf, erzählt wird. (Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch Marius Müller-Westernhagen fehlt. Und natürlich ist die Frauenquote insgesamt nicht allzu hoch.)

Am Ende des Buchs wird es gegenwärtiger – Kreidler und Mouse on Mars, Avantgardebands der Neunziger, zeigen an, dass Düsseldorf genau wie Köln seit dem Umzug der Politik nach Berlin erheblich am Brain Drain gelitten hat. Mittlerweile ist Düsseldorf, man muss es leider so sagen, wieder das, was es vor, sagen wir, 1968 gewesen ist: traurige Provinz.

Traurige Provinz ist vielleicht auch ein Stichwort für den zweiten Bildband, der diesmal ein echter ist. »Friedrichshain-Kreuzberg. Fotografien 1990–2018« (Berlin-Story-Verlag) zeigt hauptsächlich Fotos aus dem Kreuzberg der näheren Vergangenheit, was etwas schade ist, da auch in Berlin-Friedrichshain große Umwälzungen stattgefunden haben. Den Herausgebern Ellen Röhner und Erik Steffen ist nicht nur der Alltag, sondern auch das Politische wichtig, wie auch das Vorwort unterstreicht: »Und viele fallen einfach raus. Aus dem aktuellen Lebensfilm, der vom neoliberalen Gestus der Stadtentwicklungspolitik und dem Diktat der persönlichen Kapitalkraft bestimmt wird. Selbst Normalverdiener*innen finden hier keine Wohnung mehr.«

Insgesamt ein schöner Bildband, der zeigt, wie divers, bunt, schillernd Kreuzberg auch sein kann. Vier Fotografinnen und vier Fotografen werden vorgestellt, alle suchen sie nach ähnlichen Motiven in der Stadt, was nicht nur Abriss, Abbruch, Verwitterung, schließlich Umwandlung bedeutet, sondern auch Poesie und Alltag. Tolle Menschen. Insgesamt lässt sich jedoch ein Hang zur Sozialromantik und zum Sozialkitsch nicht immer abstreiten. Aber besonders die kritischen Aufnahmen von Nanette Fleig lohnen der näheren Betrachtung. Und der umtriebige Florian Günther, wir kennen ihn alle, zeigt hier Bilder aus dem Goldenen Hahn am Heinrichplatz, dessen Besitzer, Wirt und Faktotum Klausdieter Zawieja vor kurzem gestorben ist. Eine gleichsam untergehende wie bis zuletzt renitente Welt. Und sie existiert noch. Der Kampf geht weiter.

Sven-André Dreyer/Michael Wenzel/Thomas Stelzmann: Keine Atempause. Musik aus Düsseldorf. Droste-Verlag, Düsseldorf 2018, 192 Seiten, 25 Euro

Ellen Röhner/Erik Steffen (Hg.): Friedrichshain-Kreuzberg. Fotografien 1990–2018. Ungeschönt – Menschen, Bewegungen, Stadtansichten. Berlin-Story-Verlag, Berlin 2018, deutsch und englisch, 128 Seiten, 108 Illustrationen, 19,95 Euro

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