Aus: Ausgabe vom 07.02.2018, Seite 8 / Ansichten

Putztruppenopfer des Tages: Gomringers Gedicht

Von Arnold Schölzel
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Vor gut 200 Jahren endete irgendwann die gute alte Tradition der katholischen Kirche, missliebige Bücher dem Scharfrichter zu übergeben und sie öffentlich zu exekutieren. Der Wunderglaube dahinter meinte, der Buchinhalt hätte sich mit dem physischen Zerfetzen erledigt. Das Gegenteil war der Fall: Das Verbotene breitete sich aus und nannte sich Aufklärung.

Die Gender-Taliban an der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf verlangen nicht, das Gebäude, an dem das Gedicht »Avenidas« des Lyrikers Eugen Gomringer seit sieben Jahren zu lesen ist, abzureißen. Es gibt selbst bei Reinheitsaposteln, deren Ideal zwangsläufig das stets reine Nichts ist, Fortschritt. Die Berliner wollen lediglich übermalen. Der Hochschulsenat schloss sich dem Begehren eines Studierendenausschusses an, der nicht gegen Gomringers Text argumentierte, sondern dagegen, dass dieser »unangenehm« wirken könne.

Ähnliches war beim Bildersturm auf DDR-Kunst und -Bücher ab 1990 bereits zu besichtigen: Es wurde nicht mehr mit allerhand Pomp und markigen Reden verbrannt, nur millionenfach auf den Müll geworfen. Die Jagd auf Menschen, die mit diesen Büchern, Bildern und Denkmälern aufgewachsen waren, also kontaminiert sind, dauert allerdings noch an. Der Bundesrat forderte am Freitag die Bundesregierung auf, kein Ende der »Stasi«-Überprüfung im öffentlichen Dienst zuzulassen. Bücher hinrichten, auf den Müll werfen, Gedichte übermalen und überprüfen, ob die »Stasi« hinter allem steckt – im Mittelalter war weniger drin.

Die Berliner Akademie der Künste teilte am Dienstag mit: Sie will aus Protest gegen die Fanatiker von Hellersdorf ein anderes Gedicht Gomringers an ihrem Haus am Brandenburger Tor in Berlin anbringen: Es wiederholt in unterschiedlichen Schriftzügen das Wort »schweigen«. Die allgemeine Putztruppenmentalität wird das kaum stören.


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