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Aus: Neue Rechte, Beilage der jW vom 13.02.2019
Rechtes Rauschen im Blätterwald

Rechtsdruck

Einige Postillen der Neuen Rechten im Überblick
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Werden Sie doch einfach Ordensritter. Stand der Wochenzeitung Junge Freiheit auf der Buchmesse in Leipzig, März 2016

Junge Freiheit

Einem Ding oder Wesen seinen Namen zu geben, versetzt es erst ins Sein, eine Taxonomie schafft Ordnung und Übersicht. Dieter Stein will nicht sein, und sein Blatt dürfte nach eigener Maßgabe in diesem Tableau gar nicht auftauchen. Der Gründer, Geschäftsführer und Chefredakteur der in Berlin erscheinenden Wochenzeitung Junge Freiheit lehnt für seine Art die Zugehörigkeit zur Unterklasse »Neue Rechte« ab: »Dieser Begriff ist das sichere Ticket in eine Sackgasse«, dekretiert der Offizierssohn, denn damit sei eine »antidemokratische, genuin rechtsextremistische Position markiert«, die er sich und den seinen nicht attestieren mag, und wer die »kontaminierte« Bezeichnung »positiv« besetzen wolle, schließe sich aus. Woraus? Die kurze Antwort lautet: Aus dem Verfassungsbogen. Die gründlichere stammt von Helmut Kellershohn, dem das Verdienst gebührt, als eine Art politologischer Carl von Linné das natürliche System der Rechten aufgestellt zu haben, und sie erteilt Auskunft über Strategie und Taktik, oder anders gesagt, über die Blattlinie der Jungen Freiheit: Es gehe darum, sagt Kellershohn, »Schritt für Schritt den Sagbarkeitshorizont nach rechts zu ziehen«.

Bei Stein klingt das freilich unverfänglicher. Seine Zeitung sei eine »für die Konservativen, demokratisch Rechten«. Die Zielsetzung gibt es nebst Stehsatz aus dem Gemeinschaftskundeunterricht: »Die Demokratie lebt von der hörbaren Breite der Meinung. Unsere Aufgabe ist es, dass die aus dem Lot geratene Waage wieder ins Gleichgewicht kommt.« Die empfundene Linksverschiebung der Republik muss schon den Schüler Stein unangenehm angefasst haben, als er 1986, zu dieser Zeit im Umfeld der rechten Republikaner wirkend, seine Postille aus der Taufe hob. In den Folgejahren vor allem ein Monatsblatt im Burschenschaftermilieu erfolgte 1994 mit »lediglich 200.000« Mark der Umstieg auf wöchentliche Erscheinungsweise – »ein verrücktes Wagnis«. Das geschah zu einer Zeit, als Leute wie der Historiker Rainer Zitelmann versuchten, »mit dem Projekt einer ›Neuen Demokratischen Rechten‹, Mehrheiten in der Zeitung Die Welt und im Ullstein-Verlag zu verändern und dadurch erheblichen Einfluss auf die Meinungsbildung zu erlangen«. Dieser nostalgische Rückblick auf die Kampfzeit findet sich in einem Papier des artverwandten »Instituts für Staatspolitik« aus dem Jahr 2003. Damals, in den 90er Jahren, sehnten sich solche Kreise nach der »selbstbewussten Nation«, auf die auch Stein nichts kommen lassen mag.

Nation, so steht es im »Leitbild« der Wochenzeitung, ist ein übergeordneter »Wert« und »bleibt auch im vereinten Europa für uns der entscheidende Ordnungsfaktor und identitätsstiftende Rahmen«. Wird die Nation bedroht, etwa durch unkontrollierte Zuwanderung, gerät der Identitäre in Angst und Verunsicherung, weil er sich am stiftenden Rahmen nicht mehr das Fell reiben oder den Kopf stoßen kann. Die Warnung vor den »Gefahren der Massenmigration und des Einströmens kulturfremder Völker« kommt bisweilen wissenschaftlich verbrämt daher. In einem Beitrag der Ausgabe vom 18. Januar 2019 soll unter Berufung auf Forschungsergebnisse von Archäogenetikern, die Reste von Erbgutmolekülen aus den Gebeinen der Vorfahren untersucht und verglichen haben, der Nachweis geführt werden, dass sich ein »realer Bevölkerungsaustausch« in der Historie gleich mehrfach ereignet habe. Den naheliegenden Verdacht, solcherlei argumentative Verknüpfung sei irgendwie rassistisch und könne vielleicht ein völkisches Verständnis von Nation anzeigen, würden JF-Autoren empört zurückweisen. Sie sind da schließlich dank Dieter Stein festgelegt.

Festgelegt innerhalb des neurechten »Binnenpluralismus« ist die Zeitung, wiederum mit Unterstützung des inzwischen erfolgreichen Unternehmers Zitelmann, auch auf eine »neo(national)liberale Position, gepaart mit dem Bekenntnis zum ›starken Staat‹« (Kellershohn). Das hat sie gemeinsam mit einen größeren Teil der AfD, zu deren Entstehen die Junge Freiheit in nicht unerheblichem Maße die ideologiepolitische Vorarbeit geleistet hat. Stein hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er mit seiner Zeitung an der »Formierung eines starken konservativ-freiheitlichen Widerlagers« und der Schaffung einer »bundesweiten seriösen rechten parlamentarischen Alternative« mitwirken wolle, solange die sich nur öffentlichkeitswirksam und möglichst glaubhaft vom »Nationalsozialismus« distanziere. Diese Alternative gibt es inzwischen, und »wer die AfD verstehen will, muss die JF lesen«, sagt Alexander Gauland. Neben ihm lesen das Blatt ausweislich der jüngsten Quartalszahlen des Branchendienstes IVW 30.811 Menschen, eine Auflagensteigerung um stramme 88 Prozent seit dem Jahr 2008. (brat)

CatoMagazin für neue ­Sachlichkeit

Im September 2017 hat sich die Junge Freiheit erweitert. Seitdem erscheint im zweimonatlichen Rhythmus Cato – Magazin für neue Sachlichkeit. Der Verlag der Jungen Freiheit ist Alleingesellschafter der CATO Verlag GmbH. Der Sitz der mit 25.000 Euro Kapital registrierten Gesellschaft ist in der Fasanenstr. 4, Berlin-Charlottenburg, wo auch die von der »Förderstiftung konservative Bildung und Forschung« (Vorsitz: JF-Chefredakteur Dieter Stein, gestiftet von Caspar von Schrenck-Notzing, dem Herausgeber des in den 70er/80er Jahren maßgeblichen neurechten Theorieorgans Criticón) betriebene »Bibliothek des Konservatismus« residiert. Das Magazin zielt wie die JF auf konservative bildungs- und besitzbürgerliche Kreise, die für neurechte Positionen empfänglich sind. Textgestalt, Layout und Preis (12 Euro/Heft) sind entsprechend. Umfasste die Startauflage noch ambitioniert 50.000 Exemplare, sind die Zahlen seither schwankend. Für das vierte Quartal 2018 sind bei der IVW 35.995 gedruckte und 12.019 verkaufte Exemplare gemeldet, 5.914 Hefte gingen an Abonnenten.

Der Titel der Zeitschrift bezieht sich auf den konservativen römischen Politiker Cato den Jüngeren (95–46 v. u. Z.), der gegen den aufstrebenden Julius Cäsar die hergebrachte Ordnung der römischen Gesellschaft zu verteidigen suchte. Ähnliche Machtambitionen erkennen die Cato-Macher offenbar in »liberal«-bürgerlichen Politikern. Auf der Titelseite der ersten Ausgabe prangte eine Abbildung Angela Merkels als Cäsarin. Davon abgesehen, ist Ton der meisten Beiträge bemüht ruhig, jedenfalls frei von Aktivistenjargon. Beklagt wird der »Verlust zahlreicher Standards bürgerlichen Lebens«; liberaler Relativismus und »grenzenlose Toleranz«, welche das gesellschaftliche Leben in den westlichen Ländern dominierten, bedrohten traditionelle Kulturen, Religion und Werte. Die kulturpessimistischen Beiträge arbeiten sich in der Mehrzahl am angeblichen linken resp. linksliberalen Zeitgeist ab.

Es geht gegen die »Masseneinwanderung«, »Fremdenliebe« und den »Epochenbruch von 1968«, gegen die »industrielle Produktions-, Lebens- und Denkweise« und Liberalisierungstendenzen in den beiden großen christlichen Kirchen, gegen die »Entzauberung der Welt« und Modernismus in Kunst und Architektur, gegen »linksextreme Antifa« und »linkes Hipster-Milieu« in Neukölln sowie rückblickend – natürlich – gegen die Bolschewiki. Das zu Verteidigende bleibt dagegen zumeist abstrakt Nation, Tradition und Glaube. Positiv gewürdigt werden das klassische Handwerk und der Wiederaufbau des Frankfurter Römer-Quartiers, Nietzsche-Gedenken, Vollgeld-Ideen, Oswald Spengler, die von Cato-Autoren mitinitiierte »Gemeinsame Erklärung 2018« und Botho Strauss’ »Anschwellender Bocksgesang« – ein zentraler Text für heutige Rechtsintellektuelle.

Zu den nahezu ausschließlich männlichen Autoren zählen Wissenschaftler, Intellektuelle, Kirchenmänner und Schriftsteller, etwa der ehemalige SPD-Wirtschaftspolitiker Thilo Sarrazin, der Schriftsteller Friedrich Dieckmann, die Historiker Jörg Baberowski und Alexander Demandt, sowie aus anderen rechten Publikationen bekannte Publizisten wie Matthias Matussek, Michael Klonovsky, Sebastian Hennig und Thomas Fasbender. Auch eine Rede des AfD-Kovorsitzenden Jörg Meuthen (auf dem »Neuen Hambacher Fest«) wurde bereits abgedruckt.

Als Chefredakteur dient Andreas Lombard, der für die Berliner Zeitung und den rechts gewendeten Manuscriptum-Verlag arbeitete und Bücher wie »Homosexualität gibt es nicht. Abschied von einem leeren Versprechen« (2015) veröffentlichte. Spiritus rector der Zeitschrift ist allerdings der Historiker, Gymnasiallehrer (Studienrat) und langjährige JF-Kolumnist Karlheinz Weißmann. Der Schüler des Publizisten und Ernst-Jünger-Sekretärs Armin Mohler hat diesen nach dessen Tod 2003 als maßgeblichen Stichwortgeber der Neuen Rechten beerbt. 2000 begründete er mit Götz Kubitschek die Denkfabrik »Institut für Staatspolitik« (IfS), als deren wissenschaftlicher Direktor er bis 2014 amtierte. Zudem arbeitete er als Redakteur der IfS-Zeitschrift Sezession, deren programmatische Texte er verfasste. Während Kubitschek eine auf medienwirksamen Aktionen basierende, »nationalrevolutionäre« Strategie zur neurechten Hegemoniegewinnung präferiert, setzt Weißmann auf die »metapolitische« Beeinflussung der herrschenden Eliten. Seit dem Bruch mit Kubitschek 2014 arbeitet er verstärkt mit der JF zusammen, seit März 2018 ist er Kuratoriumsmitglied der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung. (pm)

Sezession

Seit 2003 hat sich die Zweimonatszeitschrift Sezession zum wohl wichtigsten theoretischen Medium der Neuen Rechten entwickelt. Sie ist das Hausorgan des »Instituts für Staatspolitik« (IfS) und erscheint im Antaios-Verlag in Schnellroda (Sachsen-Anhalt), dessen Verleger Götz Kubitschek auch der verantwortliche Sezession-Redakteur ist. Der Anspruch ist semiwissenschaftlich und bewusst elitär: Man richte sich »an die Spitze, nicht die Breite«, heißt es auf der Homepage. Insbesondere die Jugend aus gesellschaftlich möglichst einflussreichen, gebildeten Kreisen soll für rechte Positionen ­gewonnen werden. Die verkaufte Auflage liegt mit 3.000 bis 5.000 Exemplaren (elf Euro/Heft) für ein nicht am Kiosk erhältliches Medium recht hoch. Der Heftumfang ist von anfangs 60 auf mittlerweile 70 bis 80 Seiten angewachsen. Durchaus in die Breite wirkt auch der Blog Sezession im Netz, für den alle regelmäßigen Autoren der Zeitschrift schreiben und der mit eigenen Kolumnen, eingebetteten Videos, dem Heftarchiv u. ä. professionell geführt wird. Hefte zu einem besonderen Thema (zuletzt »Volk«, »Nation und Europa«, »1968«) wechseln sich mit inhaltlich offenen ab, gelegentlich erscheinen Sonderausgaben.

Der Titel Sezession bezieht sich auf Botho Strauß’ in der Neuen Rechten bald als kanonisch betrachteten Essay »Anschwellender Bocksgesang« (1993), in dem dieser den »Mut zur Sezession, zur Abkehr vom Mainstream« forderte. Als eines der wenigen rechten Medien beschäftigt sich die Sezession eingehend mit linken und marxistischen Gesellschaftsanalysen. Schon früh fanden sich Beiträge über linke Denker von Marx über Mao bis Robert Kurz im Heft. Im vergangenen Jahr wurde zudem in Heft und Blog sowie auf einer Konferenz eine längere Debatte über »Marx von rechts« geführt.

In den Anfangsjahren bemühte sich die Sezession v. a. um eine intellektuelle Grundlegung der Neuen Rechten. Das Verhältnis zur JF war zunächst freundlich-arbeitsteilig, aber durchaus konfliktträchtig: Während JF-Chefredakteur Dieter Stein die Bezeichnung »Neue Rechte« als diffamierend ablehnte und das Attribut »konservativ« präferierte, bekannte sich die Sezession zu dem Terminus. Der ehemalige JF-Redakteur und Exsoldat Kubitschek propagierte schon 2006 in Anlehnung an die Methoden der westdeutschen »68er« die politische Provokation, um die kulturelle Hegemonie des Linksliberalismus zu stören. Stein befürchtete, plakative Aktionen würden sympathisierende konservative Kreise abschrecken. Der hier angelegte Konflikt eskalierte um 2014 in einem Streit über das Verhältnis zur AfD, in dessen Verlauf Karlheinz Weißmann IfS und Sezession verließ. Er und Stein setzten zunächst auf Bernd Lucke, dann andere »Gemäßigte«, während Kubitschek von Beginn an den völkischen Flügel um Björn Höcke unterstützte, auf den er großen Einfluss ausübt. Im aktuellen Februarheft findet sich denn auch ein Beitrag des AfD-Bundessprechers und Höcke-Patrons Alexander Gauland.

Spätestens seit dem Bruch mit Weißmann wird das Heft von Autoren dominiert, die der »Identitären Bewegung« nahestehen, die im deutschsprachigen Raum maßgebliche Anreize von Kubitschek erhält. Neben ihm schreibt mittlerweile auch der Jurist und ehemalige NPD-Aktivist Thor von Waldstein die programmatischen Texte der Sezession. (pm)

Tichys Einblick

Roland Tichy ist ein etablierter deutscher Wirtschaftsjournalist. Der ehemalige Chefredakteur der Wirtschaftswoche sowie der Magazine Euro und Impulse kommt aus der Politik, bis 1985 war er Mitarbeiter im Planungsstab von Helmut Kohls Kanzleramt. Es folgten Stationen als Leiter des Berliner Büros des Handelsblattes und als stellvertretender Chefredakteur von Capital. Auch seinem Metier, der großen Wirtschaft, war Tichy stets eng verbunden: etwa als Leiter des Ressorts »Corporate Issues Management« bei der Daimler Benz AG. Hinzu kamen eine wöchentlich erscheinende Wirtschaftskolumne für Bild am Sonntag sowie mehrere Bücher. Darunter, 1990 erschienen, der Titel »Ausländer rein«. Tichy vertrat damals die – durchaus neoliberal zu nennende – Ansicht, dass man Zuwanderung aus ökonomischen Gründen brauche und die Migranten der BRD nutzten. Nicht zuletzt, so Tichy 1990, solle man nicht vergessen, dass »es sich hier um Menschen handelt«.

Seitdem hat sich einiges geändert. Tichy schied 2015 aus der Dieter-von-Holtzbrinck-Mediengruppe, die das Handelsblatt und die Wirtschaftswoche herausgibt, aus. 2017 endete auch seine Herausgeberschaft für die »Xing«-Debattenplattform »Klartext«. Hier war unter seiner Ägide ein Schmähartikel gegen »grün-linke Gutmenschen« veröffentlicht worden, die als »geistig-psychisch krank« klassifiziert wurden. Ist Tichy dem Zeitgeist zum Opfer gefallen, der seine Meinung nicht mehr akzeptieren kann? Oder hat ihm die AfD, die nach Tichys Meinung die »ererbte und erarbeitete Kultur« der Bundesrepublik schützen und ihren »hoch entwickelten Lebensstil bewahren« will, einen lukrativen Posten versprochen?

Zumindest Tichys Position zur Migration hat sich zügig dem neuen rechten Mainstream angepasst: »Was ist das nun für ein Land, das durch Merkels schnellen Bevölkerungsimport entsteht?« fragt sich der Journalist. Migranten heißen bei ihm heute nur noch »Merkel-Flüchtlinge«. Tichy publiziert nun auf einer eigenen Plattform namens »Tichys Einblick«. Hier kann ihn niemand mehr feuern oder zum Rücktritt drängen.

»Tichys Einblick« ist ein »neues Medium«, das nicht nur – ursprünglich als reines Onlinemagazin – von der Konfrontation mit den sogenannten etablierten Medien zehrt, sondern auch hart rechten Positionen einen selbstverständlichen Platz einräumt. Man kann die Geschichte der Konversion des Herausgebers vom einstigen Mainstreamjournalisten zum grenzverletzenden Internetphänomen allerdings auch ganz anders lesen, nämlich als gelungene Anpassung an eine sich verändernde öffentliche Meinung. Dass Ziel- und Käuferschichten für eine nationalistische Lesart der Gegenwart vorhanden sind, beweisen die AfD-Wähler ohnehin: Man muss der Partei ja nicht selbst beigetreten sein, um an ihren Rändern Geschäfte zu machen. Die Mär, selbst ein Ausgestoßener, ein Missachteter zu sein, gehört so gesehen wie das Klappern zum Handwerk.

Dabei ist Tichy immer noch gut im Business: Als Vorsitzender der von Altbundeskanzler Ludwig Erhard gegründeten gleichnamigen Stiftung, die – laut Satzung – »freiheitliche Grundsätze in Politik und Wirtschaft durch staatsbürgerliche Erziehungs- und Bildungsarbeit im In- und Ausland sowie durch wissenschaftliche Tätigkeit auf dem Gebiet der Wirtschaft und Ordnungspolitik« fördern will. Als Vorstandsmitglied der »Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft«, Mitglied im Kuratorium der »Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung« und Mitglied der »Mont Pelerin Society« bleibt er einer der führenden Ideologen bürgerlicher Thinktanks in der BRD.

Der vermeintliche Widerspruch muss keiner sein, denn das, was Tichy unter »freiheitlich« versteht, ist im Sinne von »neoliberal« zu lesen: Freiheit für das große Kapital. Etliche seiner Anhänger wollen hier lieber nicht allzu genau hinschauen, denn in allen wesentlichen Fragen hat sich Tichy überhaupt nicht gewandelt: Er agitierte für das Freihandelsabkommen TTIP, den »Einblick« vermarktet er als »Monatsmagazin für die liberal-konservative Elite; eine Zielgruppe, die die Nase voll hat vom bevormundenden Mainstream-Journalismus, die selber denkt, die die Wahrheit verträgt, die mehr über Hintergründe und Zusammenhänge erfahren möchte«. Laut eigenen Angaben kommt die Webseite auf über 7,5 Millionen Klicks von rund 650.000 Nutzern pro Monat. In den (für die Werbeindustrie gedachten) Mediadaten für »Tichys Einblick« werden »Entscheider aus Wirtschaft und Politik«, »Unternehmer«, »Besserverdienende« und »leitende Angestellte« als Zielgruppe genannt. Kein Wunder, dass eine solche Leserschaft beim »Affinitätsindex Geldanlagen« als »sehr stark interessiert« eingestuft wird. (sc)

Compact

Die Publikumszeitschrift im Lager der Rechten heißt Compact. Damit ist zugleich implizit eine Aussage über Niveau und Zielgruppe getroffen. Denn Faschismus ist eben noch immer vor allem Männersache. Der Blattmacher (Geschäftsführer und Chefredakteur) Jürgen Elsässer trägt diesem Umstand Rechnung und stellt am Ende eines jeden Heftes die »Schöne des Monats« mit Sätzen wie diesem vor: »Mit ihren blonden Haaren und blauen Augen ist sie die germanische Kriegerin schlechthin«. Elsässer passt in sein »Magazin für Souveränität« wie die Jauche in die Grube.

Der politische Wanderprediger, der seinen Weg ganz links begann, um endlich zu dem Faschisten zu reifen, der er heute ist, ließ das Heft erstmals Ende 2010 vom Stapel. Das war knapp zwei Jahre, nachdem der ehemalige Studienrat aus Pforzheim die Öffentlichkeit über den »bewussten Angriff des angloamerikanischen Finanzkapitals« belehrt und aufgerufen hatte, zu dessen Abwehr eine »Volksinitiative« zu gründen, ein Bündnis »von Lafontaine bis Gauweiler«. Man konnte damals schon wissen – Elsässer unterschied da fein säuberlich, wenngleich nicht in der inkriminierten Terminologie, zwischen gutem »schaffenden« und schlechtem »raffenden« Kapital –, wohin die Reise geht.

Der anfängliche Querfrontansatz ist inzwischen deutlich verblasst, links gab es nicht viel zu holen, rechts dafür umso mehr. Ein Pragmatiker weiß sich anzupassen. Zustimmung generiert sich über Stimmung, und die benötigt Feindbilder: die staatlich geförderte Antifa, die »Hassmedien – der Mob des Regimes«, die Grünen, die »internationale Hochfinanz« und sowieso die »migrantischen Mafiosi«, also jene »Invasoren«, die in Deutschland den »Volksaustausch« besorgen. Die Koketterie mit linken Ansätzen unter Verweis auf deren Koryphäen ist derweil nicht gänzlich verschwunden. Elsässer beruft sich gelegentlich einer von ihm entdeckten »Revolution in Europa« (»Paris brennt, Berlin pennt«) freimütig auf Marx und Gramsci. Wirklicher Gewährsmann ist aber eher Gramscis italienischer Kontrahent und Peiniger: »Während die Oktoberrevolution eher einem Putsch glich, der auch noch vom Geld der deutschen Generalität und der Wall Street finanziert war, hatte Benito Mussolini wirklich ein Konzept für eine Volksmobilisierung: Der spätere Duce war bis 1915 einer der prominentesten und radikalsten Sozialistenführer gewesen – das verschaffte ihm einen Nimbus im Volk, den die reaktionäre Rechte niemals erreicht hätte. 1922 besetzten seine Squadristi eine Stadt nach der anderen und übernahmen die Macht in der Provinz. Das war ein blutiges Geschäft, aber weitaus unblutiger als die Oktoberrevolution.« (Januarheft 2019)

Den Mussolini zum römischen Gruße tanzt auch Martin Sellner, führende Figur der »Identitären Bewegung« in Österreich, der in Compact unter dem Titel »Sellners Revolution« eine monatliche Kolumne schreibt. Zum Beispiel über den »Aufstand im Messerland«: »Durch die Politik des Bevölkerungsaustauschs wird die homogene Kulturgemeinschaft (…) rapide und brutal zerschlagen. (…) Die Stadt wird beherrscht von eingewanderten Clans. (…) Es geht um die Transformation von Volk und Staat in einen multikulturellen Dschungel, über dem eine unantastbare Elite thront.« (Oktoberheft 2018)

Solche perzeptiven Deprivationen werden in einer Auflage von angeblich rund 80.000 Exemplaren verbreitet, wovon etwa 41.000 verkauft würden. Gut möglich, dass auch diese Zahlen einer ganz speziellen Wahrnehmung zu verdanken sind. (brat)

Diese und weitere Zeitschriften aus dem Umfeld der Neuen Rechten werden demnächst in einer Broschüre der DKP-Neukölln vorgestellt und kritisiert. Kontakt unter info@dkp-neukoelln.de.

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