Aus: Land und Wirtschaft, Beilage der jW vom 08.08.2018

Absolute Stille

Nicht nur, aber vor allem Zugezogene wollen sich ihre Landlust durch nichts von all dem trüben lassen, was eigentlich zum Dorf gehört

Von Thomas Behlert
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Entenmastanlage im Oderbruch: So etwas möchte der Zugezogene nicht sehen, hören, riechen. Denn aus Zeitschriften wie Landlust war nicht zu erfahren, dass es auf dem Dorf auch Hässlichkeit, Lärm und Gestank gibt

Vogelgezwitscher und Bienengesumm wird gerade noch so als natürlicher Bestandteil der ländlichen Idylle akzeptiert. Alles, was darüber hinausgeht, wird vom Stadtflüchter, aber auch von so manchem Alt-Dorfbewohner bekämpft – mit allen Mitteln, die Bürgerliches und Strafgesetzbuch bieten. Von der in Deutschland epidemischen Klagewut sind Bauern ganz besonders betroffen.

Dabei hat der Landwirt schon mit seinen vier Hauptfeinden ausreichend zu kämpfen: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Dazu kommt heute für etliche die Bedrohung durch Gevatter Isegrim. Der reißt in seiner Mordlust Hunderte Lämmchen und Kälbchen. Naturschützer haben mit den Tierbabys aber ebensowenig Mitleid wie mit den Schäfern und Freilandrinderhaltern. In ihren Augen ist der Landwirt schließlich für alle Umweltsünden der Neuzeit verantwortlich.

Derzeit macht den Bauern die anhaltende Trockenheit Sorgen, es wird mit Ernteausfällen von etwa einem Drittel im Vergleich zum langjährigen Mittel gerechnet. Und wenn es ganz schlimm kommt, lümmelt ein Unbedarfter am Feld­rain, regt sich rauchend über den Staub und die Erntereste auf, die durch die Luft wirbeln und den Spaziergang beeinträchtigen. Wirft er dann sein Zigarette achtlos weg, steht das Getreidefeld schnell in Flammen.

In den Dörfern bekommen die Landwirte immer größere Probleme mit Zeitgenossen, die den temporären Lärm von Erntemaschinen nicht tolerieren wollen. So hat man sich in Mecklenburg-Vorpommern schon überlegt, ihnen in der Urlaubszeit zu verbieten, ihre Ernte am Wochenende von den Feldern zu holen. Völlig egal, ob am Montag Regen droht.

Hahnenkämpfe

Den Unmut von Menschen, die auf dem Dorf nichts als vollkommene Ruhe und Blütenduft erwarten, macht heute nicht nur Landwirten, sondern auch so manch alteingesessenem Hobbyzüchter das Leben schwer. So sorgte in Brandenburg jahrelang die Auseinandersetzung zwischen dem Geflügelbesitzer einiger Hähne und Hennen für Schlagzeilen. Erst im November 2016 wurde der Zitzer Hahnenstreit mit einem Kompromiss beigelegt. Der Nachbar des Züchters wollte dem Federvieh seine arttypischen Laute verbieten, also das Gackern und Krähen. Das Ergebnis des Gütetermins vor Gericht: Die Hühner dürfen von 8 bis 20 Uhr auf den Hof, an Sonn- und Feiertagen müssen sie im Stall bleiben. Außerdem darf der Besitzer der Tiere ganzjährig nur noch zwei statt acht Hähne halten. Zwischen August und Dezember dürfen vier weitere Junghähne dazukommen.

Bei Streitigkeiten um Geräusche, die durch die Landwirtschaft verursacht werden, geht es oft um die zulässige Höchstdauer von Erntearbeiten, die im Sommer wegen des Morgentaus erst gegen Mittag beginnen, dafür aber häufig bis Mitternacht fortgesetzt werden. In Gerichtsverfahren geht es dann um die zivilrechtliche Zumutbarkeit von akustischen, olfaktorischen, chemischen und und thermischen »Zuführungen« von einem auf das andere Grundstück nach Paragraph 906 des Bürgerlichen Gesetzbuchs und Paragraph 48 des Bundesimmissionsschutzgesetzes (BimSchG). Ins Spiel kommen hier Bestandsschutzregelungen und Durchschnittswerte, gemessen zum Beispiel in Dezibel, die toleriert werden müssen. In Verfahren, in denen es um landwirtschaftliche Tätigkeit geht, spielt häufig ein Grundsatzurteil aus dem Jahre 1999 eine Rolle. Damals entschied ein Gericht in Baden-Württemberg zugunsten eines Bauern, gegen dessen Erntetätigkeit ein Anwohner geklagt hatte. Dem Urteil zufolge muss im Sinne des BimSchG nur dann gehandelt werden, wenn »von den hervorgerufenen schädlichen Umwelteinwirkungen eine Gefährdung von Leben, Gesundheit oder bedeutenden Sachwerten« ausgeht. Und so dürfen Bauern auch spätabends Getreide ernten, aus dem später auch für den in seiner Nachtruhe gestörten Anwohner Brot gebacken wird.

Vielleicht sollte man neuen Dorfbewohnern mit besonderem Ruhebedürfnis als Willkommensgruß das Pixi-Buch Nummer 2.296, »Radau bei Bauer Lau«, schenken. Darin wird dem jungen Publikum erklärt, dass Hund Horst, Kuh Madame Mamelle, Schwein Mucky und der Traktor nach Herzenslust Krach machen dürfen. Neben der Lautstärke sind vor allem Gerüche, die die Tierhaltung erzeugt, ein großes Ärgernis. So beschwerte sich 2011 der damalige Finanzminister von Brandenburg, Helmuth Markov (Die Linke), der 2016 als Justizminister wegen einer Dienstwagenaffäre zurücktrat, bei seiner Gemeinde Bötzow (Landkreis Oberhavel) über die pferdehaltenden Nachbarn, weil deren Misthaufen ihm stank. Wohlgemerkt: Es handelte sich um einen Ort, der für sich mit dem Begriff »Pferdedorf« wirbt.

Duftmarken

Der Haufen des Unmutes lag und liegt im Dreiseitenhof der Pferdezüchter und -pensionsbetreiberfamilie Heinzig, die das Grundstück 2006 bezogen hatte. Doch infolge der Beschwerde des Ministers wurde ruchbar, dass für die von den Heinzigs errichteten Pferdeboxen keine Baugenehmigung vorlag. Ende Januar 2011 forderte das Bauordnungsamt den Abriss der Unterstände und die Entfernung des Misthaufens. Einer im Nachhinein beantragten Baugenehmigung wurde nicht stattgegeben. Dagegen klagten die Pferdehalter vor dem Potsdamer Verwaltungsgericht – und, oh Wunder: Die zuständige Kammer hob Anfang 2014 die Abrissverfügung auf und verpflichtete den Landkreis, die Baugenehmigung nachzureichen. Schon zuvor hatten die Pferdehalter eine Mauer um ihren Misthaufen gebaut und den Dung mit einer Plane abgedeckt. Schließlich errichteten sie auch noch eine zwei Meter hohe Glaswand als Geruchsschutz, um den Minister a. D. zu besänftigen.

Dass überhaupt so viel geklagt und Beschwerde geführt wird, dürfte ein untrügliches Zeichen für die Entfremdung der meisten Menschen von den Umständen sein, unter denen in der Regel Lebensmittel hergestellt werden. Denn landwirtschaftliche Anlagen stehen ganz oben auf der schwarzen Liste von Landluftschnüfflern. All die juristischen Winkelzüge sind zudem ein Indiz dafür, dass der Landwirt in der Gesellschaft keinen guten Stand hat. Dabei ist er derjenige, der die Kunst beherrscht, trotz 400 Arbeitsstunden pro Monat Geld zu verlieren, um Nahrungsmittel für Menschen herzustellen, die glauben, dass sie vergiftet werden.

Thomas Behlert hat in Halle an der Saale ­Agrochemie und Pflanzenschutz studiert und lebt als freier Journalist in Thüringen.

Er schreibt regelmäßig fürs junge-Welt-Feuilleton, aber auch für andere Presseorgane, darunter Das Blättchen und verschiedene Stadtmagzine. In der jW-Beilage Land & Wirtschaft war er zuletzt 2015 mit einem Beitrag über die Intelligenz der Pflanzen vertreten.

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