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Aus: Ausgabe vom 16.04.2026, Seite 1 / Titel
Streik bei Vivantes

Und bist du nicht willig …

Erzwingungsstreik bei Vivantes in Berlin. Beschäftigte von Tochterunternehmen fordern gleiche Entlohnung
Von Susanne Knütter
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Im Ausstand für Gleichbehandlung. Beschäftigte der Vivantes-Töchterunternehmen am Mittwoch vor dem Urban-Krankenhaus in Berlin-Kreuzberg

Sie stehen ohnehin schon auf den untersten Stufen der Gehaltstabellen. Die Ausgliederung ihrer Tätigkeiten vor mehr als 20 Jahren hat sie noch einmal zusätzlich schlechtergestellt. Dabei ist ihre Arbeit für den Krankenhausbetrieb essentiell. Die Rede ist von Reinigungskräften, Patientenbegleitern, Beschäftigten in der Rehabilitation, der Versorgung und Sterilisation. Bei Vivantes in Berlin haben sich die Kollegen in diesem Jahr aufgemacht, der Zwei-Klassen-Entlohnung in den Tochtergesellschaften ein Ende zu setzen. Am Mittwoch sind sie in den Erzwingungsstreik getreten. Das heißt, sie sind jederzeit bereit, die Arbeit niederzulegen, bis eine Gleichbehandlung auf dem Lohnzettel erreicht ist.

Einer von ihnen ist Nicodem Tomkowiak. Er ist Sporttherapeut. Nach Operationen und Krankenhausbehandlungen – sei es in der onkologischen oder der kardiologischen Abteilung – hilft er den Patienten, wieder im Alltag anzukommen. Es geht um Muskelaufbau, Koordinationstraining, sportliche Rehamaßnahmen. Für die Arbeit bekommt er bei Vivantes Reha, einer hundertprozentigen Tochter von Vivantes, monatlich rund 600 Euro brutto weniger als Kollegen, die direkt bei dem kommunalen Krankenhauskonzern angestellt sind. Bei Angestellten des Medizinischen Versorgungszentrums ist der Lohnabstand sogar noch größer, wie Verdi-Verhandlungsführer Ben Brusniak am Mittwoch gegenüber jW erläuterte.

Hinzukommt, dass eine längere Betriebszugehörigkeit die Ungleichheit verstärkt. Denn von der betrieblichen Zusatzrente sind die Beschäftigten der Vivantes-Töchter ausgeschlossen. Auch dafür streiken die Beschäftigten – zunächst bis Freitag. Wenn Vivantes bei den Verhandlungen diesen Donnerstag und kommenden Montag kein deutlich verbessertes Angebot vorlegt, könnte der Ausstand schon nächste Woche fortgesetzt werden, so Brusniak.

Vivantes hat den gut 2.200 Beschäftigten der Töchter eine Angleichung an den Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes in mehreren Schritten über die nächsten fünf Jahre angeboten. Aber das geht den Beschäftigten nicht schnell genug. Insbesondere für die Kollegen in der größten Gruppe der outgesourcten Bereiche – der Reinigung – reicht das Geld seit Jahren nicht für die Miete und all die anderen Kosten, sagt Tomkowiak im Gespräch mit jW. Nun kommt eine neue Teuerungswelle dazu.

Entsprechend gut seien sie organisiert und streikbereit. Doch rigide sind hier auch die Gegenmaßnahmen von seiten des Mutterkonzerns. So versucht die Geschäftsführung etwa für die Reinigung und die Sterilisation gerichtlich eine höhere Besetzung im Streikfall durchzusetzen, als Verdi im Rahmen des Notdienstes angeboten hatte. Aus Sicht von Verdi eine Beschränkung des Streikrechts. Am Mittwoch führte das dazu, dass die Besetzung in der Zentralsterilisation nahezu an die normale OP-Besetzung heranreichte.

Bei der Demonstration am Mittwoch morgen beteiligten sich nach Angaben der Gewerkschaft 300 Beschäftigte, da stand das Ergebnis der Zählung der Streikenden aus Spät- und Nachtschicht noch aus. Diesen Donnerstag werden Ausstand und Protest vor die Landeszentrale der CDU verlegt. Denn auch die CDU-geführte Landesregierung hat es in der Hand. Bereits in drei Koalitionsverträgen wurde die »schnellstmögliche« Rückführung der Tochterunternehmen sowie die Herstellung fairer Arbeitsbedingungen versprochen. Die Umsetzung steht weiterhin aus.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (15. April 2026 um 23:40 Uhr)
    Wo ist das Problem? Wir ändern den Blickwinkel und erkennen, wie wichtig uns diese Menschen sind, die für normale Rechte immer noch streiten. Verrückt, oder? Eine kranke Person soll sich um sich sorgen, weil die Fürsorge darum abgewendet wird? Übrigens stelle ich mir als Hochverdiener die Frage, warum ich die Kindermedizin finanziere, wenn ich niemals Kinder haben will? Was stimmt nicht in der Realität? Wir leben an der Wirklichkeit vorbei. Sie beweist: Verzicht ist solidarisch. Erst in zehn Jahren geht es wieder los. Daher stammt die Arbeitsteilung: im Paarsein. Und die direkte Folge: die Kooperation. Daher auch unser innerstes Gefühl: das Glück. Auch wenn ich selber niemals Kinder haben könnte, weil bei mir irgendwas nicht funktioniert, ist alles besser, wenns klappt.
  • Leserbrief von Jens Knorr aus Berlin (15. April 2026 um 20:46 Uhr)
    Wenn die Besetzung in der Zentralsterilisation im Rahmen des Notdienstes nahezu der normalen OP-Besetzung entspräche, dann hieße das im Umkehrschluss, dass die Normalbesetzung lediglich einer Notbesetzung entspräche. Das aber könnte gegen gleich mehrere gesetzliche Bestimmungen sowie vertragliche Verpflichtungen des Konzerns verstoßen und böte Anlass, die Normalbesetzung dahingehend gerichtlich überprüfen zu lassen.

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