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Aus: Liebknecht-Luxemburg-Ehrung, Beilage der jW vom 12.01.2019

Gefüllte Artischocken nach Gärtnerinnenart

Unterzeile
Von Ina Bösecke

»Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben lang.« Mit diesem Zitat beginnt der Dokumentarfilm »Kulenkampffs Schuhe« (2018) von Regina Schilling. Es stammt aus einer Rede, die Adolf Hitler vor Kreisleitern im sudetendeutschen Reichenberg hielt, und meint die Vereinnahmung der deutschen Jugend in die Naziorganisationen von klein auf, also von der Hitlerjugend bis zur Wehrmacht. Der Satz bestimmt die Dokumentation, die die Lebensläufe verschiedener Männer miteinander verknüpft: Schillings Vater, Hans-Joachim Kulenkampff, Hans Rosenthal und Peter Alexander stehen im Mittelpunkt. Horst Tappert spielt auch eine Rolle. Bis auf Schillings Vater, einen Kölner Drogisten, haben wir es mit Showleuten und Schauspielern zu tun, die über Jahrzehnte das bundesdeutsche Fernsehen prägten – zu einer Zeit, als das Medium noch 95 Prozent der Bevölkerung erreichte. Jeden Samstagabend habe Schilling mit ihren Geschwistern frisch gebadet erwartungsvoll auf dem Sofa gehockt und zusammen mit den Eltern Shows wie »Einer wird gewinnen« oder »Dalli Dalli« angeschaut.

Der Film besteht aus Archivaufnahmen von derlei Sendungen, außerdem wurden Fotos und Super-8-Filme des Vaters sowie der Familie der Regisseurin verwendet. Verstörend ist der Wechsel zwischen der zuckersüß-klebrig anmutenden bundesdeutschen Fernsehwelt der 60er, 70er und 80er Jahre und den Rückblenden in die Jugend der Protagonisten, aus der ebenfalls Fotos gezeigt werden. Schillings Vater, Peter Alexander und Kulenkampff waren Soldaten der deutschen Wehrmacht, letzterer amputierte sich eigenhändig in der Kesselschlacht von Demjansk vier erfrorene Zehen. Rosenthal musste sich als Jude zwei Jahre in der Laube einer Kleingartenkolonie verstecken, um die Nazizeit zu überleben. Tappert war Mitglied der Waffen-SS, was erst nach seinem Tod bekannt wurde. »Hätte man zusammenarbeiten können, wenn man alles voneinander gewusst hätte?« fragt sich die Regisseurin. Dass die Vergangenheit keinen der Protagonisten losgelassen hat – ihr ganzes Leben lang –, zeigen die vielen kleinen Ausschnitte, in denen die Fernsehgrößen Anspielungen auf den Krieg machen (während ihrer Fernsehshows wie Kulenkampff und Alexander) oder direkt davon erzählen (Rosenthal).

Für die Fernsehzuschauer dieser Welt gibt es folgendes Rezept zum Samstagabendprogramm: Gefüllte Artischocken nach Gärtnerinnenart. Ein Ei in einer Schüssel mit dem Saft einer halben Grapefruit verquirlen; mit Salz und Pfeffer würzen. 50 g Parmesan, zwei EL Semmelbrösel, einen EL Kapern, zwei in Salz eingelegte Sardellen (filetiert) zugeben, alles vermengen. Beiseite stellen. Eine Schüssel zur Hälfte mit kaltem Wasser füllen, Saft einer Zitrone zugeben. Stiele von acht großen Artischocken abbrechen, harte Außenblätter abschneiden. Blattspitzen um zwei Zentimeter kürzen. Heu entfernen. Artischocken ins Zitronenwasser geben. Einen großen Topf zur Hälfte mit Wasser füllen. Einen EL Mehl, eine Prise Salz einrühren. Artischocken abgießen, in den Topf geben, Wasser zum Kochen bringen. In 15 Minuten weichkochen. Backofen auf 200 Grad vorheizen. Artischocken abtropfen lassen, mit der Parmesan-Sardellen-Mischung füllen. In eine Auflaufform setzen, mit Olivenöl beträufeln. 20 Minuten backen.

Dass die Vergangenheit keinen der Protagonisten losgelassen hat, zeigen die vielen kleinen Ausschnitte, in denen die Fernsehgrößen Anspielungen auf den Krieg machen oder direkt davon erzählen.

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