Aus: 100 Jahre KPD, Beilage der jW vom 29.12.2018

»Hier Ebert« – »Hier Groener«

Den Bolschewismus bekämpfen: Am 9. November 1918 verbündete sich der SPD-Vorsitzende Friedrich Ebert mit der Armeeführung. Auszüge aus »Der Kaiser ging, die Generäle blieben«

Von Theodor Plivier
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Plivier schildert im Schlusskapitel seines Romans u. a., wie Karl Liebknecht am Nachmittag des 9. November 1918 am Berliner Schloss die sozialistische Republik ausruft. Danach fährt der Autor fort:

Liebknecht stellt auf dem Schlosshof in größter Eile eine Truppe zusammen, die das zum Volkseigentum erklärte Schloss besetzt halten soll, und ernennt einen Soldaten zum Kommandanten. Den vierundzwanzig Mann, die von der alten Wache noch übriggeblieben sind, verspricht er freies Geleit. Dann besteigt er wieder den Wagen, mit dem er gekommen ist, und fährt mit seinen Begleitern in den Reichstag.

Er betritt das Zimmer 18, in dem die Unabhängigen (USPD-Fraktion, jW) beraten.

Sein Kopf ist bis zum Bersten voll von den Erlebnissen dieses einzigartigen Tages. Der Agitator Liebknecht, der in einem Saal voll begeisterter Zuhörer sich bis zur Selbstvergessenheit entzünden kann, hat heute Hunderttausende marschieren sehen. Er blickt sich um im Kreise der hier disputierenden Dittmann, Müller, Barth, Wurm, Cohn. Er hat keinen eigentlichen Eindruck von den Gesichtern und hört kaum, über was debattiert wird. Er erfasst nur das leitende Thema, und ohne Fragen zu stellen, ohne Gegenäußerungen abzuwarten, tritt er an den Schriftführer heran und diktiert in die Schreibmaschine: »Alle exekutive, alle legislative, alle richterliche Gewalt bei den Arbeiter- und Soldatenräten …«

Barth und die Vertreter des linken Flügels jubeln.

Dittmann und die vom rechten Flügel haben für diese eindeutige, nicht misszuverstehende Formulierung nicht gleich passende Gegenargumente bereit. Sie berufen sich nur auf Haase, der ja bald kommen müsse, und ohne den man endgültige Entscheidungen nicht treffen könne. (...)

Scheidemanns Einwendungen

Während man noch über Haase, über Beschaffung eines Militärautos, über Ausstellung der Geleitscheine und die notwendigen Unterschriften disputiert, geht die Tür auf, und Scheidemann guckt herein. Die Gewerkschaftsfunktionäre Brolat und Heller sind bei ihm.

»Seid ihr nun endlich zu einem Entschluss gekommen?« fragt Scheidemann.

»Wir müssen uns doch erst über die Grundformen der neuen Republik schlüssig werden!«

»Ist denn wenigstens schon so etwas wie ein Entwurf da?«

Der Schriftführer bringt den von Liebknecht diktierten Text.

Scheidemann nimmt ihn in die Hand und liest; er stutzt bei den entscheidenden Zeilen, und um sich zu sammeln, liest er ein zweites Mal.

»Ja, aber Leute, wie denkt ihr euch das denn eigentlich?«

»Das muss so sein!«

»Anders geht’s nicht!«

»Auf anderes können wir uns nicht einlassen!«

»Außerdem muss Haase ja bald kommen!«

Scheidemann macht Einwendungen, er versucht es mit seinem grauen Kopf, mit dem väterlichsten Tonfall, der ihm zur Verfügung steht. Nach langem Hin- und Herreden gelingt es ihm, den entscheidenden Satz abzuwandeln in den Wortlaut: »In dieser Republik soll die gesamte legislative, exekutive, juridiktionelle Macht ausschließlich in den Händen von gewählten Vertrauensmännern der werktätigen Bevölkerung und der Soldaten sein.«

Diese Fassung hat den Liebknechtschen Entwurf zwar nicht grundlegend verändern können, aber so ist es nicht mehr »schreiender Bolschewismus«, und die Worte »gewählte Vertrauensmänner« lassen auch den sozialdemokratischen Führern noch Türen offen. Und wenn lange genug darüber debattiert wird, vielleicht auch den bürgerlichen Führern, ohne die die Sozialdemokratie sich eine Regierung nicht vorstellen kann.

Nur halb zufrieden mit Erreichtem, verlässt Scheidemann die Unabhängigen und überbringt seinen Genossen den Text. Es wird sofort eine Abschrift hergestellt und dem Parteivorsitzenden Ebert in die Reichskanzlei geschickt. (…)

Eberts Lösung

Ebert lässt den Genossen hereinrufen.

Er liest den von Unabhängigen aufgesetzten und von Scheidemann gemilderten Entwurf für eine gemeinsame Regierungsbildung. Sorgsam geht er das Schriftstück Punkt für Punkt durch und legt es auf den Tisch zurück.

»Unmöglich, darauf können wir uns nicht einlassen.«

»Dann schicken wir den Unabhängigen also eine Absage?«

»Nein, das geht auch nicht.«

Ebert sucht nach einem Ausweg, und wieder verfällt er dem gleichen Gedanken, der ihm schon mehrmals an diesem Tage gekommen ist, den er aber nicht auszusprechen wagt; nicht nur die radikalen Arbeiter und die Unabhängigen, auch seine eigenen Genossen würden ihn als Verrat aufnehmen. (…)

Die Tore der öffentlichen Gebäude stehen offen: Im Polizeipräsidium bewaffnen sich die Arbeiter.

In den Kasernen suchen Obdachlose Zuflucht.

Auf dem Hof des Kriminalgerichts brennt ein Scheiterhaufen von Aktenbündeln.

In den hellerleuchteten hohen Räumen des Reichstages strömt das Volk zusammen. Emil Barth verlegt die im Obergeschoss tagende Funktionärssitzung der Revolutionären Obleute in den großen Plenarsaal. Die von Richard Müller gesammelten Arbeiter und Feldgrauen und die Matrosen, die Dorrenbach um sich geschart hat, strudeln hinterher. Und von dem mit rotem Tuch überhängten Präsidium des Reichstagssaales herunter erklärt Barth die erste Sitzung des Großen Berliner Arbeiter- und Soldatenrates für eröffnet. (…)

Kabinett der Konterrevolution

Im Fraktionszimmer der Unabhängigen ist die Antwort der Sozialdemokraten zu den aufgestellten Punkten für eine gemeinsame Regierungsbildung eingetroffen.

Liebknecht wirft das Schreiben auf den Tisch zurück: »Deutschland soll eine soziale Republik sein – das erkennen sie an, aber nur als Forderung und als Ziel. Eine Konstituante soll darüber entscheiden. Dazu sind sie gegen Arbeiter- und Soldatenräte und betonen die Notwendigkeit, bürgerliche Mitglieder in die provisorische Regierung aufzunehmen. Genossen, das ist ein Kabinett der Konterrevolution. Wir haben darin nichts zu tun. Unsere Aufgabe ist, die Revolution weiterzutreiben …«

Ledebour stimmt Liebknecht zu: »Ich würde mich mit diesen Leuten im allgemeinen und mit Ebert und Scheidemann im besonderen nicht an einen Tisch setzen, viel weniger in eine Regierung!« (…) Dittmann, Wurm und Cohn sind für Beteiligung: »Wir dürfen keine Abstinenz üben, und die Regierung ist nötig für das Abschließen des Waffenstillstandes. Dann wollen wir doch wenigstens für drei Tage eintreten. Auch der Name Liebknecht ist wichtig. Er kann es doch wohl nicht verantworten, wenn durch seine Weigerung der Waffenstillstand verzögert wird und deshalb auch nur ein Soldat noch sein Leben verliert …« (…)

Militärische Macht

Fritz Ebert ist im Kanzlerzimmer allein geblieben. Er hat seine Freunde verabschiedet. Mit verschwitztem Kragen und aufgeknöpfter Weste sitzt er zurückgelehnt auf demselben Platz, von dem er sich seit Stunden kaum erhoben hat. Das Tempo des Tages ist ihm fast zuviel gewesen. Morgens wollte er die Monarchie noch halten, um zehn versuchte er der Streikbewegung in den Arm zu fallen, mittags blieb nur noch die Aussicht auf eine einzuberufende Konstituante übrig, und abends ist er hart an der Grenze der Machtübergabe an die Arbeiter- und Soldatenräte angelangt. Er hat für den morgigen Tag alles vorbereitet und zweifelt nicht, dass ein aus Sozialdemokraten und Unabhängigen zusammengesetztes Kabinett der Volksbeauftragten zustande kommen wird. Und aus einem solchen Kabinett kann ein Instrument gemacht werden, das den Räten allmählich überzuordnen ist. Was Noske in Kiel gelungen ist, muss auch in Berlin und im Reich durchzuführen sein. Das ist letzten Endes eine Frage der militärischen Macht. Die Armee, die hinter der alten Regierung stand, ist im Zerfallen begriffen. Die Soldaten werden nach allen Richtungen auseinanderlaufen, aber was werden die Offiziere tun? ... Der Gedanke, der Verrat bedeutet, ist wieder da.

Ebert ist frei von exaltierten Auffassungen und ohne die geringste Neigung zu Überschwenglichkeiten. Der hinter ihm liegende 9. November, den Generationen von Sozialisten ersehnt und für den sie gelitten haben, hat sein Blut nicht schneller laufen lassen und ihn nur rechtschaffend müde gemacht.

Was ist Verrat? Eine müßige Frage ohne realpolitischen Hintergrund, die Schreier und Idealisten beantworten mögen. Und was ist Sozialismus? Eine Idee der Menschheitsbefreiung, wie es auch andere gibt. In der Politik geht es nicht um Ideen, sondern um die Kräfte, die im Zeichen gewisser Ideen zu organisieren sind. Es geht nicht um den Sozialismus, sondern es geht um die Sozialdemokratische Partei. Dieses große Instrument kommt unter die Räder und wird zerrieben, wenn die Arbeiter- und Soldatenräte zur Herrschaft gelangen, wenn er nicht rechtzeitig eine militärische Macht hinter seine Politik zu bringen versteht. Kann er die Offiziere der alten kaiserlichen Armee zu Hilfe rufen: Das ist die Frage.

Ebert hebt sich aus seinem Sessel hoch, geht auf die Tür zu, öffnet und lauscht einen Moment auf den Gang hinaus, dann schließt er wieder und riegelt hinter sich ab. Schwer sinkt er in den Sessel zurück und starrt das vor ihm stehende Telefon an. Wenn er den Hörer hebt, meldet sich die Hauszentrale, aber wenn er vorher umschaltet, ist er durch einen geheimen Draht mit der Obersten Heeresleitung in Spa verbunden und kann ohne Nebenhörer mit dem Generalquartiermeister sprechen …

Wenn es sich nur um Preisgabe eines der sozialistischen Prinzipien handelte – von denen haben viele den Notwendigkeiten positiver Staatspolitik geopfert werden müssen, und nicht nur mit seiner, sondern mit der Zustimmung aller einsichtigen Genossen. Aber gerade das ist es: solche Maßnahmen waren stets durch einen Mehrheitsbeschluss sanktioniert.

Und hier steht er allein! (…)

Dank an Hindenburg

Im Fraktionszimmer der Unabhängigen ist der von Dittmann, Cohn, Haase und den Soldatendelegierten mürbe gemachte Liebknecht bereit, in das Kabinett der paritätisch zusammengesetzten Volksbeauftragten einzutreten und verlangt nur noch: »Aber die Arbeiter- und Soldatenräte haben die legislative und exekutive Macht, und die Koalition ist nur für drei Tage, und die Volksbeauftragten müssen von der Vollversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte bestätigt werden …« Eine Stunde später zieht Liebknecht seine Erklärung wieder zurück. (…)

In der Reichskanzlei schrillt ein Telefon.

Der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei hat den Hörer in der Hand.

»Hier Ebert.«

»Hier Groener.«

Der Generalquartiermeister Groener hat sich mit seinem Stab beraten und hat dem Feldmarschall von Hindenburg darüber Vortrag gehalten. Die Armee braucht die Sozialdemokratische Partei zur Wiederherstellung der verlorengegangenen Autorität. Als Preis dafür bieten die Generäle der neuen Regierung den Schutz ihrer Bajonette und Kanonen …

Der Reichskanzler Ebert hört den Vorschlägen des Ersten Generalquartiermeisters Groener aufmerksam zu und fragt zurück: »Wie werden Sie sich den Arbeiter- und Soldatenräten gegenüber verhalten?«

»Die Kommandostellen sind angewiesen, auf gütlichem Wege mit ihnen zu verhandeln.«

»Und was erwarten Sie von uns?«

»Der Herr Generalfeldmarschall erwartet von der Reichsregierung die Unterstützung des Offizierskorps bei Aufrechterhaltung der Disziplin und der straffen Ordnung im Heer. Er erwartet, dass die Verpflegung des Heeres mit allen Mitteln sichergestellt und dass jede Störung des Eisenbahnverkehrs verhindert wird.«

»Was noch?«

»Das Offizierskorps erwartet, dass die Reichsregierung den Bolschewismus bekämpfen wird, und stellt sich ihr hierfür zur Verfügung.«

Ebert zögert mit der Antwort. Er blickt zur mit dicken Polstern ausgeschlagenen Tür; er dreht sich nach dem Fenster um und lauscht nach draußen, wo er die Niederrufe vorbeimarschierender Arbeiter zu hören glaubt.

Dann antwortet er mit fester Stimme: »Übermitteln Sie dem Herrn Generalfeldmarschall den Dank der Regierung.«

Theodor Plivier: Der Kaiser ging – die Generäle blieben. Ein deutscher Roman. Malik-Verlag, Berlin 1932, Seiten 327–345

Theodor Plivier (schrieb sich ab 1933 Plievier) lebte von 1892 bis 1955. Sein Geburtshaus stand in Berlin-Gesundbrunnen (heute Gedenktafel in der Wiesenstraße 29). Mit 17 veröffentlichte er erste Aufsätze in einer Arbeiterzeitung, verließ nach einem Streit sein Elternhaus, wanderte durch Europa und wurde Matrose bei der Handelsmarine. 1910 musterte er in Südamerika ab und arbeitete bis 1913 in Salpeterminen in Chile. 1914 wurde er zur Kriegsmarine eingezogen und beteiligte sich 1918 in Wilhelmshaven an der Revolution. Nach der Entlassung lebte er in einer Kommune bei Urach und war zeitweilig Mitglied der anarchosyndikalistischen FAU.

Mit seinem ersten Roman »Des Kaisers Kulis« (1929) wurde er international bekannt (40.000 verkaufte Exemplare in Deutschland), den zweiten Roman »Der Kaiser ging – die Generäle blieben« brachte der Malik-Verlag 1932 in einer ersten Auflage von 12.000 Exemplaren heraus. 1933 ging Plievier, dessen Bücher von den Nazis verbrannt wurden, mit seiner Frau ins Exil in die Sowjetunion. Dort schrieb er seinen größten Erfolg, den Roman »Stalingrad«, der ab 1943 in der Zeitschrift Internationale Literatur in Moskau, 1945 als Buch in der Sowjetischen Besatzungszone, wo er nach der Rückkehr zunächst lebte, und in Mexiko erschien. 1947 übersiedelte er in die Britische Besatzungszone, 1953 in die Schweiz


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