Aus: Stadt und Stadtentwicklung, Beilage der jW vom 04.07.2018

»Mit Bildung hat das nichts zu tun«

Kreuzberger Bündnis protestiert gegen geplanten Google-Campus. Gespräch mit Stefan Klein

Von Jan Greve
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Modern soll sie sein, die Stadt von morgen: Hochhäuser aus Glas und Stahl am Potsdamer Platz

Gegen den im Kreuzberger Kiez geplanten Google-Campus regt sich viel Protest. Mehrere Gruppen setzen sich bereits seit längerem für die Belange der Anwohner ein, so zum Beispiel auch die Initiative »Gloreiche Nachbarschaft«, die das Bündnis »No Google-Campus« mitbegründet hat. Wie kam es zum Protest?

Am Anfang haben wir noch gezweifelt und uns gefragt: Google-Campus, was ist das überhaupt? Und ist das für die Nachbarn überhaupt von Relevanz? Dann haben wir uns informiert und haben uns auch den Campus in London angeschaut. Je mehr wir gewusst haben, desto klarer wurde, dass wir etwas dagegen tun müssen. Die Reaktion der Nachbarschaft war und ist seitdem phänomenal: Die Leute reißen uns unsere Broschüre »Keine guten Nachbarn – Google, Factory und Co.« aus der Hand, sie kommen zu unseren Veranstaltungen.

Seit November 2016 sind die Planungen bekannt. Was genau hat Google da in Kreuzberg vor?

Google will seinen mittlerweile siebten Campus nicht ohne Grund im Reichenberger-Kiez aufmachen. Das tun sie ja nicht, weil sie hier eine freie Fläche gefunden haben. Sie wollen die gewachsene Struktur nutzen und Startups und Investoren anlocken.

Einen Google-Campus muss man sich wie eine Pyramide vorstellen. Unten gibt es ein Café mit freiem Eintritt. Voraussetzung ist aber, dass man Mitglied wird. Drinnen hat man dann schnelles WLAN, aber vor allem kann man dort Investoren und Startups treffen. In der nächsten Ebene befinden sich Coworkingspaces. Die sind relativ teuer, dafür hat man aber große Nähe zu Google und kann die Infra­struktur nutzen: Konferenzräume, Präsentationsräume, technische Ausrüstung. In der Spitze der Pyramide sind die von Google ausgewählten Startups, die entsprechend hochgebracht werden sollen, um etwa später von Google übernommen zu werden.

Ein Café in Kreuzberg – klingt erst einmal nicht ungewöhnlich.

Vielleicht, aber diese Struktur hat Konsequenzen. Es geht hier nicht um ein gemütliches Café. Im Google-Campus London sind mittlerweile über 70.000 Menschen Mitglieder, das gibt es seit sechs Jahren. Dort geht man nicht einfach zum Kaffeetrinken vorbei. Das wird die Infrastruktur rund um das Umspannwerk drastisch verändern. Die Vermieter werden dort die Gewerbepachten nicht mehr verlängern, in der Hoffnung darauf, dass sich dort neue zahlungskräftige Geschäfte ansiedeln.

Zudem sind ja die Coworkingspaces ziemlich teuer. Wenn die Firmen größer werden, gehen sie raus. Die suchen sich dann neue Geschäftsräume in der Nähe, schließlich werden sie ja den Kontakt zu Google halten wollen. Damit werden sie wiederum existierende Gewerbe verdrängen. Genau das ist die Veränderung, die man nicht nur befürchten muss, sondern die sich aus den Erfahrungen mit den anderen Standorten ableitet.

Offiziell heißt es ja, Google plane ein Weiterbildungszentrum. Dagegen kann man doch nichts haben.

Es ist frappierend, dass es Google ohne größere Anstrengung gelungen ist, diese Fehlinformationen durchzudrücken. Die Funktionsweise von einem Google-Campus hat mit Bildung gar nichts zu tun. Es gibt allerdings einen Trick: Google bietet Kurse für ältere Menschen und für Mütter an. Bei letzteren sprechen sie von »Mompreneurs«. Wenn man sich die Kurse dann aber ansieht, sind das ganz normale zehntägige Veranstaltungen unter der Überschrift »Wie gründe ich ein Startup?«. Die haben mit Menschen über 50 und Müttern überhaupt nichts zu tun – außer dass letztere dazu ermutigt werden, ihre Kinder mitzubringen. Ansonsten ist es eine normale Veranstaltung, zu der auch andere Leute kommen können. Google will den guten Ruf bekommen – Campus klingt ja auch nach Bildung. Nein, es sind reine Treffpunkte für Startups und Investoren unter der Obhut und Kontrolle von Google.

Von Google ist zu hören, man verstehe die Sorgen der Anwohner vor steigenden Mieten und Verdrängung. Als einzelnes Unternehmen könne man aber nichts dagegen tun.

Das Unternehmen dreht damit die Fakten glatt um, das ist totaler Irrsinn. Google ist ein aktiver Akteur in diesem Prozess. Sie könnten sich auch eine Fabrikhalle sonstwo nehmen, aber sie wollen eben in diesen Kiez. Sie wissen also, was sie tun.

google-ist-kein-guter-nachbar.de

Stefan Klein ist Mitglied bei der Initiative »Glorreiche Nachbarschaft«

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