Aus: Ausgabe vom 07.02.2018, Seite 8 / Ansichten

Keine Kehrtwende

Tarifabschluss in der Metallindustrie

Von Daniel Behruzi
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Ein seltenes Bild: Ein einzelner Gewerkschafter in Hamburg. An den vergangenen Warnstreiks nahmen etwa anderthalb Millionen Beschäftige teil

Das hätten die Metallunternehmer schneller haben können. Der am Montag abend erzielte Tarifabschluss für den Pilotbezirk Baden-Württemberg wäre so oder so ähnlich schon Ende Januar möglich gewesen – vor den 24stündigen Warnstreiks, bei denen eine halbe Million Metaller fast 280 Betriebe einen Tag lang lahmlegten. Schließlich haben die Firmenvertreter doch noch zugestimmt, ihren Angestellten nicht nur ein Recht auf vorübergehende Teilzeit einzuräumen, sondern Beschäftigten in Schichtarbeit, mit kleinen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen Freizeit »zuzuschießen«. Das hatten die Konzernvertreter in den vergangenen Monaten stets kategorisch ausgeschlossen.

Insofern handelt es sich um einen Punktsieg der IG Metall. Die Konzerne konnten oder wollten sich schlicht nicht leisten, dass die Produktion in Zeiten voller Auftragsbücher noch länger stillsteht. Doch auch die Gewerkschaft hat Federn gelassen. Das entscheidende Zugeständnis machten ihre Verhandlungsführer schon vor den 24-Stunden-Streiks: Die Arbeitszeiten können nicht nur individuell zwei Jahre lang auf bis zu 28 Wochenstunden abgesenkt werden. Die Betriebe können sie auch weiter nach oben flexibilisieren, indem mehr Beschäftigte statt 35 bis zu 40 Stunden pro Woche arbeiten. Der Unternehmerverband Gesamtmetall erklärte gar: »Damit wird nicht nur das durch Teilzeit entfallende Arbeitsvolumen ausgeglichen, sondern die Kapazitäten können bei Bedarf insgesamt erweitert werden.«

Damit ist klar, dass der Tarifabschluss – anders als von IG-Metall-Chef Jörg Hofmann behauptet – keine »Umkehr bei der Arbeitszeit« bedeutet. Weiterhin wird Flexibilisierung vor allem eines bedeuten: Mehrarbeit, die den Konzernen zugute kommt, potentiell auf Kosten der Gesundheit der Beschäftigten. Trotz der hervorragenden Ausgangslage – die Unternehmen sind ausgelastet, und die Streikkasse der IG Metall ist gut gefüllt – hat Europas größte Industriegewerkschaft hier keine Kehrtwende erreicht. Dass sie einer Arbeitszeitflexibilisierung nach oben so schnell zustimmte, lässt vermuten: Dies war nicht allein eine Frage des Kräfteverhältnisses. Vielmehr haben die gewerkschaftlichen Spitzenfunktionäre bei ihrer Tarifpolitik stets auch die Wettbewerbsfähigkeit im Blick. Arbeits- und Betriebsnutzungszeiten an die Marktschwankungen anpassen zu können, ist ein gewaltiger Konkurrenzvorteil deutscher Konzerne, den es aus dieser Sicht zu erhalten gilt.

Das Verdienst der IG Metall besteht darin, das Thema Arbeitszeit endlich wieder zum Gegenstand öffentlicher und tarifpolitischer Auseinandersetzungen gemacht zu haben. Im Osten könnten diese noch weitergehen, denn hier steht weiterhin die Gewerkschaftsforderung im Raum, die Arbeitszeitdiskriminierung zu beenden und endlich die 35-Stunden-Woche durchzusetzen. Das wird nur gegen den heftigen Widerstand der Unternehmen gehen. Denn dass die Arbeitszeit ein ideologisch aufgeladenes Thema ist, haben ihre Verbandsvertreter in dieser Tarifrunde bereits hinlänglich bewiesen.


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