Aus: Alternatives Reisen, Beilage der jW vom 12.12.2018

Schneeleoparden auf der Spur

Im Urlaub zu Natur- und Artenschutz beitragen: als Bürgerwissenschaftlerin in Kirgistan

Von Bernadette Olderdissen
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In Kirgistan leben die Hirten, wie diese im Karakol-Tal, im Sattel: Pferde spielen im Alltag der Nomaden ganz Zentralasiens weiter eine große Rolle

Zugegeben, es ist gewöhnungsbedürftig, tagein, tagaus durchs Tienschan-Gebirge im Zen­trum Kirgistans zu stiefeln, auf der Suche nach Kot und weiteren Spuren von Schneeleoparden und deren Beutetieren wie Steinböcken, Schneehühnern und Murmeltieren. Zwei Wochen lang geht es jeden Morgen vom Basislager in 3.000 Meter Höhe los. Mit dabei sind dreizehn Expeditionsteilnehmer, ihr Leiter ist Amadeus DeKastle, der 35jährige stammt aus Lörrach, der ukrainische Wissenschaftler Dr. Wolodja Tytar, 67, und zwei kirgisische Gehilfen. Ein Tag Training mit Landkarten, GPS-Geräten und Fotofallen bereitet die Laien, von einer 27jährigen Londoner Angestellten bis zu einem US-amerikanischen Biologen Mitte 40 und einer fast 80jährigen Australierin, auf ihren Job vor.

Auf 105.000 Quadratkilometern möglichem Lebensraum in den zentralasiatischen Hochgebirgen sollen 4.000 bis 7.000 Schneeleoparden leben, rund 350 davon in Kirgistan. Natürlich würde ihn jeder gerne sehen, den scheuen Einzelgänger mit hellgrauem Fell, schwarzen Flecken und einem buschigen Schwanz. Die Expeditionen für Enthusiasten, die Biosphere Expeditions und der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) 2014 ins Leben riefen, zielen vorrangig auf die Spurensuche, gepaart mit der Hoffnung, dass sich doch mal ein Schneeleopard von einer der angebrachten Fotofallen ablichten lässt – gern in bester Selfie-Manier. Nur so kann das Vorkommen der Tiere hier dokumentiert werden. Die kirgisische Regierung soll so dazu bewegt werden, die Region zum Biosphärenreservat zu erklären – mit Hilfe der Bürgerwissenschaftler. »Das Geld der Teilnehmer fließt zu 70 Prozent in das Projekt, in Personal, Ausrüstung und Transportmittel«, erläutert Tytar. Staatliche Unterstützung für solche Unternehmungen gebe es schon seit Ende der UdSSR nicht mehr.

Ideales Terrain

Jeden Tag geht es über alte Viehpfade hinauf bis auf 4.000 Meter Höhe. Schneebedeckte Gipfel lugen hinter steilen Berghängen hervor – ideales Schneeleopardenterrain, möchte man meinen. Dann kommt der große Tag im Juli 2018. Nach vier Jahren fängt eine Fotofalle erstmals das Nachtbild einer solchen Wildkatze ein. Ein kleiner Schritt in Richtung des ersehnten Schutzstatus? »Die Lokalbevölkerung ist leider zu einem großen Teil gegen ein Reservat, aus Angst, sie würde dann ihre Landnutzungsrechte verlieren«, bedauert Tytar. Deswegen ziehen Biosphere-Expeditions-Gruppen aus, um mit den Nomadennachbarn, die von Juni bis September mit ihrem Vieh in den Bergen leben, zu sprechen, sie über das Projekt aufzuklären. Sie werden zu einem wichtigen Teil der Spurensuche – und tischen gastfreundlich Kumys auf, vergorene Stutenmilch, das Nationalgetränk der Kirgisen. Einige versprechen sich doch Vorteile von einem Naturreservat, weil das mehr ausländische Besucher nach Kirgistan bringen würde. Denn Hirten, die sich ja bestens in der Region auskennen, könnten dann als Ranger ausgebildet werden und Arbeit finden.

Bis das neue Leben vielleicht beginnt, toben sich die Männer bei typisch kirgisischen Reiterspielen aus, darunter Ulak Tartisch, ein Favorit bei den Horse Games Festivals, die im Sommer an verschiedenen Orten im Land steigen: Zwei Teams auf Pferden versuchen, sich gegenseitig einen kopflosen Ziegenkadaver abzunehmen und ihn ins improvisierte Tor zu werfen. Der Gewinner darf die Ziege essen. Wer diese Traditionen vor oder nach der Expedition näher kennenlernen möchte, reist allein durch Kirgistan oder mit Einheimischen, dank CBT, Community Based Tourism. Das Geld fließt in die Gemeinden, geht an Fahrer, Hirten, die ihre Jurten vermieten, und an Pferdeführer.

Alpine Weiden

Vor Expeditionsbeginn bin ich eingetaucht in das Leben dieser Nomaden. Nicht modernes oder digitales Nomadentum, sondern die naturgegebene Notwendigkeit, mit dem Vieh jeden Sommer in die Berge zu ziehen, um einige Monate für Futter nicht bezahlen zu müssen. Die temporäre Heimat vieler Hirten liegt am Songköl, Kirgistans zweitgrößtem See, mit seinen weiten Jailoos, alpinen Weiden. Ich wohne in einer Jurte beim Hirten Altenbak, der sich durch den Jurtentourismus etwas dazuverdient. Ein Geschäft, das besonders am Songköl boomt, denn der klare Bergsee auf gut 3.000 Metern Höhe, hinter Wiesen voller Yaks und hügeligen Plateaus, ist der westliche Inbegriff von zentralasiatischer Schönheit und Romantik. Weitere Hirten tun es Altenbak gleich, und Besucher, die dem Charme des Sees verfallen und länger bleiben möchten als geplant, werden schnell von Kindern auf Pferden aufgelesen und zur Familienjurte geführt – Vollpension inbegriffen. Aber auch andere arbeiten für die Gäste aus aller Welt, wie IT-Student Mirdin, 21, der mit mir über die Steppe reitet. »Ich bin der Jüngste in meiner Familie, und der muss sich später um die Eltern kümmern«, erklärt er, warum er Geld braucht. Das sei fair, weil der Jüngste auch alles erbe.

Wer den Gastgebern zur Hand gehen möchte, darf zum Beispiel am Ofen in der Familienjurte Schaf oder Ziege zubereiten oder Brot backen, Boorsok, das zu jedem Mahl auf den Tisch kommt. Oder wie wäre es mit Stutenmelken? Danach fermentiert die Milch im dicken Ledersack und wird zu Kumys. Allerdings kann man auch etwas tun, wofür die Einheimischen kaum Zeit finden: nach einem klaren Tag auf die Nacht warten, denn dann erscheint jenseits aller Lichtverschmutzung deutlich am Himmel ein Schweif aus Milliarden von Sternen. Die Milchstraße.

Die Expedition erfolgte auf Einladung von Nabu und Biosphere Expeditions, einer gemeinnützigen Naturschutzorganisation, die Laien als »Bürgerwissenschaftler« beteiligt.

Bernadette Olderdissen ist freie Reisejournalistin und Krimiautorin aus Hamburg.

  • Essen: Picknick mit Erster-Reihe-Meeresblick an einem ruhigen Strand, irgendwo in der Welt.
  • Trinken: Ein guter Rum zum Ende des Tages – entweder in einer Beach Bar in Lateinamerika oder vor einem Kaminfeuer.
  • Lesen: Erzählungen von Weitgereisten in der Hoffnung, dass sie mich inspirieren können.

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