Aus: Rosa-Luxemburg-Konferenz, Beilage der jW vom 07.02.2018

Über den eigenen Horizont

Zur XXIII. Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin mit Schwerpunkt Afrika kamen Besucher in Rekordzahl

Von Stefan Huth
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Das Thema hat offenbar einen Nerv getroffen: Mit mehr als 2.900 Besucherinnen und Besuchern verzeichnete die XXIII. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz einen neuen Teilnehmerrekord. Außerdem verfolgten einige Tausend Interessierte das Programm per Livestream aus der Ferne am Computer mit. Ihren Ruf als wichtigstes regelmäßiges Treffen nicht nur der bundesdeutschen Linken hat die RLK am 13. Januar zweifellos gefestigt.

Dabei erschien dem Veranstalter junge Welt wie den Unterstützern, mehr als 30 Organisationen und Herausgeber von Publikationen, eine solche Resonanz zunächst alles andere als gewiss. Die Konzeption war eine Premiere und zugleich ein Wagnis: Bei keiner der vorangegangenen Konferenzen stand wie dieses Mal ein einziger Kontinent im Zentrum.

Im Vorfeld waren Zweifel zu hören: Ist Afrika ein zugkräftiger Schwerpunkt für den politischen Jahresauftakt? Besteht nicht die Gefahr einer Verengung des Blickwinkels, in einer Zeit zumal, in der so viele Weltgegenden von Krisen und Kriegen heimgesucht werden? Doch bereits in einem sehr frühen Stadium der Planungen war den Beteiligten klar, dass sich zentrale Probleme und Widersprüche der globalen Wirtschaftsordnung, aber auch manche Lösungsansätze und alternative Entwicklungswege geradezu exemplarisch am Beispiel Afrika aufzeigen lassen. Das Themenspektrum ist breit und reicht von innerimperialistischen Konkurrenzkämpfen um Vorherrschaft auf dem Kontinent über die Zurückdrängung staatlicher Souveränitätsrechte durch neokoloniale Herrschaftspraktiken oder den schamlosen Ressourcenraub und damit einhergehende ökologische Verbrechen bis hin zu Kriegen und durch all das in Gang gesetzte Migrations- und Flüchtlingsbewegungen. Zugleich formiert sich auf dem Kontinent Gegenwehr, gibt es, wie die Zusammenarbeit mit Kuba und China zeigt, Beispiele für internationale Beziehungen, die auf Kooperation und gegenseitiger Achtung basieren.

Der politische Erkenntniswert einer in diesem Sinne umfassenden Betrachtungsweise, das bewies die Konferenz, ist groß. Denn im globalen Süden entwickelt sich gegenwärtig manches, was sich unter fortschrittlich Denkenden hierzulande erst allmählich herumspricht. Thema der RLK war damit zugleich, wie es der in Johannesburg lehrende Philosoph Achille Mbembe ausdrückte, die »Entkolonialisierung des westlichen Denkens, die Aufhebung seiner Provinzialität und Beschränktheit«. Befreiende Worte in einem Land, in dem der rechte Rand scheinbar unaufhaltsam in die gesellschaftliche Mitte rückt und tumbe Theorien der Ungleichheit sich mit solchen verbinden, die von der Homogenität eines »Volkskörpers« ausgehen und dessen »Reinheit« bewahren wollen. Dergleichen wird inzwischen selbst in Nachrichtensendungen und Talkshows verhandelt, kaum erstaunlich also, dass eine Veranstaltung wie die RLK, die sich diesem Diskurs konsequent verweigert, in Deutschland einem umfassenden Medienboykott anheimfällt.

Nachzulesen sind in diesem Spezial die Beiträge von Mumia Abu-Jamal (USA), ­Nnimmo Bassey (Nigeria), Jörg Kronauer (BRD), Achille Mbembe (Kamerun/Südafrika), Clotilde ­Ohouochi (Côte d’Ivoire), Enrique Ubieta (Kuba) und Ding Xiaoqin (China) sowie ein Podiumsgespräch anlässlich der Proteste gegen die Münchener »Sicherheitskonferenz« Mitte Februar und ein Gedicht der palästinensischen Spoken-Word-Künstlerin Faten El-Dabbas. Die umfassende Dokumentation aller Beiträge – hervorzuheben hier die aus aktuellem Anlass eingeschobene Manifestation der Solidarität mit dem bolivarischen Venezuela – bleibt der Mitte März erscheinenden Broschüre vorbehalten.

Auch die XXIII. Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz hätte es ohne die Hilfe und das Engagement vieler ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer nicht gegeben. Ihnen allen gilt der herzliche Dank von Redaktion und Verlag.

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