Klassenkämpfer des Tages: Italiens Strandrentner
Von Luca von Ludwig
In vielem sind Italiener und Deutsche sich ähnlich, sei es die Liebe zum Fußball, zu Spaßgetränken auf Basis vergorenen Ernteguts oder zu politischen Innovationen aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Auch das Liegen am Strand steht in beiden Nationen hoch im Kurs.
Allerdings sind die Deutschen bei dieser Angelegenheit eher simpel gestrickt und beschränken sich darauf, ihr Revier am Ozeanrand mittels Handtuch zu markieren. Während man sich an der Ostsee noch mit dieser Form der primitiven Sonnenplatzakkumulation herumschlägt, wurde am Mittelmeer bereits eine höhere Entwicklungsstufe erreicht und das sandige Reproduktionsmittel weithin in Warenform überführt. Über die Hälfte der 7.500 Strandkilometer im Lande gehören Privatleuten, die für die Benutzung ordentliche Mieten verlangen.
Ein Seniorenpaar aus dem italienischen Pescara bekam nun jüngst die Kündigung für ihren fast 50 Jahre lang dauerreservierten Platz in einem dergestalt durchrationalisierten Strandabschnitt ausgesprochen. Die 4.000 Euro Jahresmiete reichten den Eigentümern nicht mehr, man wolle sich fortan auf »junge Leute« konzentrieren, die ihr Geld auch an der Bar lassen würden.
Die Rentner gingen auf die Barrikaden – sprichwörtlich, Sie verstehen, die Hüfte. Kann man nachvollziehen, günstiger als ein Bett im Pflegeheim dürfte der Strand allemal sein. Durch einen Shitstorm in der Lokalpresse (dem Seniorenequivalent zum gewerkschaftlichen Arbeitskampf) konnten sie ein sozialpartnerschaftliches Friedensangebot erzwingen. Der Betreiber bot ihnen einen neuen Platz in der vierten Reihe an. »Das war ein Flecken Erde, schlimmer als ein Loch«, war allerdings die Antwort der betagten Frau.
Da bleibt den Senioren wohl nur der Guerillakampf. Und als neue Urlaubsdestination bleiben nur die Berge. Aber die sind ja bekanntlich eh die besten Freunde des Partisanen. Bella ciao!
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Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (2. April 2026 um 11:17 Uhr)Nach einem halben Jahrhundert ununterbrochenen Liegens ist der Strandplatz längst nicht mehr bloß ein Stück Sand, sondern ein emotional aufgeladener Besitzstand, ein sedimentiertes Grundrecht gewissermaßen. Wer so lange an derselben Stelle gesonnt hat, hat den Küstenstreifen nicht gemietet, sondern durch schiere Anwesenheit geformt – jede Druckstelle im Sand ein stillschweigender Vertrag, jede Schicht Sonnencreme ein Akt gelebter Besitzergreifung. Man könnte fast sagen: Nicht die Rentner liegen am Strand, der Strand liegt unter ihnen – historisch gewachsen, sozial eingebettet, körperlich eingeschrieben. Wenn das kein Gewohnheitsrecht begründet, was dann? Sollen nun ausgerechnet Neulinge mit funktionierenden Bandscheiben und akutem Cocktaildurst die Früchte jahrzehntelangen Liegertums abernten und zur Disposition stellen? Zumal die Erderwärmung das Problem ohnehin mittelfristig löst: Die nächste Generation wird sich an vielen Tagen gar nicht mehr unbeschwert dort sonnen können, sondern eher in den Schatten fliehen wie in eine Notunterkunft. Nein, hier gilt: Wer zuerst kommt und niemals geht, dem gehört am Ende zumindest moralisch alles. Und wenn das positive Recht versagt, bleibt immer noch die höhere Instanz – der empörte Blick über den Sonnenbrillenrand, schärfer als jede einstweilige Verfügung.
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (1. April 2026 um 21:44 Uhr)Ob die »neue Urlaubsdestination« in den Bergen Strandrentnern so viel Spaß bringt? Auch der Permafrost gibt nach! Wie wäre es mit trocken gefallenem Flussufer? Geschäftsidee: Schnell zuschlagen und privatisieren!
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